Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 3 (12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 5 An die Gemeindemitglieder! Auf die a) am 10. Juni und 10. September 1936 fällig gewesene Kultussteuerraten für Veranlagte b) am 10. Dezember 1936 fällig werdende dritte Steuerrate für Veranlagte c) am 15. Mai und 1. November 1936 fällig gewesenen beiden Raten für Nur-Lohnsteuerpflichtige wird hierdurch nochmals hingewiesen. Wer die Raten noch nicht gezahlt hat, möge dies bei Meidung von Kosten und Weiterungen sofort tun. (Postscheckkonto No. 800 Frankfurt a. AI., Steuerkasse der Israelitischen Gemeinde.) Wir verweisen im übrigen auf die diesbezgl. Bekanntmachung des Steueramtes in der vorliegenden Nummer. Frankfurt a. M., den 1. Dezember 1936 VORSTAND DER ISRAELITISCHEN GENEINDE Nun haben wir wieder die Freude, da?3 ein Mann, der unserer Gemeinde entstammt in diesen Tagen durch den Beschluss des Karolinisclieri Instituts in Stockholm den Nobelpreis erhalten hat: Otto Loewi, ordentlicher Professor und Vorstand des pharmakologischen Instituts an der Universität in Graz. Otto Loewi wurde am 3. Juni 1873 in Frankfurt am Main, als Solin von Jakob Loewi und Anna Loewi, geb. Willstätter geboren. Er ist Schüler uiid langjähriger Assistent des berühmten Pharmakologen Hans Horst Meyer. Im Jahre 1900 wurde er Privatdozent an der Universität Marburg, folgte 1905 seinem' Lehrer nach Wien und erhielt bereits im Jahre 1909 einen Ruf auf das Ordinariat für Pharmakologie in Graz, wo er seitdem eine ausserordentlich fruchtbare Tätigkeit als Lehrer und Forscher ausübt. Eine grosse Reihe wissenschaftlicher Arbeiten verdanken wir Otto Loewie. Sie umschließen weite Gebiete der Pharmakologie und der experimentellen Pathologie: so die Lehre vom Mechanismus der Harnbereitung, die Funktionen der Herznerven, den Zuckerstoffwechsel und den Diabetis. Bereits im Jahre 1907 wurde sein Name weiteren ärztlichen Kreisen bekannt durch die von ihm beschriebene, sogenannte Loewische Reaktion. Das Wesen dieses Phänomens besteht darin, daß sich bei manchen Diabetikern die Pupille des Auges nach Einträuflung einiger Tropfen einer Adrenalinlösung langdauernd erweitert. Diese Erscheinung erlaubt ein gewisses Urteil über den Tonus des vegfitativen Nervensystems und kann als Zeichen einer erhöhten Spannung im Sympathicus angesehen werden. Noch in die Zeit vor dem Kriege fallen wichtige Untersuchungen über die Wirkung des Calciums auf das Herz. Loewis Interesse für den Zuckerstoffwechsel verdanken zahlreiche Arbeiten über den Mechanismus der Insulinwirkung ihre Entstehung und neuerdings solche über die Bedeutung des Hypophysen Vorderlappens irür die Glykogenolyse. Weitere Forschungen aus dem letzten Jahrzehnt befassen sich mit der Wirkung der bekannten Arzneimittel Pilokarpin und Atropin auf den quergestreiften Muskel, mit dem Einfluss des Jods auf die Atmung isolierter Zellen, mit der Rezeptorenfunktion im Verdauungskanal, um nur einige wenige zu nennen. Die Bedeutung, all dieser Arbeiten, so anregend sie auch gewirkt haben,t wird freilich in den Schatten gestellt durch die Reihe jener im Jahre 1921 begonnenen Untersuchungen über die humorale Uebertragbarkeit der Herznervenwirkungen, für die er den Nobelpeis erhielt. Es i?t nicht leicht, jemanden, der sich mit einschlägigen Fragen niemals beschäftigt hat klar zu machen, worum es sich hier handelt. In kurzen Worten sei daher nur Folgendes gesagt: Das Herz erhält seine nervösen Impulse wie übrigens alle inneren Organe von zwei verschiedenen Nerven, dem Sympathicus und dem Vagus. Erregung des ersteren hat Verstärkung der Herztätigkeit, vermehrte Durchblutung des Herzmuskels und Steigerung seiner Schlagfrequenz zur Folge, während Reizung des Nervus vagus die entgegengesetzten Wirkungen, nämlich Verminderung der Herzkraft, geringere Durchblutung und Herabsetzung der Schlaffolge nach sieh zieht. Man hat daher auch den Nervus vagus als den Gegenspieler des sympathischen Nerven bezeichnet. Letzlerer tritt besonders dann in Funktion, wenn vom Organismus grössere Leistungen, z. B. bei körperlicher Arbeit, verlangt werden. Dann bewirkt die vom sympathischen Nervensystem auf das Herz übergehende Erregung, daß die Muskeln durch Mehrarbeit des Herzens die notwendigerweise grössere Blutmenge erhalten. Das umgekehrte ist hei körperlicher Ruhe der Fall, wo vorwiegend der Vagus seine Wirksamkeit entfaltet. So sehen wir denn, daß im Zustande grösster körperlicher Inaktivität, nämlich im Schlafe, der Einfluss des Vagus beträchtlich stärker wird. Wir sprechen dann von einem Ueberwiegen des Vagustonus, d. h. einer erhöhten Spannungslage des Nervus vagus. Schon seit längerer Zeit hat man sich mit der Frage beschäftigt, in welcher Weise die von den beiden genannten Nerven ausgehenden Impulse auf die Muskelzellen des Herzens übertragen werden, ob es sich um unmittelbare Wirkung der Nervenendigungen auf die Zellen handelt oder ob die Nervenerregungi irgend welche Stoffwechselveränderungen in diesen auslöst, welche erst die eigentliche Ursache des Effektes der Nervenreizung sind. Otto Loewi hat nun in einer ingeniösen Versuchsanordnung gezeigt, daß Reizung der genannten Nerven in den Zellen tatsächlich das Auftreten von Stoffen veranlasst, die ihrerseits unmittelbare Ursache dessen sind, was im Anschluss an die Nervenreizung geschieht und was wir oben kurz geschildert haben. Als Loewi einmal die Problemstellung erkannt hatte, konnte er den Nachweis der minimalen Mengen wirksamer Substanzen, um die es sich hier handelt, nur erbringen, wenn er auf die relativ einfachen Verhältnisse beim Kaltblüterherzen, also des Herzens von Fröschen oder Kröten zurückgriff, das im Gegensatz zum Warmblüterherzen noch viele Stunden am Leben bleibt, auch wenn es nicht mehr von Blut, sondern von einer wässerigen Nährsalzlösung durchströmt wird. Reizte er also die Nerven eines solchen Herzens mit dem elektrischen Strom, so konnte er allein mit der Durchströmungsflüssigkeit, wenn) er sie nachher einem anderen Herzen zuf.( '/.!c. «ile gleichen Wirkungen hervorrufen, als wenn die Nerven direkt gereizt worden wären, und zwar überwogen, je nachdem der Vagus oder Sympathicus stärker gereizt worden waren, einmal mehr sympathische, das andere Mal mehr vagische Wirkungen. Es mussten also unter dem Einfluss der elektrischen Reizung in die Durchsti'ömungsflüssigkeit Stoffe abgegeben worden sein, die gleiche Wirkung wie unmittelbare Nervenreizung ausübten. Damit war der für die gesamte Physiologie grundlegende Nachweis erbracht, dass .Reizung vegetativer Nerven in den Zellen Stoffe freilegt, die unmittelbar an den Zellen angreifen und Ursache dessen sind, was wir als Folge von Nervenreizung zu sehen gewohnt sind. Während über die chemische Natur der bei Sympathicusreizung entstehenden Stoffe noch keine völlige Klarheit herrscht, — wahrscheinlich handelt es sich um dem Adrenalin nahestehende Substanzen —, konnte Loewi alsbald zeigen, dass der im Anschluss an Vagusreizung auftretende Stoff mit A c e t y 1c h o 1 i n identisch ist, einem Körper von höchster physiologischer Aktivität, der schon in winzigen Mengen seine Wirksam- 13. £)e$emf>er: <Sfyamtff<u>opfer §ur 2$tftfer$ttfe.