Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 2 (11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nf. 1____November 1*36 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beitrage für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, su richten. Jüdische Jugendliteratur von Dr. Hans Epstein Seitdem die Juden in Deutschland in kulturellen Fragen immer mehr auf sich selbst verwiesen wurden, entstand ein starkes Suchen nach jüdischen Werten auf den Gebieten der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur. Man denke nur an die Arbeit des Kulturbundes, der jüdischen Buchvereinigung, der jüdischen Verleger. Innerhalb der jüdischen Jugend besteht heute eine besonders starke Nachfrage nach guten jüdischen Jugendbüchern, die unter anderem die Aufgabe haben, die jungen Menschen in die jüdische Gemeinschaft einzufügen und sie im jüdischen Raum zu festigen. Die jüdischen Verleger haben — so scheint es — die Forderung der Zeit nach jüdischen' Jugendbüchern verstanden. Die Quantität der vorhandenen jüdischen Jugendliteratur könnte der Nachfrage wohl gerecht werben. Aber nur einen verhältnismässig gelingen Teü dieser Bücher kann man wirklich empfehlen. Man hat beim Lesen vieler Jugendbücher oft die Gewissheit, dass die Autoren nicht wissen, für wen sie eigentlich schreiben, und dass sie sich oft nicht darüber klar sind, welche Aufgaben gerade heute dem guten jüdischen Jugendbuch gestellt sind. Ganz abgesehen davon, dass sie meist keine Kenntnis von der doch sehr ergebnisreichen jahrzehntelangen Forschung und Diskussion über das „gute" Kinder- und Jugendbuch haben. Es ist an der Zeit, einmal an das Gewissen der Autoren und Verleger zu appellieren. Die letzten Jahre haben uns grundlegende Erkenntnisse über das Denken und Fühlen von Jugendlichen gebracht, und es sollte eigentlich heute unmöglich sein, Jugendbücher empfohlen zu finden, die diesen Erkenntnissen nicht Rechnung tragen. Inhalt und Stil eines guten Jugendbuches müssen den Entwicklungsstufen kindlichen Denkens und Fühlens angepasst sein. Der Autor muss eine Vorstellung von der „Wachstumsstufe" der Kinder haben, für die er schreibt. — Bücher, die ohne Gefühl für Sprachliches in schlechtem Stil — lediglich um des Apolo getischen willen — geschrieben sind, kann und darf man nicht empfehlen. Es ist ein verhängnisvoller.Irrtum zu glauben, dass der Stil Nebensache sei und dass es lediglich auf den Inhalt ankomme oder auf die „ethische Haltung". „Denn das Wort ist der Geist des Menschen schlechthin" (Weismantel). Der schlechte Stil erzieht zur Phrase, zur Schludrigkeit im eigenen Schreiben und Denken — und verwehrt den Zugang zur Form des grossen Kunstwerks. Jüdische Menschen, die heute daran gehen, Bücher für jüdische Kinder oder Jugendliche zu schreiben, sollten sich erst einmal wenigstens mit den Grundfragen der „Jugendliteratur" beschäftigen. Auch die Redakteure der Jugendbeilagen der jüdischen Zeitungen sollten das tun, ihnen tut es besonders not! (Diesen Autoren, Redakteuren und den an der Jugendbuchfrage interessierten Jugendführern empfehle ich dazu ganz besonders das Sammelwerk: Ueber die geistesbiologischen Grundlagen des Lesegutes der Kinder und Jugendlichen von Leo Weismantel. B. Filser Verlag. Augsburg.) »■ Dass ein Jugendbuch „gut geht" mag Autoren und Verleger erfreuen — es ist aber noch kein Beweis dafür, dass das Buch auch gut ist. Die starke Nachfragenach jüdischen Jugendbüchern darf nicht zur Niveaulosigkeit des jüdischen Jugendbuchs führen. Der Autor eines Jugendbuches hat zwei Möglichkeilen: Entweder er schafft ein wirkliches Kunstwerk für Jugendliche, oder aber er gibt eine saubere sprachliche Gestaltung eines jugendgemässen Stoffs in jugendgemässer Form. Ein Beispiel: Der alte Johann Peter Hebel (1760—1826), der Verfasser des „Schatzkästleins", und Joachim Prinz erzählen die Geschichten des Alten Testaments. Hebel mit all der Sachlichkeit und gläubigen Naivität, die ihm eignet, aus der Kraft ungebrochenen Glaubens heraus. Im „Schatzkästlein" sagt er einmal: „Merke: du sollst nicht über die Religion grübeln und düfteln, damit du nicht deines Glaubens Kraft verlierst. Auch sollst du nicht mit Andersdenkenden disputieren, am wenigsten mit solchen, die darüber es ebensowenig verstehen als du, noch weniger mit Gelehrten, denn sie besiegen dich durch ihre Gelehrsamkeit und Kunst, nicht durch deine Ueberzeugung. Sondern du sollst deines Glaubens leben und was gerade ist, nicht krumm machen. Es sei denn, dass dich dein Gewissen selbst treibt zu schanschieren." — Hebel erzählt die biblischen Geschichten im Stil kindlicher Gläubigkeit. Und auch die moralischen „Nutzanwendungen" stören nicht, weil sie so ganz aus dieser gläubigen Haltung kommen. Der Leser fragt nicht: „Sind diese Geschichten wahr oder erdichtet?" Tiefe Menschlichkeit und kindliche Gläubigkeit schaf-, fen so ein Werk, das die Frage nach dem „wirklich Gewesenen" garnicht zulässt. Ganz zu schweigen von den Wundern Hebelschen Stils. Heute ist es fast unmöglich, ein solches Buch zu schreiben. — Den „Geschichten der Bibel" von Joachim Prinz merkt man den Willen zur Kindertümlichkeit an. Der Mensch von heute besitzt nicht mehr diese einfache, kindliche Gläubigkeit. Prinz ist in einer sehr schwierigen Situation. Er, der komplizierte und zweifelnde Mensch unserer Tage, der Kenner der Bibelwissenschaft, will Kindern die „Geschichten der Bibel" nahebringen und verständlich machen. An die stelle der selbstversiSüdlichen Naivität Hebels ist gewollte Kindlichkeit und Naivität getreten. Das ist kein Vorwarf, sondern lediglich die Feststellung einer Notwendigkeit. Und es ist auch' kein Zufall, dass Prinz gerade da, wo er das Handeln biblischer Gestalten „psychologisch" motivieren will, oft platt, statt kindertümlich wird. Und doch ist dies Buch das einzig mir bekannte Buch unserer Tage, das mit Erfolg versucht, die Geschichten der Bibel sauber und kindgemäss zu erzählen. Die Kinder lieben dies Buch, das seiner ganzen Art — aber auch der guten äusseren Aufmachung nach — ein typisches Dokument unserer Zeit ist. Die verschiedenen Möglichkeiten des Verhaltens Erwachsener Kindern gegenüber — der eine ist Kindern gegenüber mehr der gute Onkel, der andere mehr der „noch Jugendliche" — spiegelt sich in dem Verhalten der Autoren und Autorinnen getreulieh wieder. Manche Autoren, die kaum eine Ahnung vom wirklichen Denken und Fühlen der Kinder und Jugendlichen haben, versuchen kindlich zu schreiben und werden dabei kindisch, ebenso wie sich manche erwachsene Menschen, wenn sie mit Kindern umgehen, „kindisch" benehmen. Sie wollen auf die Stufe des Kindertümlich en herniedersteigen — ihr Stil