Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 6 (3.1937)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 VON DER FRIEDB. ANLAGE r ~\ In allen Stadtteilen r w y Zeil 68 1. Stock, äuIzüo , v—_/ n j****** lUB Fernsprecher 28368 Alles for die Hausfrau Vollständige Einrichtungen für ■b Auswanderer u. Brautpaare Margarete Ackermann - Mainzer Fachgeshäft für Haus- und Küchengeräte Reineckstr. GEMEINDEBLATT Anzeigen-Verwaltung M. I S A A C & CO. Tel. 24888 9-1 u. 3-7 Uhr Mctfl Gr-öftre Auswahl in den modernsten Formen und in allen Preislagen Gröjjres Spezialhaus Norddeutschlands Hamburg Lübeck Hannover Corsetthaus GAZELLE ZUR HAUPTWACHE Andere reihten sich an. So neben den bereits erwähnten Tharand unter anderen Jean-Eiehard Bloch, alles Namen, die heute auf aller Lippen sind. Wollte ich alle literarischen Strömungen in ihrem Verlauf wie in ihrer charakteristischen Eigenart zu erkennen mich bemühen, dann hätten bestimmt 2 Bände nicht ausgereicht. Ich hätte eine lange Reihe von Büchern schreiben müssen, die Arbeit an ihnen hätte wohl mein ganzes Leben erfüllt. Denn gerade dieser Zweig der französischen Literatur hat seit der Zeit des Waffenstillstandes besonders zahlreiche Blüten getrieben. Persönlich war ich viel zu stark an diese Bewegung gekettet, als dass ich nicht mit Recht als parteiisch gegolten hätte. Es kam mir aber bei meinen gelegentlich niedergeschriebenen Darstellungen wirklich nur darauf an, ein allgemeines und zusammenfassendes Urteil über sie abzugeben. Ein Teil der in der Jetztzeit schreibenden Schriftsteller findet daran Gefallen, das Trennende und Unterscheidende besonders stark hervorzuheben, statt das Uehereinstinimende und Verbindende zu betonen. Ob das zum Guten oder zum Bösen sich auswirkt, ich weiss es nicht. Jedenfalls finden einige meiner liberalen, republikanischen \md sozialistischen Freunde an der heute geübten Methode keinen besonderen Gefallen. Die jüdische Bourgeoisie allerdings wundert sich und gerät in grosse Bestürzung. Denn sie hält sich für eine Elite, Aveil es ihr gelungen ist, in die katholische und protestantische einzudringen, weil sie gleich ihnen Paläste in den feinen Vierteln und Limousinen Besitzt und im Winter im Südexpress und dem Train bleu mit ihnen nach dem Süden fährt. Sie findet, dass wir zu sehend, zu wenig verschwiegen seien. Denn, so meinen sie, in einem Lande mit einer so alten Zivilisation, wie es das unsere sei, gehöre es unbedingt zur guten Erziehung, in keinem Falle sich irgendwie bemerkbar zu machen. Man bemerkte sie in der Tat nicht, ebenso wenig wie man ihre Väter oder Grossväter bemerkt hatte. Sie waren ja auch so gut erzogen, hielten sich sonst zurück und waren dabei recht klug. Den anderen, jedem einzelnen unter ihnen, waren sie völlig gleich geworden. Waren ihre Söhne die Ersten in der Klasse, nun ja,' sie wurden dafür zwar nicht gescholten, ihren Eltern bereitete es zum mindesten kein besonderes Vergnügen, weil auch das geeignet war, die Aufmerksamkeit in besonderem Masse auf sich zu lenken. Weder nach rechts, noch nach links; weder nach oben, noch nach unten! Das ist ihr Judentum. Etwas Geruhsames. Friedliches. Erdgebundenes oder, wie der Rabbiner Julien Weill es formulierte, ein „tres juste milieu". Man versetze sich doch wirklich einmal in die Zeit zurück, wo sie nur Israeliten waren und in furchtbare Aufregung gerieten, wenn sie das Wort Jude nur aussprechen hörten. Um keinen Preis der Welt, selbst nicht um den der Originalität' oder der Begeisterung, hätten sie dieses Wort je von ihren Lippen gebracht, weder im gesellschaftlichen Leben, noch bei einem , Vortrag, auch nicht auf der Universität oder im Theater. Lieber tauchten sie die Feder gar nicht erst ein. lieber legten sie Pinsel und Schere beiseite wie alles, dessen man bei der Kunsi des Kupferstechens bedarf; auch lehnten sie es ab, zu schnitzen oder zu gravieren, .wo es sich um die Darstellung eines jüdischen Bildes oder einer jüdischen Szene handelte. Haben sie für alle diese Opfer, so möchten wir fragen, die gesellschaftliche Gleich-; Stellung erlangt, die sie erstrebten? Haben sie dafür wirklich Ruhe und dauernden Frieden gefunden? Ich möchte es bezweifeln. Ihre ewigen Feinde haben es ausgezeichnet verstanden, sie aus ihrem Versteck herauszuholen und ihnen die „Maske vom Gesieht zu reissen". Die grobe, aber. wenigstens offene Haltung war wirklich noch nicht am schlimmsten. Sie war den wuchtigen Wellen zu vergleichen, die so breit und schwer dahinflössen. Viel gefährlicher waren die unzähligen kleinen Wellen, die die grossen entstehen Hessen. Ich spreche von dem zweideutigen Lächeln,- von dem bekannten zarten Händedruck, kurz von dem sich ausbreitenden Antisemitismus, der, man spürte es, mit jedem Tage in unmittelbarster Umgebung selbst bei denen immer mehr an Raum gewann, deren Werke man liebte, deren Leben man bewunderte, mit denen zusammen man schuf und stritt ...... Heute daran zu denken oder gar davon zu sprechen, erscheint fast unmöglich zu einer Zeit, wo die jüdische Jugend ihrer selbst bewusst geworden ist, wo es jüdische Theaterstücke, jüdische Zeitschriften, Romane und Gedichte gibt. Mit Neugier und Sympathie zugleich verfolgten die unabhängige Kritik und selbst katholische Zeitschriften diese gewaltige Bewegung der jüdischen Renaissance. Man berichtet über sie und fängt an, sie zu erforschen. Der jüdische Beitrag, zur geistigen Arbeit der Völker wird nicht mehr als verderblicher Keim oder Schimmel sondern als Hefe gewertet.