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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-06-01 · 9 (6.1937) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
9 (6.1937)
Date
1937-06-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 No. 9 Juni 1937 Damen-- und Herren-Wäsche Damenkleidung Strickwaren Kielderstoffe Hänufacturwaren Alles preiswert G gm -11 mt £Wß jy HH £G und gut im ÖßlluütutHl Text i I-Kauf haus '^m* ¥ ¥ W W ¥ W¥ W T W W an der Bockenheimer Warle Leipzigersirasse 14 Strumpfwaren Unterkleidung Schürzen Berufskleidung Bettwäsche Haushaltswäsche Arthur Sdinitzler in seiner Zeit von Dr. Lutz Weltmann Am 15. Mai wäre Arthur Schnitzler 75 Jahre alt geworden, ein Meister des europäischen Impressionismus, einer seiner Hauptvertreter in der Literatur, jener künstlerischen Richtung, von der heute nur noch ein Überlebender, der aber überlebensgross, im Norden zeugt: Knut Hamsun. Schnitzler ist Dokument eines Assimilisationsprozesses, von dem selbst ein völkisch eingestellter Literarhistoriker wie Nadler sagt: „Zwischen jüdischem und Wiener Wesen ist bei Schnitzler schwer abzurechnen, weil er beides so vollkommen ist". Vergangen wie diese Assimilisationsepoehe und die impressionistische Kunst ist das alte Oesterreich, dessen Darsteller Arthur Schnitzlr in seiner Dramatik und seiner Epik ist, die zusammen eine Sitten- und Kulturgeschichte der Habsburger Monarchie vor dem Weltkrieg und eine eomedie humaine ergeben, die an das zyklische Werk eines Balzac gemahnt; überhaupt ist uas Französisch ein Zug, der bei Betrachtung von Schnitzlers Werk leicht übersehen wird, obgleich er seine besonders hohe Schätzung in Frankreich erklärt: so hat seine Art zu arbeiten etwas vonder Zucht Flauberts wie seine „Therese" etwas von „Madame Bovary" abbekommen hat. Schnitzlers Dramen lockern Ibsens Technik musikalisch auf und ersehliessen sich zum Teil nicht mehr der Bühne, sind aber, wie die seines Meisters, als Dichtungen lesbar geblieben. Wenn aber das Leben eines Dichtwerks von der Gestaltung der Wirklichkeit abhinge, wären auch seine beiden jüdischen Werke, „Der Weg ins Freie" und „Professor Bernhardi" längst versehollen, auch für uns Juden verschollen. Es ist eine historische Zeit, die der „Weg ins Freie" darstellt: es sind kluge Gespräche über die Judenfrage, feine Charakteristiken jüdischer Typen, dichterisch objektivierte Verteilungen von Licht und Schatten, von. Skepsis , und Ironie — aber in einem Zeitalter, das vergangen ist, aber in einer Weltanschauung, deren Dauer um ist; ein neues Geschlecht, das aus unserem Umbruch hervorgegangen ist, wird es freilich als zeitgeschichtliches Quellwerk sehr hoch schätzen können, höher vielleicht als wir, die wir die Menschen des Buches besser kennen und die künstlerischen Reize besser nachzuschmecken vermögen, als, möglicherweise, eine kommende Jugend. Aber ein Zeiterleben, wie es nicht jeder Generation zuteilgeworden ist, trennt uns von des Dichters Lösung: „Ich glaube überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen". Von solchem Individualismus trennt das neue Gemeinschaftserlebnis eine Welt. Wenn Schnitzler freilich fortfährt: „denn die Strassen dorthin laufen ja nicht im Lande draussen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren Weg zu finden", so ist diese —relative — Schwäche in der Behandlung der Judenfrage zugleich die Stärke eines verinnerlichten Dichters. Denn der Schauplatz seiner Dichtungen ist nicht Oesterreich, nicht das Judentum, es ist das „weite Land" der menschlichen Seele! Auch im Aerzte-Kollegium des „Professor Bernhardi" sind Juden mit schonungsloser* Offenheit gezeichnet wie im „Weg ins Freie". Dies Drama ist charakteristisch für Schnitzlers Künstlertum sowohl wie für seine Betrachtung jüdischer Dinge: Bernhardi weist einen katholischen Geistlichen ab, einer Kranken die Sterbesakramente zu reichen, damit sie glücklich, ohne um ihr nahes Ende zu wissen, hinüberschlummere. Er handelt nach Schnitzlers Lebensmaxime: „Glücklich machen ist besser als schuldlos sein", die übrigens, genau besehen, eine liberale Spielart-von ewigen Vorschriften der Lebensreligion des Judentums ist. Der Held macht keine grosse weltanschauliche Angelegenheit daraus, aber wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum zieht die Affäre weitere Kreise und mündet in eine Frage der Politik. Es ist ein Zeitstück: wie Hamsun jenseits des Politischen der letzte grosse Konservative ist, so Schnitzler in einem gleichen metapolitischen Sinne der letzte Liberale. Aber auch zugleich ein Kritiker der liberalen Weltanschauung: die Menschen, die ihr anhangen, sind geprellte arme Teufel wie im mittelalterliehen Puppenspiel — auch Sehnitzlers Variationen des Todesproblems haben gleich tief zurückführende kulturelle Wurzeln — weil sie nur die Freiheit wovon begriffen haben, nicht die Freiheit wozu. Das sind die Schatten der Melancholien, die im Zwielicht einer untergehenden Welt über seine Gestalten fallen. Stark ist in Schnitzler der Wille zum Positiven. Seinem Casanova legt er die Worte in den Mund: „Ein frühgeschlossenes ist das stärkste Band. Weh dem, der ewig1 sucht, wohl dem, - der fand". Und auf den erstaunten Einwand: „Ein solcher Spruch aus Casanovas Mund?" erhält der Frager die Antwort:„Bewahren Sie ihn sorglich im Gemüte. Noch keinem gab ich höhre Weisheit kund". Dieser Casanova ist ein Sucher, der andere glücklich macht, dessen Geliebte „plaudernd, lächelnd, lachend, wie schwesterlich vereint" sind — und selbst am Ende leer ausgeht. Es ist wohl kein Zufall, daß die Casanova-Gestalt ausser Schnitzler noch andere Juden angezogen hat — Hofmannsthal, Stefan Zweig, Ernst Lissauer, Eaoul Auernheimer —, wenn sie auch nur bei Schnitzler zum Symbol des jüdischen Suchens von Ideal zu Ideal wird, zum Wanderer, den unerfüllte Sehnsucht forttreibt und in dessen Schicksal sich die Gebrechlichkeit der Welt kundtut: „Und könnten Männer je so Brüder sein, wie alle Frauen Schwestern, fürwahr, das Leben war ein leichter Ding". Um nicht für die relativistischen Weisheiten verantwortlich gemacht zu werden, die seine Menschen innerhalb der dramatischen Situation aussprechen müssen, hat er eine Sammlung „Büch der Sprüche und Bedenken" und als Gegenstück dazu die Broschüre „Der Geist im Wort und der Geist in der Tat" zusammengestellt, die unentbehrlich sind, wollen wir das dichterische Gesamtwerk Schnitzlers für die iüdische Welt retten. In unverbindlicher Form lernen wir hier den Denker Schnitzler kennen: den wir wohl einen jüdischen Denker nennen dürfen — und der Denker ist uns ein verbindlicher Wegweiser durch sein dichterisches Lebenswerk. - Wenn er darin auf die Judenf rage zu sprechen kommt, r JUWELEN /GOLDi / SILBER D ' * ■ -■ ." 3 $S&Sllf*^^?®*SSfS3S33tB™ «tO«i~ HGSfeCKe echt Silber fundTversilbert Trauringe Uhren An- und Verkauf aus Privatbesitz stets Gelegenheiten QB H/29301

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