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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-12-01 · 3 (12.1936) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
3 (12.1936)
Date
1936-12-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Seite 7 Die schlichte, breite Fassade des Hauses Fischerfeldstraße 13, in dem die jüdische Grundlehre für Knaben*) ihr Heim gefunden hat, wird durch einen mächtigen Torbogen gegliedert. Dadurch ailein empfängt das Aeußere des lang hingestreckten Baues die Prägung, kein Privathaus zu sein. Aber niemand ahnt, daß hinter der bürgerlichen Fassade dieses Hauses sich seit einigen Monaten eine Tätigkeit entfaltet, die eine lebenswichtige jüdische Aufgabe erfüllt. Hier werden seit April dieses Jahres 130 jungen, zwischen 14 und 16 Jahren zumeist, für eine handwerkliche Berufsausübung vorgebildet**), hier also wird Richtungweisendes und Entscheidendes für einen Teil unserer heranwachsenden Generation geleistet. Wer durch die große Toreinfahrt schreitet und versucht, in den Hof des Hauses oder das in seinem flachen Anstieg patrizisch wirkende Treppenhaus zu gelangen, muß vor einem über die ganze Breite der Einfahrt gesetzten schmiedeeisernen Torgitter anhalten, bis ihm Einlaß gewährt wird. Dieses Gitter ist ein Werk der Arbeit der Hausinsassen: ein fortgeschrittener Schüler hat es in der Werkstatt der Grundlehre geschaffen. Ein eindrucksvolleres Beispiel für das Wollen — saubere Handwerksarbeit — und Können — gediegene Materialbeherrschung — könnte dem Besucher kaum geboten werden. Zur Linken der Einfahrt ist neben dem kleinen Empfangsraum der Arbeitsraum des Leiters der Grundlehre und des Werkstättenleiters. Ein Vorraum enthält die Bibliothek, die noch in den Anfängen steht und deren Ausbau bei dem starken Lesebedürfnis der Jungen dringend nötig erscheint. Man versteht das Verlangen der Leitung, neuen und guten Lesestoff für die Jungen zu erhalten. Hier kann manches gute Buch, das in unseren Häusern nicht mehr benötigt wird, wünschenswerte Verwendung finden. — Unmittelbar an diese „geistige Vorratskammer" schließt sich der Vorratsraum für Werkzeuge und Materialien an. In 14tägig wechselnden Schichten versehen je zwei Schüler der Grundlehre die Verwaltung. Der Eindruck, den die fortschreitende Besichtigung festigt, taucht hier zum ersten Male auf: Es herrscht die wohlüberlegte, rationelle Ordnung und Kontrolle, ohne die exakte Leistung nicht entstehen kann. Im ersten Stock des Vordergebäudes sind die Schlafs ä 1 e für die 70 jungen, die im Hause wohnen (die anderen sind entweder Frankfurter oder mußten aus Platzmangel außerhalb des Hauses untergebracht werden). Je zwei Betten stehen übereinander, weiß gestrichene eiserne Bettstellen, zum Teil von den Lehrlingen selbst im Hause hergestellt. Die Jungen haben die Betten in Ordnung zu halten. Mit militärischer Exaktheit ist das Bettzeug eingeräumt. Die Schlafsäle sind für 6 bis 16 Betten und hoch und luftig. Ohne dies wäre es auch undenkbar, auf engem Raum derart viele Schlafmöglichkeiten zu haben. Trotzdem bleibt es wünschenswert, daß die Grundlehre die Unterbringungsmöglichkeit der jungen noch verbessern könne, auch um in Fällen von Erkrankungen die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Schrankräume und Waschgeiegenheiten schließen sich den Schlafräumen an. Man muß die Sauberkeit in den Seifenschälchen, den Bechern, am Waschzeug gesehen haben, um zu ermessen, was allein an solchen kleinen erzieherischen Notwendigkeiten bereits bei Jungen, die aus unterschiedlichsten Kreisen und mit den verschiedenartigsten Gewohnheiten hier zusammengekommen sind, erreicht wurde. Mit Verständnis und erzieherischer Güte haben hier die Heimleiter schon Gang durch die Grundlehre Unterrichtsstunden beizuwohnen. Die Jungen sitzen um ihren Lehrer an langen Tischen, die sie gezimmert, auf Hockern, die sie geschaffen haben, und arbeiten mit jener teilnehmenden Lebendigkeit, die eine Eigenart der jüdischen Lernstätte sind. Man merkt ihnen die Freude am Lernen an und freut sich nicht weniger des Einsatzes der Lehrer. Die Mahlzeiten finden in den gleichen Sälen wie der Unterricht statt. Die Küchen, eine für Fleisch-, eine für Milchspeisen, werden in räumlicher Beengung unter Leitung einer Küchenleiterin von Mädchen auf Hachscharah versehen. Das Aussehen der Jungen ist sichtbares Zeugnis für Güte und Nährwert der hier vollbrachten Kochkünste. Im Hofgebäude ist im Erdgeschoß der Raum mit den großen Schlossereimaschinen und Schmieden, daneben ist die Werkstätte der Schlosser. Der Meister zeigt, was hier unter seiner Leitung von den Jungen gefertigt wurde. Von den eisernen Bettstellen war schon die Rede, eiserne Fensterrahmen, Scharniere, Türbeschiäge, Schlösser, Gitterwerk — kurz alles, was zum Schlosserhandwerk gehört wird den Jungen hier gelehrt. L>er Ungewohnte ist von dem Lärm des Hämmerns, Feilens, Bohrens, von dem Pfeifen des Schweißapparates benommen. Die kleinen Jungen aber stehen mit ruhiger Selbstverständlichkeit an ihrem Arbeitsplatz, sie sehen den Besucher kaum, beschäftigen sich nur mit ihrer Arbeit und scheinen schon so mit ihr verwachsen zu sein, als stünden sie nicht erst seit einigen Monaten mit ihr in Beziehung. Zwischen der Schlosserwerkstatt und der Schreinerwerkstatt im zweiten Stockwerk ist das erste Stockwerk des Rückgebäudes zum Turn - und Gymna stiksaal der Jungen hergerichtet. Die Fußbaileidenschaft hat es erforderlich gemacht, vor die Innenseite der hohen Fenster Rahmen mit Drahtgitter zu setzen. Es macht den besonderen Stolz der jugendlichen Sportler aus, daß auch diese Rahmengitter von ihnen geschaffen wurden. In der Schrei nerwerkstätte geht es ruhiger zu als in der Schlosserei. Teile von Schränken, Blumenkästen, Hocker sind in Arbeit. Der Meister, der ein klares Urteil über seine Jungen und ihre Möglichkeiten hat, zeigt die Anfänge und ersten Versuche seiner Unterweisungen. Der Laie ist überrascht, was inzwischen von den Jungen hinzugelernt wurde. Hier und in der Schlosserei wird mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen, daß fast alle Werkzeuge von den jungen selbst geschaffen wurden, ein Grundsatz, dessen Bedeutung dann verständlich wird, wenn man bedenkt, wie wichtig ein enges Verhältnis zwischen Arbeiter und Handwerkszeug ist. Dieser Einsicht ist, neben dem Zwang der finanziellen Lage, auch das Entstehen vieler Möbel in eigener Arbeit zu verdanken. Das Bedeutsame der Grundlehre scheint vor allem darin zu liegen, daß sie nicht nur die einzige Möglichkeit darstellt, Hunderten von Kindern, die sonst ohne Ausbildungsmöglichkeit bleiben würden, eine Berufsausbildung zu gewähren, sondern daß sie durch Erfassung des ganzen Menschen — auch in seiner Freizeit, deren Gestaltung sie sinnvoll regelt — eine Beziehung zur handwerklichen Arbeit schafft, die vorhanden sein muß, wenn nicht nur eine Betätigung, sordern eine Arbeitsgesinnung gegründet werden soll. Die vielen Kleinigkeiten des Lebens in der Arbeit gehören mit 7MY Fertigung solcher Arbeitsgesinnung: Die Stechuhr, die jeder x.u via! erreicht. Die zweite Etage enthält die S c h u 1 r ä u m e. Die Hälfte der Jungen hat vormittags theoretischen und nachmittags praktischen Unterricht, die andere Hälfte wird an den Vormittagen in den Werkstätten und an den Nachmittagen in den Schulzimmern unterwiesen. Auch diese Arbeitseinteilung wechselt wöchentlich. Der theoretische Unterricht, der in den Sälen des.zweiten Stockwerks von vier Lehrern erteilt wird, erstreckt sich auf Deutsch, Hebräisch, Englisch, Judentumskunde (Religionslehre,' Geschichte usw.), Rechnen. Gemeinschaftskunde, handwerkliche Materialkenntnis und manches andere, auch Singen. An diesen Unterrichtsstunden nehmen auch die Schüler der Grundlehre teil, die als Gärtner ihre praktische Ausbildung außerhalb des Hauses erfahren. Der Unterricht in Judentumskunde wird für die liberalen und konservativen Schüler getrennt erteilt. Wir hatten Gelegenheit, einigen 18741 62 Jahre fmt\ Festgeschenke Schmuck — Lederwaren — Bestecke Kristall — Porzellan — Beleuchtung *) Ueber die „Grundlehre für Mädchen" siehe Gemeindebl.itt Jhgg. 15, Nr. 1, S. 24. Wir werden über diese Einrichtung demnächst berichten. **) Im Hause Fisch er feldstrasse 13 sind auch die Umschichtung s w e r k s t ä 11 e n der Beratungsstelle. Unsere Betrachtung erstreckt sich jedoch nur auf die Erstausbildungen der Grundlehre. I Radio — Photo — Schallplatten | EHRENFELD ZEIL 104 —" Hauptpost Inserate im Gemeindeblatt haben grossen Erfolg!

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