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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-12-01 · 3 (12.1936) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
3 (12.1936)
Date
1936-12-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Das Schrift wort Aus den Geschichten um Josef von Max Dienemann In drei Wochenabschnitten des ersten" Büches ist alles auf Josef abgestellt, in einem vierten spielt er noch eine Hauptrolle. Was Wunder, dass die alte Bibeldeutung sich gerade mit ihm in besonderer Weise befasst. Aus der Fülle der Bemerkungen und Erzählungen, die um ihn zirkeln, seien einige herausgehoben. Wir dürfen dabei wohl den Gang der Erzählung von Josefs Schicksalen im Vaterhaus und in Aegypten als bekannt voraussetzen. Es heisst (1. M. 37,3) „Israel liebte Josef über alle seine Söhne...; und machte ihm einen bunten Leibrock." Dazu der Midrasch: „Nie soll man ein Kind vor dem anderen bevorzugen; denn wegen eines Gewichtes von 2 Sela Wolle, die Jaakow dem Josef mehr zuwandte, keimte der Neid in ihnen auf, und schliesslich mussten unsere Väter deswegen nach Aegypten hinuntergehen." Der Sinn ist so klar, dass - es keiner, erläuternden Hinzufügung bedarf. Es heisst (1. M. 37,4) „sie hassten ihn und sie vermochten nicht, friedsam mit ihm zu reden". Das liest man, als berge e~ einen Tadel gegen die Brüder in sich, deren Hass so groß war, dass sie Josef kein gutes Wort mehr gaben. Nicht ganz so der Midrasch: „Selbst in dem, was zur Schande der Brüder erzählt werden muss, ist noch etwas Rühmenswertes enthalten. Anderwärts, etwa in der Erzählung von Abschalom und'Amnon (2. ' Schmuel 13,22) heisst es: „Abschalom sprach mit Amnon-nicht, weder Böses noch Gutes", was er im Herzen hegte, verschloss er ins Herz, aber hier, was sie im Herzen hegten, sprach ihr Mund." Soll also heissen, schlimmer noch ist die Hinterhältigkeit, mit der - jemand seine feindlichen Gefühle verbirgt, bis er die Stunde der Bache gekommen glaubt, als wenn jemand aus seiner Gegnerschaft kein Hehl macht; der andere kann sich* dann vielleicht schützen. In der Aufrichtigkeit, mit der die Brüder reden, liegt die Bürgschaft ihres Charakters. Eine ganz merkwürdige Aeusserurig ist die folgende. Josef war verkauft, und nun stieg in ihnen die Furcht auf, was ge^ schehen könne, wenn der Vater davon erführe. „Sie sprachen zu einander: wir wollen unter uns einen Bann aussprechen, dass keiner das dem Jaakow sagen darf. Da sprach Jehuda: aber Rüben ist nicht da, und ein Bann hat keine Giltigkeit, wenn nur neun ihm zustimmen. Was taten sie? Sie gesellten Gott sich zu, so waren es zehn, und dann brachten sie den Bann aus. Dann sagten sie Rüben von dem Bann, er schwieg und hielt sich an ihn gebunden. Und auch der Heilige, gelobt sei er, von dem es sonst heisst (Ps. 147,19) „er kündet seine Worte Jaakow", davon kündete er ihm nichts wegen des Bannes." Eine" seltsame Deutung. Sie bewegt sich ganz in der Linie jener, oft auch hier geschilderten, Vorstellung, die später zu einer beherrschenden und tragenden in der Kabbala würde, dass,- fast klingt es .gotteslästerlich, so etwas mit dürren Worten zu sagen, der Mensch auch Macht über die himmlischen Welten, über Gott hat. Zugleich geht es parallel einer für die Halaeba massgebenden Denkart, dass die ,Entscheidung in der Auslegung,-der Tora in die Hand der Menschen gelegt Ist, sodass beispielsweise die Engel, wenn sie fragen, wann Roschhaschana ist, von Gott die Antwort erhalten, fragt nicht mich, fragt das irdische Bet-Din. Gott ist gleichsam gebunden an die Entscheidung derer!, denen er die Macht und das Recht zur Entscheidung verliehen. Man kann gegen diese Denkart gewichtige .Einwendung erheben, sie hebt in gewissem Sinne die Souveränität des Rechtes auf, legt sie in die Hand derer, die das Recht handhaben, sie könnte jemand dazu zwingen, wider seine Ueberzeugung zu handeln;.,man sojl sich ihr auch nicht schrankenlos hingeben; aber sie ist da, und man muss sie zum mindesten als vorhanden feststellen. Zu dem Wort (39,2) „und ER war mit Josef" gesellt sich 4i& feine und tiefe Bedeutung: "^Daraus' kannst, du sehen, dass jäie Gegenwart Gottes mit ihm in "die Verbannung nach Aegypten ging." Welcher Trost liegt darin, dass auch in die Tage der ,Trübsa 1 die~ Gegenwart Gott.es>mit eingeht! ' . . . . Dass Josef die Versuchung, in die ihn vPotifars Frau brächte, siegreich bestand, ist Anlass zu einer weit ausholenden Auseinandersetzung erzieherischer Art, bei der der Hinweis auf Josef nur das letzte Glied ist. „Ein Armer, ein Reicher, ein Frevler kommen am Tage des letzten Gerichts, Rechenschaft abzulegen. Den Armen fragt man, warum hast du dich nicht mit. der Tora beschäftigt? Er antwortet, ich war arm und musste mich abplagen, mein Brot zu verdienen. .Man erwidert ihm: warst du ärmer als Hillel? Folgendes nämlich erzählt man von Hillel: Jeden Tag verdiente er sich durch Arbeit einen halben Denar, von der einen Hälfte bestritt er seinen und seiner Hausleute Unterhalt, die andere Hälfte gab er dem Türhüter. des Lehrhauses, dass er ihn einlasse. Einmal, ein Tag vor dem Schabbat war es, hatte er nichts verdient, da liess ihn der Türhüter nicht ein. Was tat er? Er schlich sich aufs Dach, setzte sich auf eine Luke, von dort aus die Worte des lebendigen Gottes aus dem Munde Schemajas und Abtalions zu hören. Es war "Wintersonnenwende, Schnee fiel. Als die Morgenröte aufstieg, sprach Schemaja zu Abtalion: Bruder, sonst ist's um diese Zeit licht im Zimmer und heute dunkel. Man schaute, sah die Gestalt eines Menschen in der Luke, drei Ellen hoch lag der Schnee: über ihm, man schüttelte diesen von. ihm ab, badete ihn, salbte ihn, setzte ihn ans Feuer, und man sagte, dieser war wert, dass man seinetwegen den Schabbat entweihte. — Den "Reichen fragte man, warum hast du dich nicht mit der Tora beschäftigt? 3Sr antwortet, ich war reich und hatte zuviel mit meinen Gütern zu tun.. Man erwidert ihm, du warst bestimmt nicht reicher als Rabbi Elasar ben Charssum. Von diesem erzählt man, dass ihm sein Vater zahllose Marktflecken und zahllose Schiffe hinterlassen hatte, er aber hatte sein Lebtag sie nicht einmal angesehen,* sondern immer nur mit der Tora sich beschäftigt. Eines Tages trafen ihn seine eigenen Diener — sie hatten ihn nie.gesehen und hielten .ihn für einen ihrem Herrn Fronpflichtigen — und zwangen ihn zur Fronarbeit. Er sagte zu ihnen, lasst mich, denn ich gehe, Tora zu lernen; sie aber sagten zu. ihm, beim Leben unseres Herrn, wir lassen dich nicht. — Zu dem Frevler sagt man, warum hast du dich nicht mit der Tora beschäftigt? Er erwidert, ich war schön und war von meiner Leidenschaft gefangen. Man erwidert ihm, du warst nicht schöner als Josef. Von ihm wird berichtet, dass Potifars Frau alle ihre Ueberredungskünste aufwandte, ihn zu gewinnen. Mehrmals am Tage wechselte sie seinetwegen die Kleider, die Gewänder, die sie morgens für ihn angezogen hatte, trug sie abends nicht mehr, und die sie abends getragen hatte, trug sie am nächsten Morgen nicht mehr. Sie sagte zu ihm, höre auf mich, er sagte nein, sie bot ihm Tausende von Zentnern Silber, er hörte nicht auf sie. So ergibt .«ich, an Hillel werden die-Armen, zu schänden, an Rabbi Elasar ben Charssum die Reichen, an Josef die Frevler." . Die ganze Darstellung der Bibel ist abgestellt darauf, dass Josef von Anfang 'bis Ende widerstand. So auch der eben wiedergegebene Midrasch. Aber doch biegt der Midrasch an anderer Stelle diese Schilderung wiederum ab, er lässt Josef beinahe unterliegen. Es heisst (39,11) „er kam ins Haus, seine Arbeit zu verrichten". Das Wort irDK^Ö deutet einer in dem Sinne, daß die Leidenschaft ihn packte, und er nun endlich ihr folgen wollte. „Es war der Tag, da man das Steigen des Nils feierte, alle waren ausgegangen, das Fest zu feiern. Sie hatte Kopfschmerzen vorgeschützt^ und war zu Haus geblieben,'ihn ging als Juden das Götzenfest nichts an. Aber als er nuh> von seiner Leidenschaft gepackt ihr willfahren wollte, da erschien ihm das Antlitz des Vaters vor Augen, es sprach zu ihm:. Josef, einst werden deiner Brüder Namen in die Steine im Efod (Gewand des Hohenpriesters) eingegraben, ^werden; der Deine soll mit dabei sein, willst.'du, dass er ^ausgelöscht werde aus ihrer Mitte?" So entging er der Versuchung. , Man fragt sich^ warum fabuliert der Midrasch so? Warum lässt er diese Trübung von Josefs Bild zu? Es kann riur so"sein,

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