Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 5 (2.1937)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 morgens an bis nachts 8 Uhr, kümmert sich nichts um schnellen Gewinn der Handelsleute, hat sich ein gutes Vermögen erarbeitet, hat brave Kinder und lebt zufrieden und arbeitsam wie wenig Menschen; sein ganzes bescheidenes und dabei so tüchtiges und festes Wesen macht den besten Eindruck, und ich freue mich an einer so stillen und gediegenen Natur, die keine Wunsche nach irgend einer Erweiterung hat und nichts will als arbeiten, satt essen und schlafen und brave Kinder erziehen. Nordstetten, 25. Juli 1870. ---Nachmittags war ich zuerst bei der Lehrerswitwe, dann beim Herzle. Sein Lehrbub, ein Christ, war am Sonntag nicht da, und ich saß auf dem Schüsterstühlchen, dem Fleißigen, der seit einigen Jahren zur Arbeit eine Brille trägt, gegenüber. Die Werkstatt hat die Aussicht nach dem obem Schloßgarten, wo wir oft miteinander gespielt und wo vordem der einzige hier heimische zahme Kastanienbaum gestanden hatte. Herzle schlug Stifte in die frischbesohlten Stiefel für abziehende Soldaten, er arbeitet sehr exakt, und eine Sohle richtig festmachen, erfordert viel Hin- und Herwenden, Nähen, Klopfen, Feilen, Schaben. Es ist eine wahre Labung, dem braven Kerl zuzusehen und zuzuhören. Meine Fragen vom Tag vorher erweckten ihm auch mancherlei Erinnerungen, die er nun still auf seinem Schüsterstühlchen für mich ausdenkt. Bei dem letzten großen Erlebnis, das sein Dasein ihm gewährt, bei der Fahrt zu den Spinoza-Stätten in Holland wird Berthold Auerbach tief bewegt durch die Erinnerung an die heldenhafte Geschichte seiner Glaubensgenossen. In der. portugiesischen Synagoge zu Amsterdam holt ihm der Sekretär zwei Folianten aus dem Archiv und noch ein portugiesisches Manuskript aus dem 18. Jahrhundert, eine Chronik der Gemeinde, herbei. In französischer Uebersetzung trägt er Auerbach aus diesen alten Aufzeichnungen vor. Amsterdam, 10. September 1878. ----Der Sekretär las mir immer weiter und immer mehr, er wurde allmählich durch meine Teilnahme immer wärmer. Ich vergass Hunger und Müdigkeit und lebte so ganz unter den heldenhaften Märtyrern, daß es fast drei Uhr wurde, ehe ich wegkam, und draußen fühlte ich mich vor Hunger und Aufregung so taumelnd und matt, daß ich glaubte, ich käme nicht weiter. 0, wie armselig erschien ich mir da! Was haben diese Männer erduldet und wurden nicht müde! Was ist die antike Vaterlandsliebe gegen die Beligionsliebe und ihren Opfermut? Und diese heischte ein Heldentum in der Stille und Verborgenheit, und da winkte dem Tapfern kein Siegeseinzug, kein Lorbeer, kein Ruhm — still, glanzlos, nur der Sache hingegeben, nur dem Gotte - in der Seele folgend. Wenige Monate vor seinem Tode sucht der schwerkranke Auerbach noch einmal in der Heimat neue Kraft. Dann folgt ein - Aufenthalt in Cannes, wo er Heilung zu finden hofft. Die starke Anteilnahme an den Geschicken seiner Gemeinschaft geht überall mit. ., Nordstetten, 6. September 1881. ---Es war mir eigentlich bang, hierher zu gehen. Wozu mir die Aufregung machen, in den Ort zu gehen, wo mir alles, gestorben ist und mich jeder Stein, jeder Baum mit Erinnerungen ruft? Nach Tische werde ich plötzlich daran erinnert, daß heute der Todestag meiner Mutter ist. Heute vor 30 Janren starb sie. Die alte, bald 80jährige Frau des Lehrers Frankfurter war heute auf dem Grabe meiner Mutter gewesen. Ich kann nicht hingehen, denn ich weiß, wie entsetzlich es mich angreifen würde. Ich habe ~ in der hiesigen Gemeinde eine kleine Stiftung zum Gedenken meiner Eltern gemacht, und heute wurde die Hälfte der Zinsen verteilt. Cannes, 6. Januar 1882. Die Tage werden schon länger. Das sehe ich am Standpunkte : der Sonne, wenn sie über dem Meere und dem Estereigebirge untergeht.1 Das Mitleben mit der Sonne gehört zum Besten hier; man hat tagtäglich das große Naturleben und versäumt es nie über der Bücherwelt oder Geselligkeit. Wenn ich nur erst einmal recht hinaus dürfte, d. h. könnte, aber ich bin noch entsetzlich schwach, kurzatmig und müde. Aber gnt ist's, daß ich in der großen Natur atme und schaue. Könnte ich dabei nur auch ganz das kleine und das große Menschengetriebe vergessen! Am 8. Februar 1882 diktiert der Schriftsteller in Cannes seinem Sohn einen Brief an Spielhagen, in dem er darauf hinweist, daß von der Entwicklung seines Lebens das Wichtigste in den Briefen an seinen Freund Dr. Jakob Auerbach — den Lehrer am Philanthropin in Frankfurt am Main — stehe. Diese letzte Mitteilung an Spielhagen, in der ein unermüdlicher geistiger Arbeiter sein Haus bestellt, beginnt mit den Worten: „Heller Sonnenschein, Rauschen des Meeres. Morgen um diese Stunde atme ich vielleicht nicht mehr". Noch am gleichen Tage, abends um <6 Uhr, schloß ihm der Tod die Augen für immer. Als Einwanderer in den Vereinigten Staaten (aus einem Brief) Man hat schon soviel in letzter Zeit über die Vereinigten Staaten in der jüdischen Presse gelesen, soviel aus interessanten Vorträgen erfahren oder, selbst bei Geschäfts- oder Vergnügungsreisen viel gesehen und gelernt. Von der teilweisen Schönheit des Landes, seiner Städte, von dem grandiosen Eindruck der Ankunft im New Yorker Hafen, von der Verfassung des Landes und der in jüngster Zeit erfolgten „Election", von all dem soll in diesen Zeilen keine Rede sein, vielmehr sollen sie einmal dartun, wie man hierzulande ,,sein Leben macht". Mancher empfindet vielleicht eine gewisse Scheii, über Geldängelegenheiten zu sprechen oder gar zu schreiben, besonders hier spricht man nicht gerne über Verdienst und Verbrauch. Ich bekenne ehrlich, dass ich vor meiner Abreise gern über diesen Punkt orientiert gewesen wäre, jedoch leider keine richtigen Auskünfte erhalten konnte. Im übrigen handelt es sich bei den folgenden Ausführungen nicht allein um meine persönlichen Erfahrungen, sie stellen vielmehr die durchschnittliche Summe aller derer dar, die ich darüber befragen konnte. Das Folgende gilt auch nicht für jene Glücklichen, die etwa in Deutschland über soviel Kapital verfügten, dass sie nach Verkauf von Sperrmark Geld zur Beteiligung oder Ausübung eines selbständigen Berufes oder zur Errichtung eines eigenen Heimes hier vorfinden. Ich denke nur an jene Vielen, die nur mit den gesetzlich zulässigen Dollar 25.— pro Person dieses Land betraten. SILBERSTEIN&Ca 4 UMZÜGE NACH ALLEN ORTEN PER WELT [fc ^e^mett in ^^Wj VERTRETE* : PHIL, SÖHN EU ß URMITZ STR . 6 FERN IL. 65751