Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 7 (4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 aber war zum Guten, dass Gott seinen Grimm au Jerusalem kühlte, so heisst es auch (Klagel. 4) „Zu Ende gebracht hat Gott seinen Grimm... und Feuer gelegt an Zion", denn sonst wäre ganz Israel seiner Schuld gemäss in Vernichtung geraten. Sonst aber lässt Gott seinen Namen nicht ruhen auf Schlimmem, und selbst wenn Israel sündig ist, erweist er ihnen Ehre und erwähnt auch Israels Namen nicht zum Schlimmen. TVnn ais er wegen der Krankheiten an der Haut warnt, heisst es nur ,,wenn einen Menschen befällt", Mensch ist gesagt, nicht Israel, und auch Gottes Name ist hier nicht genannt, weil „bei Lir nicht Schlimmes gastet"." Vom Sinn dieser Predigt Die alte Predigt ist hier in ihrer Geschlossenheit wiedergegeben und sie trägt alle Merkmale der alten Predigten an sieh, di;j souveräne Art der Bibelauslegung, die Verlavüpfung von Bibelstellen miteinander, die an sich nicht miteinander in Bezie hung stehen und zwischen denen der tiefer Schauende eine Beziehung findet, die Selbstverständlichkeit, mit der vorausgesetzt wird, dass der Hörer jede leiseste Anspielung verstehen wird, weil man eine volle Kenntnis der Bibel bei ihm erwarten darf. Zum besonderen Verständnis sei gesagt: der Anfang des Ganzen ibt eine Herausarbeitung der jüdischen Auffassung im Gegensatz zur christlichen, dass nämlich die Welt nicht aufgefasst wird als stets unter dem Gericht stehend, dass nicht das Gericht als der letzte Ausdruck des Planes der Welt empfunden wird. Um diese Gewissheit in die Seelen fest einzupflanzen, wird in immer neuer Wiederholung der Gedanke abgewandelt, dass Gott nicht einmal seinen Namen mit einer Strafe verbinden will, unter Ausserachtlassung vieler Stellen, an denen die gegenteilige Beobachtung zu machen wäre. Zur Begründung des Gedankens werden Ereignisse aus der Geschichte hergeholt, die Predigt wird so zu einer Geschichtswiederholung, und Geschichte wird lebendig. Das Endziel bleibt die Hinlenkung auf den Trostgedanken, dass Israel nie völliger Vernichtung anheimgegeben ist. Dazu dienen so feinsinnige Bemerkungen, wie die, dass schon der eine Augenblick, in dem die glühende Kohle von Hand zu Hand geht und sich, wenn auch unmerklich, abkühlt, eine Milderung der Strafe bedeutet. Besonders beachtenswert ist der, ganz nebenbei gegebene Hinweis darauf, dass schon das eine Gnade war, dass sich die Verbannung nicht auf einmal vollzog, weil so die zuerst Ausgewanderten den Nachkommenden seelische Hilfe bieten konnten. Der Hörer konnte seinen eigenen Gedanken weiterspinnen und sieh selbst sagen, wieviel Gnade und Fürsorge Gottes noch in jedem schweren Erlebnis sich offenbart. Um diesen Gedanken zu verwurzeln, scheut der Autor nicht zurück, aus dem 9. Kapitel des Jeeheskel das gerade Gegenteil von dem herauszulesen, was wirklich in ihm steht. Man lese selbst da nach! Erst ganz am Schluss ergibt sich die Hinleitung auf das im Wochenabschnitt gegebene Thema, auf die Plagen und den Aussatz. Und ganz selbstverständlich werden sie als schlimme Strafen für ein Vergehen angesehen, es wird vorausgesetzt, dass jeder das weiss. Schuld und Plage Wofür aber sollen sie die Strafe sein? Auch dazu wird ein Wort gesagt. „Sie kommen über den Menschen wegen Götzendienst, wegen der Entweihung des göttlichen Namens, wegen unkeuschen Lebenswandels, wegen Diebstahl, wegen Verleumdung, über den, der falsches Zeugnis ablegt, über den Richter, der das Recht zuschanden macht, wegen Meineid, über den, der in ein Betätigungsgebiet eindringt, das ihm rechtlich nicht zusteht, über den, der lügnerische Gedanken denkt, oder über den, der Streit zwischen Brüdern entfacht Manche sagen, auch über den, der missgünstig und neidisch auf den Nächsten schaut oder wegen Hochmuts, oder über den, der ohne Grund seinen Nächsten verdächtigt." So wird jede Gelegenheit benutzt, um den Sinn für seelische Sauberkeit zu vertiefen and zu festigen. rä»-5 Schulentlassung — was nun? Die Antwort der Frankfurter Grundlehre Schon in den letzten Jahren bedeutete die Frage nach der Unterbringung der jüdischen Jugend, die die Schulen verlassen hatte, eine ernste Sorge für die zuständigen Stellen. In diesem Jahre ist die Frage zum Gegenstand der Besorgnis der jüdischen Allgemeinheit geworden. Hunderte von Schulentlassenen allein aus unserer Gemeinde, weitere Hunderte aus den kleinen und kleinsten Gemeinden der Umgebung sind vor die Frage gestellt: was nun? In diesem Augenblick erweist es sich als glückliche Vorsorge, daß unsere Gemeinde durch die Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe vor einem Jahr die Frankfurter Grundlehre ins Leben; gerufen und unter Aufbringung grösster Opfer erhalten hat. Jetzt nämlich bat die Frankfurter* Grundlehre zu ihrer Aufgabe, die im vorigen Jahr bei ihr untergekommenen 120 Jungen fortzubilden, eine grössere bekommen: weitere 120 Knaben sollen zum ersten Ausbildungsjahr als Schreiner,Schlosser und Gärtner aufgenommen werden. 120 Eltern sollen aufs neue in diesem Jahr in ihrer Sorge um die berufliche Zukunft ihrer Kinder entlastet werden.,Wenn diese Absichtgelingensoll, wenndieEinrichtung derFrankfurterGrundlehreüberdenAugenb Ii e k hinaus und unabhängigvonstetenquälenden Sorgen um die Finanzierung erhalten werden soll, muß jeder Jude sein Teil beitragen. Was im vorigen Jahre 120 Eltern, was in diesem 120 weiteren Eltern zum Segen gereichte, kann im nächsten oder in den folgenden Jahren jedem einzelnen in unserer Gemeinde oder seinem von ihm umsorgten Glaubensbruder zum Segen werden. Stützt; deshalb die Grundlehre, um Euer und Eurer Kinder willen! Helft, damit möglichst viel Aufnahmen in diesem Jahr erfolgen können! Nähere Angaben siehe Seite 20.