Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 6 (3.1937)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 3 Das Wort im Psalmvers machaschowot geht auf eine Wurzel zurück, die auch berechnen heisst, sodaß es auch mit Berechnungen übersetzt werden kann. Darauf gründet sich die folgende Deutung: „All die 2448 Jahre, bis Israel aus Aegypten zog, hat der Heilige, gelobt sei er, alle Berechnungen vorgenommen, Schaltmonate eingesetzt, die Monate und die Jahresanfänge geheiligt; als Israel auszog, übergab er das Israel, er sprach zu ihm (2. M. 12,1) „Dieser Monat soll euch sein der erste aller Monate", von Jetzt an ist's in eure Hand gelegt". Diese Deutung, die in das große Thema der Erlösung eingegliedert ist, will unterstreichen, daß die Handhabung des religiösen Erbgutes, das Israel zugeeignet ist, in Israels Hand gelegt ist, und daß es zu den Folgen der Befreiung und Erlösung gehört, daß Israel, um mit den Worten des Midrasch zu reden, ,,den Schlüssel zu seinem Haus überliefert erhielt". Das „euch" des Bibelverses wird noch ausdrücklich dahin verstanden, daß mit der Bestimmung des Jahres nach dem Monde Israel von andern Völkern unterschieden ist. Aber wie wird das ausgedrückt? „Rabbi Juda sagte, in allem Tun ist Israel von andern Völkern unterschieden, im Pflügen, Säen, Ernten, Garbenbinden, Dreschen, in der Tenne und der Kelter und im Zählen. Im Pflügen, denn es heisst (5. M. 22,10) „du sollst nicht pflügen mit Ochs und Esel in einem Gespann"; im Säen, denn es heißt (5. M. 22,9) „du sollst deinen Rebgarten nicht zwieartig besäen"; im Ernten, denn es heisst (3. M. 19,9) „die Nachlese deiner Ernte sollst du nicht auflesen"; im Garbenbinden, denn es heisst ( 5. M. 24,19) ..wenn du eine Garbe vergisst auf dem Felde, sollst du nicht umkehren, sie zu holen"; im Dreschen, denn es heisst (5. M. 25,4) ,.du sollst dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul verbinden"; in Tenne und Kelter, denn es heisst (5. M. 15,14) „aufladen, ja aufladen sollst du ihm — dem freiwerdenden Knecht — von deinem Kleinvieh, von deiner Tenne und deiner Kelter"; im Zählen, denn die Völker der Welt zählen nach der Sonne und Israel nach dem Mond, denn so heisst es (2. M. 12,1) „dieser Monat soll euch sein der erste aller Monate"." Hier tritt der deutliche Wille zutage, die Verschiedenheit Israels von seiner Umwelt in seiner religiösen Sonderart zu suchen; allerdings wird der Begriff des Religiösen nicht auf das Gottesdienstliche und das Brauchtum beschränkt, sondern als das Lebensbeherrschende und alle Lebensbetätigung Bewegende erfasst. Die stärkste Note wird in der Erklärung der Bibelstelle vom Charakter des Neumonds Nisan angeschlagen, indem sie in mehrfacher Abwandlung mit dem Vers aus den Sprüchen (13,12) in Beziehung gesetzt wird „eine langhing«zogen© Erwartung ist Krankheit fürs Herz". „R. Chija bar Abba sagte, das bezieht sich auf Israel. Als Mosche zu Israel kam und sagte, der Heilige, gelobt sei er, hat mir aufgetragen, sage Israel (2. M. 3,16) „ich habe euch bedacht", sagte Israel zu ihm, unser Lehrer Mosche, noch ist die Zeit des Bedenkens nicht gekommen; als er aber zu ihnen sagte, in diesem Monat werdet ihr erlöst werden, sagten sie, das ist ein gutes Zeichen, so heisst es (Spr. 13,12) „ein Baum des Lebens ist erfüllter Wunsch"." Das will sagen: Glauben erweckt nur eine bestimmte Leitung, die nicht auf nebelhafte Fernen sich stützt, sondern die Kraft auf ein Unmittelbares, jetzt zu Verwirklichendes sammelt. Der eben aufgenommene Faden wird unter Berufung auf den Vers im Hohen Lied (2,8) „die Stimme meines Geliebten, siehe, er kommt" weitergesponnen. „Als Mosche zu Israel sagte, in diesem Monat werdet ihr erlöst, sagten sie zu ihm: wie können wir erlöst werden? Aegypten ist doch voll von unsenn Götzendienst, keinerlei gute Taten stehen uns bei! Da sprach Mosche zu ihnen, da er euch erlösen will, schaut er nicht auf euren Götzendienst, er schaut auch nicht auf eure schlechten Taten, er schaut nur auf die Taten der Bewährten unter euch." Es ist auch hier die gleiche Note, nur die Unmittelbarkeit einer Botschaft erweckt Vertrauen und Zuversicht. Bei dieser Deutung aber kommt noch das Eine hinzu, der Hinweis darauf, daß Gottes Ratschlüsse und Taten nicht von der Würdigkeit der Menschen bedingt sind. Würdigkeit wäre nie bei allen, immer sind es Einzelne, in denen die Würde eines Volkes sich darstellt; und Gnade fragt nicht nach Verdienst und Tat, sie gibt, und indem sie gibt, reisst sie aus dem Schlechten heraus. Die alte Deutung zu diesem Bibelkapitel schliesst mit Folgendem ab. „Es heisst vom ersten Pessachopfer (2. M. 12,11) „so sollt ihr es essen, eure Lenden gegürtet, eure Schuhe an den Füssen, euren Stab in der Hand, und ihr sollt es essen in Eile", aber für die Zukunft, was ist da verheissen? (Jeschaj. 15,12) „Nicht in Eile gehet ihr aus, nicht in Fluchtmarsch geht ihr hinwee, ER geht 3a vor euch her, und eure Nachhut ist der Gott Israels"." Will sagen, wahrhafte Erlösung ist nicht das, was in Hast und Eile ergriffen wird, nur damit man einem augenblicklichen Leid raschest eatrinne, sondern was planvoll und unter dem Bewusstsein, einer gottgesetzten Aufgabe zu gehorchen, gestaltet und geleitet wird. Frankfurter Zionistische Vereinigung gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency u. des Keren Hajessod (Jüd. Paiäsfinawerk e. V.) Dr. Michael Traub, Berlin ■■■■■■■^■■■■■■■■■■■^■■■■■■■■H Das Jüdische Volk vor der Königlichen Kommission Samstag, den 6. März, abends 8.30 Uhr in den Sälen des Vereinshauses, Eschersheimer Landsfrasse 27 Kartenvorverkauf: Nummerierte Plätze RM. 1.—, nichtnummerfert RM. 0.50 — Sekretariat, Unteriindau 21, Drogerie Schneemann, SchMerstrasse 2, Strauss'sche Buchhandlung, Biebergasse 13, Cafe Falk, Eschenheimer-Aniage 33, Jugendheim, Eschersheimer Landstrasse 67, Konditorei Freimark, Sandweg 17, Buchhandlung Rawer, Battonnstr. 25