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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-06-01 · 9 (6.1937) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
9 (6.1937)
Date
1937-06-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 No. 9 Juni 1937 sehen des uns entrissenen Lebensinhalts mit einem anderen, der in Wirklichkeit sich von dem alten nur durch die veränderten Vorzeichen, nicht aber durch ein verändertes Wesen unterscheidet. Man konzertiert nun unter sich, man debattiert nun unter sieh, man turnt nun unter sich — und das wäre begriffenes. Judenschicksal unserer Zeit! Wo uns diese Auffassung begegnet — und sie wird uns bei rechtem Hinhören nur zu oft begegnen —, da haben wir das Ungenügende dieser Ansicht aufzuzeigen. Nur zu leicht kann es dazu kommen, daß der wahre Anspruch des Schicksals vorüberweht, ohne begriffen und ohne ergriffen worden zu sein. Zu dieser Verfälschung des Bildes von jüdischer Antwort auf das Schicksal kommt in rein pädagogischer Hinsicht ein unglückliches Verstehen und Wirksamwerden eines gut gemeinten Begriffs, des Begriffs der Judentumskunde. Man versteht unter diesem Sammelbegriff die Kunde von all dem, was auf dem Gebiete des Judentums wichtig, wesentlich und lebendig ist. Darunter fällt also die Kunde von jüdischer Geschichte, Gegenwartssituation in der Welt, besonders in Palästina, Entwicklung und Wesen des jüdischen Geistes und seiner Kultur in allen deren Erscheinungen und schliesslich auch von der Sprache des Judentums. Alle diese Wissenszweige sind jeder für sich wichtig und keinem von ihnen kann genug Raum im Unterrichte gegeben werden. Niemals aber konnte und durfte damit gemeint sein, daß nunmehr ein vollgültiger Ersatz dafür geboten wäre, was im eigentlichen und engsten Sinne des Wortes der Religionsunterricht zu geben hat. Freilich: den vorher genannten Tendenzen kommt das passend, sich mit der säkularisierten Kunde vom Judentum eine Entlastung gegenüber der Verpflichtung unserer Zeit zu beschaffen. Es kommt noch ein anderes hinzu, um den hier geschilderten Umstand so weit zu steigern, daß vielfach von einer Flucht vor dem Unterricht in Religion in einem Unterricht in anderen Dingen des Judentums gesprochen werden muß. Es ist doch unendlich viel leichter, jüdische Geschichte oder Palästinakunde zu geben als wahrhaft guten Religionsunterricht zu bieten. Dort kann man sich hinter ein Lehrbuch verschanzen, objektive Tatsachen mitteilen und jeder persönlichen Stellungnahme, jeden verpflichtenden Ernstnehmens entraten. Hier aber heisst es, sich in allem persönlichen Sein, ohne sogleich immer gedrückte Hilfe bereit zu haben, dem jungen Menschen und seinen Sorgen und Fragen zu stellen. Es soll gewiß nichts gegen irgend eines der Fächer der Judentumskunde gesagt sein-, sie dürfen aber nicht auf Kosten des eigentlichen Religionsunterrichtes in den Sattel gehoben werden. Es geschähe nämlich sonst, daß ein wirklicher Religionsunterricht unter dem Gewicht der sachlichen Unterweisungen ersticke — und niemand wüsste um seinen Tod. Wir können also zusammenfassend für diesen ersten Teil der Veränderungen — derjenigen am Stoffe nämlich — sagen: einer gesteigerten Beziehung zum Stoffe steht die grosse Gefahr eines Erdrücktwerdens durch den Stoff gegenüber. Was wir an Nähe zum Lernbaren gewinnen, können, wir an Vertiefung im Seelischen verlieren. Den Veränderungen im Stofflichen gesellen sich diejenigen an den Schülern zu. Unsere Jugend steht in all hrer Kraft der Zukunft anders gegenüber als es die bürgerlich gesicherten Generationen sich noch hatten leisten können. Unsere jungen Menschen sind vor viel weiter ins Zukünftige und Menschliche gerichtete Probleme gestellt. Die Frage nach dem Sinne des Lebens hat ihre akademische Unverbindlichkeit verloren und einen leibhaften Ernst bekommen. Wo dies aber der Fall ist, braucht der Religionsunterricht dem jungen Menschen gegenüber nicht mehr seine Existenznotwendigkeit zu legitimieren. Hinzu kommt noch ein weiterer Umstand, den wir als ein Neues erkennen, ohne damit vergangenen Generationen Unrecht tun zu wollen. Es ist doch so, daß das Bündische mit seiner Haltung innerer Wahrhaftigkeit und ungeschminkter Ehrlichkeit auf die gesamte Jugend unserer Zeit gewirkt hat. Man nimmt Dinge des Wissens und der Weltanschauung ernst, besonders dann, wenn man spürt, daß es wirklich in irgend einer Weise einen selbst angeht. Es ist so, daß man die Dinge nicht auf sich selbst beruhen lässt, sondern mit ihnen in eine Ich - Du Beziehung zu kommen bemüht ist. Das kann dem Religionsunterricht nur zustatten kommen, denn für ihn gäbe es keine grössere Gefahr, als daß die Schüler das Wissen brav lernen würden und darauf verzichteten, sich der Sache selbst von sich her zu stellen. Darum kann es nur eine Vertiefung des Religionsunterrichtes bedeuten, wenn in diesem Zusammenhange von dem Ernstnehmen des Zweifels durch die Bünde gesprochen werden muß. Das Gefährliche dieses ümstandes werden wir sofort erkennen müssen, zunächst aber muß betont werden: es muß doch für unser Wollen und Tun weit fruchtbarer sein, wenn der Zweifel als ein Faktum nicht nur hingenommen, vertagt und vertan, sondern herausgeholt, in seiner Tiefe und Weite erfahren und in seiner motorischen Kraft durchgekämpft wird. In diesen erfreulichen Erscheinungen im Bilde unserer Jugend liegt aber zugleich das Bedenkliche gegründet. Wer in Ehrlichkeit der Welt begegnen will, wird dies freilich immer unter eigener Verantwortung tun müssen. Hier wird jedoch eine Verantwortung gesucht und beansprucht, die Menschen in diesem Alter nicht haben können. So kommt diese Jugend dazu, bei dem Bestreben, einer Vergewaltigung ihrer Entwicklung durch Eingriffe von aussen zu entgehen, in eine viel verhängnisvollere Vergewaltigung der eigenen Entwicklung auf Grund der eigenen Unerfahrenheit und allzu sehr -verkürzten Schau der Dinge zu geraten. Erscheinungen solcher Art lassen sich vielfach am Gesamtbilde unserer Jugend aufweisen, in unserem Zusammenhange soll nur darauf hingewiesen sein, daß der als Durchgangserscheinung zu Recht ernst genommene Zweifel dann eine Fälschung und Verkümmerung der seelischen Entwicklung bedeuten muß, wenn man ihn verabsolutiert und eingefrieren lässt. In diese Benennung einer negativen Erscheinung in der Einstellung unserer Jugend müssen wir noch einen Umstand einbeziehen, den wir uns recht nüchtern und klar zu Bewusstsein bringen müssen. Nicht die gesamte jüdische Jugend beantwortet ihr eigenes Schicksal mit der intensiven Bemühung um Heimkehr ins Judentum. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Zahl junger Menschen, denen diese Heimkehr nicht mehr möglich zu sein scheint, die darum auf den äusseren Druck mit umso stärkerer innerer Ablehnung reagieren. Und selbst wenn die Zahl der in diese Richtung denkenden jungen Menschen gar nicht so gross wäre, als negativer Pol werden sie immer ein nicht zu übersehender Teil unserer Schulklassen sein. Für die Gesamtlage in diesen Klassen können wir aber resümierend sagen: der Verleb endigung des Interesses im jugendlichen Ich entspricht eine Gefährdung durch die Unausgeglichenheit und Masslosigkeit eben dieses jugendlichen Ichs. Das Aufweisen der doppelten Veränderungen an Stoff und Schüler lässt uns nunmehr in aller Deutlichkeit die Forderung nach einem neuen Ziele des jüdischen Religionsunterrichtes aufstellen. Es kann nicht genügen, Wissen zu vermitteln, sondern, was in allererster Linie nottut, ist: Erziehung zur Gesinnung, Bildung einer Weltanschauung, Gestaltung einer inneren Haltung. Damit werden wir den Forderungen dieser Zeit gerecht. So allein wird es möglich sein, dem Ersticken im Stofflichen zu entgehen. Nur hierdurch werden wir das Aufgeschlossensein unserer Jugend fruchtbar erfüllen. Für die Praxis wird die Forderung eine stark detaillierte Gestalt annehmen müssen, der wir die Form von 10 Grundsätzen geben wollen: 1. Unterrichtsziel: Verhelfen zu Religiosität und nicht nur Vermittlung von Wissen. 2. Subjekt des Unterrichtes ist der Schüler. 3. Anerkennung einer „Schonfrist" (Pubertätsalter) in der Besprechung religiöser Themata. 4. Umwelteinflüsse — Einflüsse der Bünde — sollen eingebaut, und nicht in die Rolle eines Märtyrerdaseins gestossen werden. 5. Geschichte, d. h. die Darstellung der Zeit nach der zweiten Tcmpelzerstörung, ist Voraussetzung nicht Inhalt des Religionsunterrichtes. Abgrenzung ist notwendig. 6. Ethik ist einzubauen und an Hand von Quellen-Lektüre, deutsch oder hebräisch, zu bepreehen.

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