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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-01-01 · 4 (1.1937) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
4 (1.1937)
Date
1937-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis fttr Gemeindemitglieder vierteljährlich 45 Kpfg. (einschl. Zustellungs- und Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Kpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde KM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. ÄL 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaao & Co., Reineckstr. 17/19, Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluss fttr die nächste Nummer: 19. Jan. 1937 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 15. Jahrgang Frankfurt a. M., Januar 1937 Nr. 4 Zum 15. Jahrzeitstag für Rabbiner N. A. Nobel s. A. am 24. Tewet (7. Januar 1937) Dem Andenken N. A. Nobels von Oskar Wolfsberg, Jerusalem Es ist für den Biographen Nobels nicht schwer, erneut dieses bedeutende Leben zu würdigen. Schwer ist es, in wenigen Zeilen ihm gerecht zu werden und nicht so sehr die grossartige Erscheinung selbst als vielmehr die Erinnerungen sprechen zu lassen. "Wenn ich zurückblicke bis in mein 12. oder 13. Lebensjahr, da Nobel zum ersten Mal in den Kreis meines Lebens trat, als er nach Hamburg kam, und ich die nicht geringe Zahl der großen Männer überschaue, mit denen ich seitdem in Verbindung treten durfte, so kann ich ohne Uebertreibung sagen, daß keiner ihm den einzigartigen Platz rauben kann, den er inne bat. Auf ein eigenartiges Phänomen möchte ich hinweisen, das gerade angesichts der Eigenart von Nobels Persönlichkeit und seines intimen Zaubers überrascht: meine tiefe Verbundenheit mit ihm ist eine Späterscheinung, sie stammt erst aus der Zeit nach seinem Heimgang, seine Meisterschaft ist für mich persönlich posthum. Die persönlichen Begegnungen, die mir beschieden waren, waren nicht übermässig zahlreich: das Kind, der Schüler hörte seine Reden, meist Predigten, lernte eine Zeit lang Talmud bei ihm. Der Jüngling, der Student besuchte ihn wiederholt, traf ihn zuweilen am dritten Ort. Später, besonders im Krieg und kurz nachher wechselten wir gelegentlich Briefe — wohl alle in hebräischer Sprache geschrieben. Die letzten Begegnungen waren von besonderer Herzlichkeit; er freute sich meines endlich gewonnenen Standortes und würdigte den zum Manne Gewordenen der Freundschaft. Manches unvergessliche Wort von der Kanzel ist unauslöschlich in mir aufbewahrt, manche persönliche Anrede hat, früh oder spät, ihre Wirkung entfaltet. Aber den tiefsten Eindruck habe ich von dem empfangen, was an ihm unvergänglich ist. Viele glauben, daß er, der vor allem Redner war, das Los des Schauspielers teilt, dessen Ruhm und Einfluss an sein lebendiges Wirken geknüpft ist und nach seinem Tode bald der Vergessenheit anheimfällt. Nobel, der Redner, aber war kein Schauspieler, kein Rhetor oder Orator sondern ein schöpferischer, kein reproduzierender Künstler, und zudem erschöpft pich, seine Leistung nicht in Predigt und Rede. Aehnlich anderen Grossen, deren Worte nicht von ihnen selbst niedergeschrieben wurden, leben sein Denken und seine Gedanken in anderen weiter, und vieles, was seine Schüler und Hörer gesagt und geschrieben haben, stammt aus seinem Reichtum. Weniges hat er ja selbst niedergeschrieben, und nicht wenig wird in seinem Namen tradiert. So haben Erinnerung und objektive Spuren die Möglichkeit gegeben, sein Bild nach seinem Tode zu erneuern. So wurde er mir, mehr als zuvor, Vorbild und Lehrer, nachdem er geschieden war. Es bedurfte erst eigener Reife, um zu ihm zu gelangen. Auch das ist ein Beweis für die Hochwertigkeit seiner Gestalt, für die Grösse seines Führertums. Was erklärt diesen Zauber, was hat ihm, vor vielen anderen, Leben und Wirken nach dem Tod verliehen, gleich jenen Frommen, von denen es heisst, dass □"»K'lpj DfirPÖS Dp'HlSC OiTTDÖ "IfiT D^n. daß sie im Tod als lebendige Kräfte mehr noch als während ihres irdischen Wandels erkannt und gewürdigt werden? Wir besitzen einige Dokumente, Zeugen seiner geistigen Eigenart, in den nicht zahlreichen Veröffentlichungen*), die von ihm stammen. Er war kein „Schreiber" im alltäglichen Sinn. Aber auch das Wenige, das er hinterlassen hat, gibt Kunde von seiner Originalität. Die wenigen wissenschaftliehen und halachischen Publikationen zeichnen sich durch Denkkraft aus, durch eine glückliche Vereinigung von Fähigkeiten, die selten beieinander sind: talmudisches Wissen und Begabung, Kenntnisse der Geschichte, Kultur- und Rechtsgeschichte, Neigung zxi vergleichender Betrachtung, Blick für das Wesentliche, für echte und grundlegende Probleme und endlich Gabe der Darstellung. Sein Eigentümlichstes aber offenbarte er in Aufsätzen, die ich nicht anders denn als Dichtungen bezeichnen kann, Dichtungen, in denen Religionsphilosophisches oder Religiöses sich verdichtet (in jeglichem, nicht zuletzt in poetischem Sinn) hat. Hier ist die beste Tradition des Mittelalters fortgesetzt, die Kettung der Gedanken an die dichterische Form. Gabirol und Jehuda Halevi tauchen vor uns als Ahnen oder Vorbilder auf. Manches, was Hermann Cohen galt (der Gruss zum 70. Geburtstag, die Grabinschrift; leider haben wir nicht die hebräisch gehaltene Grabrede, die ungewöhnlich eindrucksvoll gewesen sein soll), vor allem aber jener herrliche Grass dem Rosch Haschana (dem letzten, den er erlebt hat) enthüllen die Tiefen seiner Seele, das Elementare seines Können*', seiner Kunst. Wir sind zum Schwerpunkt seines Wesens vorgedrungen, zur Wurzel seiner Meisterschaft. Nobel erfüllte in seinem Geschlecht eine Funktion, die er sich in seinem herrlichen Verträumtsein selbst vielleicht garnicht gestellt hatte: Wecker tiefster Gläubigkeit zu sein. Was all den lauten Eiferern und Propheten des Zorns trotz großer Willensanspannung und aggressiver Aktivität nicht gelang, erreichte die beschauliche Natur des schöngeistigen Denkers, dessen Wesen Milde war. Nobel ist eines der bedeutendsten Beispiele für die ungemeine Wirkung, die von dem Menschen ausgeht, der nicht fordert sondern darstellt und verkörpert. Es ist schwer, das Wort Schönheit zu vermeiden, wenn man von Nobel spricht. Aber vielleicht ist das Wort Adel noch adaequater. Und immer wird es schwer sein zu sagen, welchem Bezirk wir es zuordnen sollen. Schön-

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