Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-03-01 · 6 (3.1937) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
6 (3.1937)
Date
1937-03-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094439-3094445--5614-3100432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Das Sekriftwort Heiligtum und Erlösung von Max Dienemann . Die Wochen von der Verkündung des Neumonds Adar bis suin Beginn des Monats Nisan sind nicht nur durch die jeweilige Toravorlesung bestimmt, sondern auch durch die Abschnitte, die, herausgehoben aus dem fortlaufenden Fluß der Vorlesung, vier Sabbate als Vorbereitung und Hinleitung auf das Pessachfest auszeichnen. Diese besonderen Abschnitte verbinden sich nicht immer mit den gleichen Toraabschnitten; je nach dem kalendarischen Charakter des Jahres wechselt das Verbündensein. Es besteht daher auch keine innere Beziehung zwischen dem jeweiligen Toraabschnitt und der Vorlesung des die Besonderheit eines jeden der vier Sabbate bestimmenden Bibelstückes. In gtrennten Gedankengängen sind sie beide Brennpunkte dieser Wochenkreise. Aus dem Kreis der regelmässigen Bibelvorle-vungen seien jetzt hier Deutungen der Alten zu dem Thema der Aufstellung des „Zeltes der Gegenwart" in der Wüste wiedergegeben. „Es heisst (2. M. 35,30) „Seht ER hat mit Namen berufen den Bezalel... und er hat ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Weisheit, mit Unterscheidung, mit Erkenntnis". Mit diesen drei Kräften ward die Welt erschaffen, denn so heisst es (Spr. 3,19) ,,E R. mit Weisheit hat er die Erde gegründet, mit Unterscheidung gefestigt den Himmel, mit seiner Erkenntnis spalteten sich die Tiefen"; mit diesen drei Kräften ward einst das Heiligtum erbaut, denn soheißt es (1. Kg. 7,14) von Chiram, dem Werker am Tempel Salomos, „er war erfüllt von Weisheit, Unterscheidung und Erkenntnis": und auch in Zukunft wird das Heiligtum aus diesen drei Kräften neu erbaut werden, denn so heisst es ( Jesehaj. 11,2) „auf. ihm wird ruhen SEIN Geist, der Geist der Weisheit und der Unterscheidung... der Geist der Erkenntnis". Der Heilige, gelo'trt sei er, spricht: in dieser Welt gibt mein Geist Weisheit in euch, und in der künftigen Welt gibt er neues Leben in euch, denn so heisst es (Jechesk. 37,14) „ich gebe meinen Geist in euch und ihr lebet wieder auf"." Man sehe in dieser Deutung nicht nur ein In-Verbindung- Setzen gleich abgestimmter Bibelverse; hier ist eine gedankliche Verknüpfung bewusst hergestellt. Bar Autor will sagen: Weltschöpfung, Heiligtum und das künftige Leben — ob . es nun die Ewigkeit oder die Zeit des Messias ist — stehen in einem anlöslichen Zusammenhang, sie bestehen nicht für sich selbst, sie bedingen einander, jedes ist unvollkommen ohne das andere. Das Verbindende ist der Geist Gottes, und er offenbart sieh in dem Dreiklang von Weisheit, das ist das tiefe Wissen um Welt und Menschen und die mancherlei in ihnen lebendigen Kräfte, Zielsetzungen und Irrtümer, Unterscheidung, das ist das Vermögen, gut und böse voneinander zu sondern, und E r kenntn i s, das ist all das, was aus Forschen und Ueberlegen gewonnen wird. Der Geist als der das Leben Regierende wird als Geist Gottes zum Bestimmenden erhoben. Es heisst (2. M. 37,1) „Bezalel fertigte die Lade". Dazu der Midrasch: „das ist's, was geschrieben steht (Spr. 9,9) „gib dem Weisen und er wird weise sein darüber hinaus"; als Mosche dem ßezalel sagte, fertige eine Wohnung, fragte Bezalel, und wozu soll die Wohnung dienen? Antwortete ihm Mosche, Gottes Gegenwart ruhen zu lassen in ihr und Israel die Tora zu lehren. Darauf, fragte Bezalel erneut: und wohin wird man die Tora legen? Jetzt sagte ihm^ Mosche, perua wir j3|erW#lm^ den,-wcllien wlT-eihe^ LMB'lbauenr er aber' begannmit "der Lade*'. Nach einem anderen Bericht war es Mosche selbst, der Bezalel zuerst die Lade bauen biess, obgleich Gottes. Befehl begonnen hatte mit dem Worte (2. M. 25,8) „sie sollen mir fertigen ein Heiligtum"; und warum das? Von dem Heiligen, gelobt sei er, lernten die Bewährten, daß man mit dem Licht beginne; als der Heilige, gelobt sei er, die Welt aufzubauen gedachte, hüllte er sich in Licht, so heisst es (Ps. 104,2) „er hüllte Licht um sich wie «in Gewand, er spannte aus den Himmel", darum begannen sie .mit.der Lade für die Tora, die Licht genannt wird (Spr. 6,23) „eine Leuchte ist.das Gebot und die Tora ein Licht"." -; Ob dieser oder jener Bericht, der tiefere Sinn ist beide mal der. daß es nicht nur darauf ankommt, einen erhaltenen Befehl pünktlich und genau zu erfüllen, sondern daß der wirklich sich Bewährende aus eigener Ueberlegung und selbstständigem Mit- und Weiterdenken finden muß, was im Augenblick zu tun wichtig ist. Gerade aber zu der Anfertigung der Lade gibt es zwei Bemerkungen von besonderer Kraft. „Wir finden, daß der Heilige, gelobt sei er, als er dem Mosche gebot, die Wohnung zu errichten, bei jeglichem Gerät sprach „und d u sollst tun", bei der Lade aber heisst es „sie sollen tun"; warum? Der Heilige, gelobt sei er, gebot ganz Israel, sie anzufertigen, daß keiner den Vorwand habe, zum ändern zu sprechen: ich habe mehr, an der Lade getan, darum lerne ich mehr und habe mehr Anteil als du, du hast nichts zur Lade gegeben, darum hast du keinen Anteil an der Tora." Und die andere Bemerkung: „Rabbi Jochanan sagte, drei Kränze sind mit drei Geräten im Heiligtum verknüpft, einer > war am Tisch, ihn nahm David, er war der Kranz des Königtums; einer war am Altar, ihn nahm Aaron, er war der Kranz des Priestertums; einer war um die Lade, wer will, kann ihn sich erringen". Der Sinn ist klar und eindeutig, die Tora ist niemandes Sonderrecht, sie gehört keinem zu eigen, sie ist ganz Israels Erbe und Eigen, jeder ist zu ihr verpflichtet, jeder hat sein Recht an ihr. ' - * In diesem Jahr folgt auf den Sabbat, an dem der Bericht von der Erbauung des „Zeltes der Gegenwart" verlesen wird, der Sabbat, mit dem als dem Beginn des Monats Nisan das Bibelstück verbunden ist, das die Ankündigung der nahenden Befreiung aus Aegypten enthält (2. M. 12,1-20). Es wird in der älteren Deutung, die nach ihrer Weise erst nach mancherlei Abschweifung zum eigentlichen Ziel vordringt, mit dem Psalmvers (40,6) in Verbindung gebracht „Grosses hast du getan, D U, mein Gott, deine Wunder und deine Gedanken sind auf uns gerichtet". Dazu wird bemerkt: ..Rabbi Chinnena bar Papa erklärt das so: Alle Wunder und Pläne, die du geplant hast, damit Abraham, unser Vater, das Joch der fremden Herrschaft annehme, waren um unsretwillen, damit wir in der Welt bestehen können. Schimon bar Abba sagte im Namen Rabbi Jochanans, vier Dinge zeigte der Heilige, gelebt sei er, unserem Vater Abraham, nämlich die Tora, die Opfer, die Hölle und die grossen Reiche, die einst Israel besiegen werden. Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Abraham, solange deine Kinder sich mit den zwei ersten, der Tora und den Opfern, beschäftigen, bleiben sie von den beiden andern verschont, aber wenn dann einstens das Heiligtum zerstört sein wird und die Opfer aufhören, was ziehst du dann für deine Kinder vor, die Hölle oder die Gewalt der grossen Reiche? Rabbi Chinnena bar Papa sagte: Abraham entschied sich für die Gewalt der grossen Reiche, denn so heißt es (5. M. 32,30) „ihr Fels hat sie verkauft und Gott hat sie ausgeliefert", Fels,das ist Abraham, wie es heißt (Jeschaj. 51,1) „schauet auf den Fels, aus dem ihr gehauen seid". Gott hat sie ausgeliefert, das bedeutet, daß der Heilige,. gelobt sei er, ihm zustimmte. Rabbi Berechjä sagte im Namen Rabbi Levis, den . ganzen Tag saß unser Vater Abraham erstarrten Herzens und .dachte "nach; was^ soH ich wählen^ die Hölle oder-die Gewalt der grossen Reiche? Das eine ist hart, das andere ist hart. Da sprach der. Heilige, .gelobt sei er, „Abraham wie -.lange willst du rnoch erstarrten TIerzens so dasitzen?'- banne" den* Trübsinn "aus deinem Herzen!"" Ehe wir die Deutung weiter- und hinführen zu dem eigentlichen Bibelwort, ist zu beachten: welch ein tiefer Sinn birgt sich darin, daß, sei es Gott, sei es Abraham, die Gewalt der grossen Reiche der Hölle vorziehen! Das eine ist das Ewige, Unabänderliche, das andere das Irdische, dem Wechsel Anheimgegebene, das Eine ist das Sein, das Verharren, das Statische, das andere die Geschichte, das Dynamische. Und welches Geheimnis birgt sich in den Worten, daß alle Gedanken, die mit der Gewalt der Reiche zusammenhängen, den Zweck haben, Israel d ad/urch zu erhalten! ~ . '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.