Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 6 (3.1937)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter Bachurim-Lied (Ich klage mit Worten) In Nr. 23 des 12. Jahrgangs der „Bayrische Israelitische Genieindezeitung" (1. Dezemher 1936) veröffentlicht Rabbiner Dr. Max Hatten (Bamberg) „Kulturgeschichtliche Dokumente". Er berichtet darin, daß es ihm vor kurzem gelang, auf dem Dachboden des Gotteshauses einer nicht mehr bestehenden Landgemeinde neben alten, wurmzerfressenen und halb vermoderten Büchern ganze Stösse von Schriften zu finden, die mit hebräischen Buchstaben bedeckt waren. Aus diesen Schriften veröffentlichte Dr. Katten a. a. 0. einige Beispiele, darunter den Inhalt eines Gedichtes, das er „Leiden eines Frankfurter Talmudschülers" benannte. Herr Dr. Katten hatte die Freundlichkeit, das Gedicht uns zur erstmaligen Veröffentlichung zu überlassen. Auf 6 zusammengehefteten Schmalfolioseiten, von denen Blatt 4 und 6 leer sind, sind die 25 achtzeiligen Strophen des Gedichtes "in hebräischer Schrift und jüdisch-deutscher Sprache mit Tinte aufgezeichnet. Herr Bürodirektor I. Meyer hat sich der Mühe unterzogen, diese Verse zu übertragen und unter Mitwirkung von Herrn Professor Dr. Freimann mit ergänzenden Fußnoten zu versehen.Diese ÜbertragTing1 bringen wir heute aus Anlaß des P u r i mfestes zur Kenntnis unserer Leser, denn es ist wahrscheinlich, daß das Gedicht, ein Scherzgedicht, von einem jungen Studenten in Frankfurt verfasst und bei einer Purimveranstaltung vorgetragen wurde. Das Gedieht ist vermutlich um 1750 entstanden, worauf, neben den Sprachformen, die vorkommenden Namen aus der Gemeinde Frankfurt schliessen lassen. Die Frage nach dem Verfasser wird im Zusammenhang mit anderen Problemen, die sich aus der Durchforschung des Gedichtes ergeben, demnächst von Herrn Professor Dr. Aron Freimann, zusammen mit dem hebräisch geschriebenen Text, in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erörtert werden. Dabei wird der Text in seiner ursprünglichen Schreibform zur Veröffentlichung gelangen. Die Schriftleitung 1) Orid besichi1). Wie geht es uns Bachurim hie? Hie in Frankfurt leiden mir grosse Pein; Grosse Pein müssen mir leiden, Bis mir müssen Frankfurt meiden. Hejn2), wie .können mir das ausstehen, Daß man mit uns arme Bachurim tut in Frankfurt aso umgeh'n! 2) Gehen tun mir nach Frankfurt mit etwas Geld un ein ganz Kleid. Schwochaus3) zu bekummen, vermeinen mir in ein kurze Zeit. Menujim4) tut uns keiner absagen, Wenn mir unsere Rekommandation abtragen. Wenn es auf dem Verhören sollt ankommen, Werden mir gar bald angenommen; Heji, mit alle Bachurim müssen mir herausgehen, Mir müssen sehen, wer da werd in besten bestehen. 3) Bestehen tut es mit uns gar schlecht. Wenn mir sein nur in Frankfurt etliche Nächt'; Ein' Batzen Schlafgeld wollen mir gern sparen. Auf die Bank in die Klaus5) müssen mir herumfahren; Herumfahren müssen mir in die Klaus, Zu Essen und zu Lernen haben mir kein Haus. Hejn, das sein mir nit im Stand' auszustehen, Wenn schon unser Geld sollt' drauf gehen. 4) Gehen tun mir und dingen uns ein Geläger un ein Bett; Mir geben unser NechomeG) auf der Sehabbos — Blett7). Ein Blett tut man uns geben, Ein' Batzen Schlafgeld müssen mir legen daneben; Die ärgste Blett tut man uns aufzwingen Oder gar bei Mosche Gascht8) andingen. Hein, wenn wir Sehabbos zur Nacht von Tisch geh'n, Vor Hunger und vor Durst tut unsrbald die Neschomo9) ausgehen! 5) Gehen tun mir,bei dem Rebbe unsere Rekommandation antragen, Er tut uns die Menujim gleich aufsagen; Er sagt: „Menujim zu werden ist gar schwer, Weilen jetzund sein keine leer10); Ein' anderen aufzusagen ist eine Awere u), Weil jetzund ist die Präger Gesere 12)." Hejn, ist denn unser' Gesere nit grösser als die Präger? Kein Essen, kein Trinken, kein Geläger! 6) Geläger bekommen mir endlich durch grosse Chanuve13), In ein Cheder14), wo man kann nit steh'n bekume sekuve15), Ein Bett aso korz als wie in Sodom So finster wie in Tehom16). Die Orchim17), Ratten und Mäus' tun um uns lofen, Vor Lärmen können mir die ganz' Nacht nit schlofen. Hejn, wie weren mir aso müd von ihr Springen und Tanzen. Was steh'n mir aus von Flöhe und Wanzen! 7) Bei dem Baiboos18) leiden mir grosse Zores, Er halt einem nur f or ein' Meschores19)." Er sagt: „Du musst mir in allem parieren; Wenn ich nit wär gewesen, hätt'st Du müssen krepieren; Wenn Dir das tut nit anstehen, Die ander Blett kannst Du fortgehen." Hejn, was is das for ein Gesere20) Kriee21) über en Berere22)! 8) Wenn der Bocher23) sollt einmal die Schul verschlofen, Mit Springen und Tanzen tut der Baiboos zum Rebbe lofen. Er sagt: „Was ist das für ein Bocher, der nit Schulen geht, Er waass doch, was geschrieben steht. Aso einem soll man geben zu Essen un zu Sofen, Der alle Tag tut die Schul verschlofen? Hejn, was tu ich mit aso ein Wohltäger24)? Ich will ihm aufsag'n sein Geläger." 9) Keiner tut kein S'chus25) auf ihm suchen. Jeder treibt Risehus26) als Memuchen27). Und der Bocher ist nebbig aufgeblieben die ganze Nacht Und sein Zeit mit Lernen verbracht; Aufgeblieben ist er die ganze Nacht in ein Stück Und nit mafsik28) gewesen ein Augenblick! Hejn, mai kule hai29), wenn der Bocher einmal die Schul' Es geschieht nit gar oft! ' [verschloft, 10) Wenn etliche Chadoschim30) seinen vorbei, Hört man in die Gass' ein gross' Geschrei. Ein Gassenjung ruft aus: „Oh, alle Bachurim sollen kommen verhören in Reb Maier Un wer da werd aussen bleiben, [Budge sein Haus; Den soll man aus Frankfurt treiben!" Hejn, wie ist unter die Bachurim ein Jelole31); Mancher wird krank vor grosse. Behole32). 11) Was helft aber alle Ausred'? Weil Jospel Oppenheim mi Bajis le Bajis s3) geht, - Bis er den Bocher tut antreffen, Der sich mit einer Ausred' will helfen. Derbei tut er ihm beschem Bachurim — Gabbe34) ansagen: „Werst Du nit gleich geh'n verhören, werd' man Dich aus Hejn, der Bocher is meschanne Zure, [Frankfurt jagen." Oi, leausse zore35). 12) Er muss endlich sein Lernen sogen. Wenn er schon sieht sein Schlimmassel vor Ogen. Er geht zu Verhören in einer Maure86), Weil er nit recht kann Raschi37) und Tausfes37) und Gemore.38) Er mag gehen bei Reb Tebele oder bei Reb Maier Ein' Null is ihm betuach auf dem Papier 39). Hejn, der Bocher hat Maure vor sein Schewises40), Er muss einnehmen Charpes ubusches41).