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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-06-01 · 9 (6.1937) · p. Seite 23

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
9 (6.1937)
Date
1937-06-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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Seite 23 Strasse und Hintergasse abgehalten. Die Gemeinde wächst stark; sie bestimmt ein 1751 erworbenes Haus neben der Synagoge zum Hospital (Hekdesch), d. h. für Unterkunft von Alten, Kranken und durchreisenden Armen, und 1770 kommt ein Gemeindehaus hinzu. In dieser zweiten Hälfte des 18. Jahrh. ist Offenbach eine viel genannte Gemeinde. Der berühmte Frankfurter Eabbiner Jakob- Josua Falk, der „Pne Jehauschua", ist den unendlichen Streitigkeiten in der Frankfurter Kehilla ausgewichen, hält sich zeitweise in Offenbach auf und kämpft von hier aus erbittert gegen offene und heimliche Anhänger des damals schon lange verstorbenen falschen Messias Sabbathai Zwi, gegen deren Amulettenunwesen und Mystizismus, vor allem, gegen den gelehrten Kabbalisten Jonathan Eybenschütz, Rabbiner von Altona, Hamburg und Wandsbeck. Während die Frankfurter Gemeinde beschliesst, ihn zurückzurufen, stirbt R. Falk in Offenbach. Die grossen Ehren, die der Verstorbene erfährt, gelten auch seiner Sache. — Aber zur gleichen Zeit ist dem Sflbbathai Zwf ein neuer Jünger entstanden, der Wolhynier Jakob Leibowicz Frank, einer der phantastischsten Abenteurer der Geschichte, der als angeblich wieder auferstandener Sabbathai Zwi neben seinem Uebertritt zur katholischen Kirche noch das Ritualmordmärchen für seine Glaubhaftigeit ins Treffen führt, 13 Jahre im Kerker zu Czenstochau sitzt, dann in Brünn eine Leibgarde von Ulanen, Kosaken und Husaren bildet, von seinen Gläubigen auch so unterstützt wird, daß er 1788 vom Fürsten zu Isenburg eins Schloss zu Offenbach mieten und dort als ,,Baron von Offenbach" mit einem civilen und militärischen Hofstaat. von etwa 1000 Menschen residieren kann. Offenbach wird regelrechter Wallfahrtsort der „Frankisten" aus Polen, Mähren, Böhmen und Deutschland. Frank stirbt zwar 1791 und wird auf dem katholischen Friedhof — aber ohne Mitwirkung der katholischen Geistlichkeit — beerdigt: aber reine schöne Tochter Eva ,.die heilige Herrin", residiert und empfängt im Schloss, wird hier sogar einmal von Kaiser Alexander I. besucht, stirbt aber 1816 nach vollständigem Vermögensverfall. Die letzten Anhänger Franks sind dann häufig an dem Namen Schäps von Schabsai Sab(a)tai, also etwa Sabbataist oder Schöps oder * ~m*f--P't-*>"' Schapsky erkennbar. — Zugleich mit Frank lebt Wolf Breidenbach, der Hoffaktor des Kurfürsten von Hessen-Kassel. Hof- und Kammeragent der Fürsten von Isenburg-Birstein. All seinen Einfluss bietet er für die Verbesserung der Lage der Juden in Deutschland auf. Isenburg-Birstein war das erste deutsehe" Land, das den Leibzoll der Juden abschaffte (1803); sofort folgten Kurhessen und zahlreiche kleinere Länder, im Verlauf weniger Jahre alle anderen deutschen Staaten. Breidenbach aber wird T"etzt aus einem Politiker zu einem Mäzen für Juden und Nichtjuden, der auch seine Gemeinde Offenbach grosszügig bedenkt, bis er 1829 hochbetagt stirbt. Schon 1767 hat R. Hirsch Segal Spitz aus Pressburg eine hebräische Buchdruckerei in . Offenbach begründet, die u. a. recht schöne Machsaurim herstellt, und dessen Firma bis ins 19. Jahrhundert bleibt. Vielleicht im Zusammenhang damit erlernt der 1791 als Kind armer Eltern in Offenbach geborene Isaac Erbe r s c h t die Buchbinderei. Nebenher aber lernt er Flöte, Geige, Gesang, rückt eines Tages aus, wird in Deutz Mitglied einer wandernden Musikergruppe und nach einigen Jahren — Vorbeter in Köln,- wo er übrigens einige schöne noch heute gebräuchliche Pessachmelodien aufschreibt. Sein siebentes Kind ist — Jacques Offenbach! — In enger Beziehung zum graphischen Gewerbe steht augenscheinlich auch der Vater des bedeutenden Offenbacher Rabbiners Dr. Salomo Formstecher. (Die „Formstecher" stachen die Formen für den Druck von Tapeten, in späterer Zeit auch Linoleum, in die hölzernen Druckwalzen.) Mit der kulturellen Bedeutung der Gemeinde wächst ihre bürgerliche Geltung. 1810 werden einige Natural-Judenabgaben: der Sortengulden, die Weinzapf-Akzise, das Musikgeld (eine Vergnügungssteuer!) und das Federlappengeld abgelöst; später erst fallen die Hundverpflegungsabgaben und die an die reformierte Pfarrstelle zu zahlenden Neujahrsgelder. Die Gemeindeeinrichtungen: Synagoge, Hospital, Frauenbad werden erneuert, 1821 die deutsche Predigt, an Schewuaus 1833 durch den einstweiligen Prediger und Religionslehrer, späteren Rabbiner Dr. Salomo Formstecher die Knaben- und Mädchenkonfirmation eingeführt. Offenbach ist seitdem eine entschieden liberale Gemeinde geblieben. Sie zählte 1834: 241 Familien, 1843: 150 schulpflichtige Kinder, 1900: 1200 Seelen. 1905 wohnen von 164 jüdischen Fabrikanten des Grossherzogstums Hessen 75 in Offenbach, 1913: 2360 jüdische Seelen mit etwa 300 schulpflichtigen Kindern. Zu Pessach 1916 wird ein grossartiger Synagogenbau unter der Ägide des Rabbiners Dr. I. Goldschmidt und des Vorstehers Dr. M. Goldschmidt eingeweiht. Krieg und Inflation schwächen die Gemeinde? 1924: 1700, 1937 kaum 1200 Seelen. Noch einmal erscheint 1927 in Offenbach ein Gottesdienstlicher Druck: die „Offenbaeher Haggada" von Dr. Guggenheim, dem jetzigen Vorsteher der Gemeinde; Ausdruck geschichtsbewussten Libt ralismus, edles Erzeugnis auch des Offenbacher graphischem Gewerbes. Musikalischer Mitarbeiter ist der 1. Kantor der Gemeinde, Markus Gottlieb. 1935 ersteht die jüdische Volksschule, Leiter Dr. Strauß. — Kreisrabbiner ist seit 1919 Dr. Max Dienemann (seine populärste Schrift: Judentum und Christentum). Sehenswert: die Synagoge an der Goethe- und Kaisrrstrasse. von Schwarz und Wagner erbaut, 30 m hoher, runder Kuppelbau mit etwa 800 Sitzplätzen. Er ist von einem Ostflügel mit Wochentagssynagoge, Verwaltungs- und Schulräume und von einem Westflügel mit dem grossen Festsaal (für 300 Personen) nebst Gesellschaftsraum und einem kleinen Saal im Dachgeschoss eingerahmt. Unter den zahlreichen Schreinvorhängen ein besonders schöner vom Krankenpflege- und Beerdigungsverein von 1725 und eine alte Sabbathhängelampe, ein kunstgewerbliches Meisterstück mit reicher figürlicher, durch die Bibel angeregter Verzierung. Auskuiiit Herr J. Schaul, Goethestrasse 1. Der alte F r i e d h o f, an der Bismarkstrasse, unmittelbar neben der Christuskirche. Sa GUTTMANN Inh. Robert Hlr8Ch ZEIL 115 1 gegenüber der Hauptpost Das Fachgeschäft für Teppiche, Gardinen, Dekorationen Julius Hammerschlag Bäckerweg 34 vermittelt rundstücke aller ß Art, Hypotheken-Kapital, Wohnungen u. Läden. 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