Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 9 (6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis für Gemeindemitglieder vierteljährlich 45 Rpfg. (einsohl. Znstellnngsand Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Rpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaao & Co., Reineokstr. 17/19, Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluss für die nächste Nummer: 18. Juni 1937 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliohe Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 15. Jahrgang Frankfurt a. M., Juni 1937 Nr. & Probleme des jüdischen Religionsunterrichts von heute von Rabbiner Dr. Heinrich Lemle Zu den Erscheinungen des jüdischen Lebens, über die Klage geführt wird, gehört leider auch der Religionsunterricht vergangener Jahrzehnte. Der Laie erkennt einen Mangel an Wissen; mehr noch aber empfindet er, gerade in dieser Zeit, daß ihn der Religionsunterricht oft nicht angesprochen und in Wahrheit sein Weltbild nicht geformt hat. Der Fachmann weiss andererseits davon zu berichten, wie sehr an jenem "Übelstande die alte Cheder- Methode und die neuere Katechismus-Mode Schuld tragen. Sie beide wollten möglichst viel schwierigen Stoff vermitteln, ohne es zu dem notwendigen und fruchtbaren Erwachen des Schülers gegenüber dem Stoffe kommen zu lassen. Der Laie beklagt die Wirkung, der Fachmann weiss um die Ursache; beiden gemeinsam ist die Erkenntnis, daß es gerade heute mit dem Religionsunterricht anders bestellt sein muß; denn unsere Jugend braucht auf ihrem Weg in die Fremde und. in's Ungewisse eine starke Gesinnung, einen festen Charakter, die Fähigkeit eigen-persönlicher Auseinandersetzung mit dem Letzten des Lebenssinnes. Daß es mit dem jüdischen Religionsunterricht auch anders bestellt sein kann, soll hier aufgewiesen werden. Der Unterschied zwischen dem, was jüdischer Religionsunterricht einmal war, und dem, was er heute sein kann, ist jedoch im Grunde nicht etwa nur ein Unterschied der Unterrichts-Methode, sondern er muß ein Unterschied des Erziehungszielessein. Bei der Darstellung der Veränderungen, die die neue Zeit für diesen Teil jüdischer Pädagogik gebracht hat, unterscheiden wir zwischen Veränderungen im Stofflichen und solchen in der Situation der Schüler. Wir werden ausserdem zwischen Veränderungen, die wir als positive bewerten können, und denen, von denen wir sagen müssen, daß sie sich zum Negativen auswirken, zu trennen haben. Wir beginnen mit den positiven Veränderungen im Stofflichen. Hier können wir zuerst von der gewaltigen Hebung der Bedeutung des Jüdischen sprechen. Was man früher vielleicht nicht selten erst mit Darlegungen und logischen Schlüssen zu erweisen hatte, hat die Sprache des Schicksals unüberhörbar werden lassen: die Tatsache einer jüdischen Existenz. Wir werden auch vielfach — aber nicht überall; darüber noch weiter unten — finden, daß diese jüdische Existenz von den jüdischen Menschen als ein Wert empfunden wird. In diesem Sinne können wir viel Energie, die wir bisher der „inneren Mission" zuzuwenden hatten, für anderes frei bekommen. Wir werden in diesen Fällen nicht mehr auf den bewussten oder unbewussten Widerstand stossen, zumal auch das Elternhaus vielfach seine Beziehung zu unserem Tun von Grund auf gewandelt hat. Jüdische Haltung, jüdische Weltanschauung und jüdische Religion sind geschichtsgebunden. Es musste sich also bemerkbar machen, daß eine starke Belebung geschichtlichen B ewusstseins eingesetzt hat. Wir sehen draussen die neuen und volksstarken Bewegungen ihre Programme und Pläne für die Zukunft an der Bestätigung durch die Geschichte ausweisen. Im jüdischen Kreise kommt zu dieser allgemeinen Strömung die ganz spezielle jüdische Erfahrung unserer Tage: Schicksal und Leben längst vergangener Tage, die man immer als stete und unwiederholbare Erscheinungen hingenommen und entsprechend unbeteiligt kennengelernt hat, sind Schicksal und Leben unserer eigenen Generation geworden. Da das Geschick uns einen so lebhaften Geschichtsunterricht erteilt, wird die Beziehung zu jüdisch-geschichtlichem Kulturgut leichter herzustellen sein. Schliesslich hat sich wieder im allgemeinen — und von dort her dann auch bei uns — die Stellung zu Leben und Mensch wesentlich geändert. Wir stehen in einer Zeit deutlicher Hinwendung zum Irrationalen. Sie muß nicht nur Zeichen der Schwäche sein, sie kann echtes Erwachen eines Erkennens des Unterschiedes von vergänglichen und ewigen Werten bekunden. Dieses Erwachen ist bei uns nach solch heftigen Erschütterungen, wie sie die letzten Jahre uns beschert hatten, um so heftiger erfolgt. Für den Religionsunterricht ist damit aber eine weit fruchtbarere und erschliessbarere Grundlage menschlicher Haltung gegeben. Zu diesen seelischen Veränderungen gesellen sich mehr im Organisatorischen liegende, deren Bedeutung wir keinesfalls unterschätzen dürfen. Der Einbau des Religionsunterrichtes in ein umfassendes jüdisches Schulwesen kann (!) ihm den Charakter, Fremdkörper in einer sonst so ganz anders gearteten Schulumwelt zu sein, nehmen. Viel Kraft, die sonst für die Bewältigung dea psychischen Uebergangs von anderen Stunden zu der des Religionsunterrichtes nötig war, kann hierdurch frei werden. Zudem sollte der Geist des Judentums, der doch dem gesamten Schulwesen zu eigen sein soll, im Religionsunterricht sich zur Konzentrierung und Intensivierung auswirken. Nicht vergessen wollen wir, daß die Belebung des Hebräischen sich als frischer Impuls auch für die Bearbeitung der im Religionsunterricht wichtigen Quellen erweisen müsste. Ein müheloseres Bewältigen der philologischen Schwierigkeiten sollte die Freude am Inhaltlichen reiner und stärker erstehen lassen. All diesem gegenüber dürfen wir die vielen Gefahren nicht übersehen, die gerade unserer Zeit eigen sind. Selbst wenn wir dem Teil der Juden, dem die Erneuerung Ernst ist, nicht gemäß dem üblichen Pessimismus ansetzen, ist es doch unverkennbare Wahrheit, daß für eine bedenklich grosse Masse die Heimkehr zum Judesein nur eine Mode war und ist. Das wird jedem Lehrer eine Mahnung sein. Mehr noch aber ist es unsere Aufgabe, die Tatsache einer nur oberflächlichen Reaktion auf das grosse und tief gehende Geschehen klar zu stellen *und dann alle erdenklichen Vorkehrungsmassnahmen zu treffen. Hier ist es an uns, zu verhüten, daß das Echte verfälscht und dadurch wirkungslos wird. Auch in jenen Fällen, wo an dem Ernste, mit dem man dem Neuen sich stellt, nicht gezweifelt werden darf, besteht eine grosse Gefahr: man verniedlicht oder verflacht die Antwort an das Schicksal. Umbruch heisst in all diesen Fällen einfach Vertäu-