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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-12-01 · 3 (12.1936) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
3 (12.1936)
Date
1936-12-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 passieren hat, bevor er sich an den Arbeitsplatz begibt, die Verantwortung für Werkzeug und Arbeitsstätte, die Schaffung gemeinsamer Erzeugnisse; deren neuestes, ein mustergültig eingerichteter Duschraum für je 15 Jungen, von Anfang bis zu Ende aus eigener Kraft unter Leitung des Meisters entstanden, die besondere Freude aller ist. Die Verantwortung für die Führung des Betriebes obliegt neben dem Leiter der Grundlehre dem Vorstand und der Verwaltung der Beratungsstelle für Wirtschaftshilfe. Die Verantwortung für ihre Erhaltung obliegt jedem einzelnen Juden, der die Zukunft der jungen Generation als verpflichtende Aufgabe erkennt. Die Grundlehre arbeitet für sich selbst, insofern sie ihre Arbeiten als Schule nicht veräußern darf. Sie arbeitet für uns alle, weil sie die Sorge um das Schicksal und die Ausbildung unserer Kinder vermindern hilft. Daß jeder Jude deshalb gern für die Grundlehre zur Verfügung stehen wird, ist nicht mehr als eine Forderung der Erhaltung unserer selbst. Man muß den Arbeitsgang im Hause Fischerfeldstraße 13 ansehen — und jeder ist dazu in der Lage —, um zu wissen, was jüdische Notwendigkeit verlangt und starker Wille vermag. Ghr. Zur Erkenntnis biblischer Geschichte Wollte man meinen, unsere Kenntnis der Geschichte des alten Israel sei erschöpfend bereits geformt durch die von Geschlecht zu Geschlecht sieh fortsetzende Aufnahme der Bibel in unser Bewusstsein, so würde man sich in einem, schweren Irrtum befinden. Nicht nur davon stammen die Lücken in unserer Erkenntnis, dass uns zeitgenössische Berichte aus Ländern, in die die Geschichte ' Israels einbezogen war, nicht zugänglich waren; diese Lücken konnten durch die Ausgrabungen, die man im vorigen Jahrhundert im Vorderen Orient gemacht hat, zu einem guten Teil ausgefüllt werden. Die Mängel rühren vielmehr daher, dass wir nicht gewolint waren, biblische Geschichte als Geschichte eines in die damalige Politik einbezogenen und selbst zu politischer Entscheidung verpflichteten Volkes uns selbst zu erarbeiten, und ferner, so seltsam es klingt, dass man den Text der Bibel nicht aufmerksam genug gelesen hat. So sind uns Dinge entgangen, die uns hätten aufgehen können, wenn man sorgsamer gelesen und nicht über manches hinweggelesen hätte. All dessen wird man inne. wenn man den Jüngst in dem rührigen und grosszügigen Schocken Verlag erschienenen zweiten Band von Elias Auerbachs „Wüste und Gelobtes Land" liest (287 S. mit XV Bildtafeln und 2 ausgezeichneten Landkarten). Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass noch niemand so wie E. Auerbach die politische Geschichte des alten Israel gesehen und geschrieben hat, daß es noch keinem so gelungen ist, die Hintergründe des allgemeinen Geschehens jener Zeit, die Beweggründe der Handlungen der Könige von Juda und Israel aufzuhellen, jener Handlungen, die in der Darstellung der Bibel nur theologisch und in ihrer Bezogenheit auf Gottesglauben oder Götzendienst bewertet werden. Auerbach behandelt seinen Stoff frei von jeder dogmatischen Gebundenheit. Er ist durchaus Schüler der radikalen protestantischen Bibel kritik, deren Grundauffassung er unbedingt verschrieben ist; man muss ihm direkt den Vorwurf machen, dass er ihr auch in den Dingen noch anhängt, bei denen — nicht etwa die dogmatisch gebundene — sondern die ganz und garnicht dogmatisch gebundene und von aller gläubigen Orthodoxie himmelweit entfernte modernste Bibelkritik die Haltlosigkeit und Hypotbesenhaftigkeit jener an Wellhausen und Gunkel orientierten Exegese nachgewiesen hat. Aber wenn man ihm hier einen Vorwurf machen darf, so muss man auch gleich- SILBERSTEIN&C0 UMZÜGE NACH ALLEN ORTEN DER WELT tm 9ety eiück in TmukfwiJ-yw. VERTRETE*: PHIL. SÖHN ER, BURNITZSTR.6 FERNR. 63751 zeitig sagen, dass er in seinem Urteil einen jener Bibelkritik diametral entgegengesetzten Weg geht. Für sie war die Ansetzung des sogenannten Priesterkodex als jüngster Schicht des Fünfbuches der Anlass, das Gesetz als einen Abstieg von der Höhe prophetischer Frömmigkeit zu bewerten, als eine Entartung des religiösen Bewusstseins. Auerbach setzt den Priesterkodex auch als jüngste Schicht an, schreibt ihn Esra als Urheber und Verfasser zu, aber wenn er dann zum wertenden Urteil übergeht, wird ihm dieses Gesetz zum unbestrittenen und nicht hoch genug anzuschlagenden Mittel der Erhaltung und der Begründung eines in sich geschlossenen Typs echter Frömmigkeit. In zwei Feststellungen scheint mir das, in allen seinen Ausführungen gleich interessante Buch zu gipfeln; sie seien hier besonders hervorgehoben. Die eine zirkelt um die Vorgänge bei der Auffindung des Gesetzbuches in den Tagen des Königs Joschia. Wieviele Vermutungen hat man nicht über das. was damals wirklich geschah, gehabt, bis zu der radikalen Hypothese, daß hier ein bewusster Betrug vorgenommen wurde und jemand ein von ihm verfasstes Buch unter der Vorspiegelung, es sei eine alte Tora, untergeschoben habe. Aber nun weist Auerbach einfach darauf hin, daß in dem dem Bericht im Buche der Könige paralellen Bericht im zweiten Buch der Chronik (cap. 34) ganz deutlich steht, dass als man eine Lade öffnete, die versiegelt war, in der man Geld seit Jahren gesammelt hatte und die man jetzt wegen einer notwendig gewordenen Eeparatur von einer aus drei königlichen Beamten bestehenden Abordnung öffnete, „beim Herausnehmen des Geldes" das Buch gefunden Avurde. Es lag also in der Lade. Von dieser Lade wissen wir, dass König Joasch (2. Kg 22,10) sie aufgestellt hat, um Spargelder für Reparaturen anzusammeln. Natürlich bedarf es nun der Untersuchung und der Hypothese, wann das Buch hineingelegt war, welche Stücke des heutigen Fünfbuches es enthalten haben kann, man lese das selbst nach. Auerbachs Darstellung^ ist hier von geradezu dramatischer Bewegtheit. Aber man fragt sich, wie kommt es, dass man über diese aufschlussreichen Sätze der Chronik, die sehlüsselhaft sind, so hinweggelesen hat? Wenn es von der Tora in den Sprüchen der Väter heißt: „wende um in ihr, wende um in ihr, denn alles ist in ihr", so bezieht sich das wahrhaftig nicht nur auf die Findüng der Halacha; man muss sie nur richtig lesen, sie ist und bleibt die Hauptsache, auf die man immer noch viel zu wenig eingeht. Der zweite Höhepunkt ist seine These über die sogenannten verlorenen zehn Stämme. Auerbach errechnet aus den in den assyrischen Berichten angegebenen Zahlen, daß die gesamten Deportationen aus Israel höchstens 40 000 Seelen umfassten. Nach den Berichten der Bibel und den assyrischen Inschriften über den 738 vom König Menachem an Tiglat-Pileser IV. gezahlten Tribut und die dazu notwendige Steuerumlage errechnet sich eine kurz vorher ansässige Bevölkerung von etwa 800 000 Seelen. Es ist also von einer Gesamtwegführung Israels nicht die Rede, und selbst wenn; man die Kriegsverluste noch so hoch in Rechnung stellt, bleibt immer noch eine Bevölkerung von ITunderttausenden, die nicht exiliert wurde. Wo sind sie hin? Es bleibt in der Tat keine andere Erklärung, sie sind nie verbannt worden, sie blieben im Lande, und zwischen sie wurden die Kolonnen aus dem weiten assyrischen Reich gestreut, wie es die Bibel selbst berichtet. Es gibt keine verlorenen zehn Stämme, weil sie nie weggeführt wurden. Dieser Darstellung steht man, so einleuchtend sie ist, zunächst kritisch gegenüber. Ich hatte ihr gegenüber sofort beim ersten Lesen den scheinbar unerschütterlichen Einwand: wenn dem so ist, wenn wirklich die Hauptmasse aus dem Reiche Israel

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