Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 2 (11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094439-3094441--5475-3100289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 31 und die französische Komödie verstehen kann. Fromet Mendelssohn ist die erste Jüdin der Aufklärungszeit: von der Schwelle ihres Judenhauses in eine neue Welt hineinguckend. Ihre Töchter und deren Freundinnen — Henriette Herz, Kahel Levin und ihr Kreis — verkörpern dann in voller Deutlichkeit die neue Jüdin jener Zeit: die Frau, die mit wachen Sinnen an allen geistigen Strömungen ihrer Zeit teilnimmt und darüber ihr eigenes jüdisches Leben als das Zeichen einer überwundenen Zeit, ohne Kampf meist, vielmehr mit dem Gefühl eines errungenen Sieges, von sich wirft. Es sind jene Jüdinnen, die damals, ganz "besonders in Berlin, die geistige Geselligkeit nicht nur beherrschten, sondern recht eigentlich erst ins Leben riefen: glänzende Gestalten, deren Glanz und Schwäche wir heute vielleicht deutlicher sehen als vordem, da jene Epoche, die mit ihnen begann, endgiltig abgeschlossen zu sein scheint. Ihnen allen haftet ein geheimes Leid an, das sie vergebens (wie etwa Dorothea, die Tochter Moses Mendelssohns), durch fanatische Hingabe an den neuen Glauben zu betäuben suchen. Am tiefsten hat die eigentümlichste dieser Frauen, Kahel Lewin, diesen „Dolch" gespürt, den man ihr bei der Geburt durchs Herz gestossen habe — was einer klarsichtigen Beobachterin, wie Ellen Key, nicht, entgangen ist. Rahel ist aber auch die einzige aus diesem Kreis, die eine innerliche Umkehr und Rückkehr zur Erkjnncnis des Schicksals ihrer jüdischen Geburt und der Rolle der Juden in der Weltgeschichte in sich erlebte, ähnlich wie es ihr Freund und Zeitgenosse Heinrich Heine in seinen letzten Lebensjahren erfahren durfte. Auf dem Totenbette spricht sie die neue Erkenntnis dann aus; und nun „möchte sie es um keinen Preis mehr missen, als.Jüdin geboren zu sein". Das Geschlecht dieser Jüdinnen der deutschen Romantik hat — mit der einzigen Ausnahme vielleicht von Dorothea Veit in den Jahren ihrer frühen Ehe — zumeist keine Kinder hervorgebracht. Auch geistig haben diese Frauen keine Töchter. Einen anderen Anfang musste sich die jüdische Frau des 19. Jahrhunderts suchen. Sie fand ihn, als sie den Kultus der eigenen Persönlichkeit, wie er in den Kreisen der Romantiker und Romantikerinnen herrschte, durch die Hingabe an eine grössere Gemeinschaft überwand. Das eigene Haus, das die Ghettojüdin mit der Gemeinschaft ihres Volkes verband, war ihr zu eng geworden — zumal die Pflichten der Jüdin des Mittelalters ihr genommen worden waren. So suchte und fand sie ihr Arbeitsfeld in der Wirksamkeit für die Gemeinschaft der Frauen. Hen riette Goldschmidt, die „die Arbeit, die Grundlage der ganzen modernen Gesellschaft, als Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechtes erklärt und bestrebt ist, alle der weiblichen Arbeitskraft im Wege stehenden Hindernisse hinweg zu räumen", die Mitgründerin des Allgemeinen Deutschen Frauen-Vereins, und Josephine Levyliathenau, die im Weltkriege in Berlin mit Gertrud Bäumer zusammen den Nationalen Frauendienst mit unvergleichlicher Organisationskraft ins Leben rief und leitete, bezeichnen etwa die Anfangs- und Endpunkte des jüdischen Weges in der Frauen- Bewegung des 19. Jahrhunderts. Der jüdische Frauentyp jener Jahre, zeigt alle Merkmale der Menschheitsziele jener Zeit: er strebt bei stärkstem Einsatz der eignen Arbeitsfähigkeit nach Erweiterung der Arbeitsmöglichkeit der Frau im allgemeinen, ohne der besonderen jüdischen Probleme und Schwierigkeiten mehr als im Vorübergehen zu gedenken. Diese Jüdinnen wollen zunächst für die Frauen aller Völker und Konfessionen arbeiten, — im Weltkriege verengt sich der Arbeitskreis dann auf die deutschen Mitbürger. Für ihre jüdischen Volksgenossinnen sorgen sie nur, weil sie Frauen, nicht aber weil sie Jüdinnen sind. Aber auf diesem Wege gelangten manche der weiter Blickenden schon zur Erkenntnis der eigensten Probleme der jüdischen Frau und ihrer Nöte. Dazu gehörte in erster Reihe Bertha Pappenheim, die Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, die , für die Aufgaben der jüdischen Frau in aller Welt eintrat, etwr für die Erziehung der Ostjüdinnen in den Beth Jaakob-Schulen, und die gegen den Missbrauch jüdischer Frauenkraft in östlichen Bezirken in der „Sysiphus-Arbeit" eines Lebens gekämpft hat. Zu diesen Frauen, die mit Wort und Schrift und dem Einsatz ihrer geistigen Kräfte für das Los der Jüdin kämpfen, tritt jedoch in unsern Tagen noch die Gestalt eines, wie es scheinen will, völlig neuen jüdischen Frauentypus: die Gestalt der arbeitenden Frau in Palästina. Während in der ersten Periode der jüdischen Kolonisation die jüdische Frau überhaupt nicht in ihren Rahmen einbezogen! wurde und die eine Frau, die schon mit den „BILU" ins Land zog, lange vereinzelt blieb, traten seit dem Jahre 1905 häufiger Frauen als Arbeiterinnen in landwirtschaftlichen Betrieben auf — unter grössten Entbehrungen suchen sie ihren Platz zu behaupten — bis dann 1910 durch Channah Maisel-Schochat die erste landwirtschaftliche Lehrstätte für die jüdische Frau gegründet wurde. Damals entstand in dei heroischen Epoche der jüdischen Arbeiterinnen-Bewegung jene Gestalt der jüdischen Arbeiterin, die jeder kennt, der heute Palästina durchwandert: Gestalten, die in gewissem Grade wieder der Ghetto-Frau des Mittelalters gleichen in ihrer Umsicht und Selbstständigkeit und der Sicherheit, mit der sie sich auf dem Boden ihres Arbeitsfeldes bewegen. Es sind robuste Gestalten mit tief durchfurchten, sonnengebräunten Gesichtern. Meist kameoi sie aus Russland, wo sie schon tief in die politisch-soziale Arbeit eingedrungen waren; so hatte Debrorah Dajan lange Zeit im Semstwo als einzige Jüdin mitgearbeitet, ehe sie ihr eignes Volk entdeckte und seine Sprache kennen lernte. In einem erschütternden Rückblick hat sie einmal erzählt, wie es kam, da3S sie im Naehlass ihres Vaters einen Brief fand, der sie nach der alten Heimat ihres Volkes, nach Palästina, führte, wo sie sich in die Reihen der Arbeitenden einreihte. Früher in Universitäten, in Vortragssälen, in Museen waren ihr manchmal Zweifel gekommen: „Wer braucht meine ganze Arbeit? Ist etwas Notwendiges an ihr?" — Jetzt bäckt sie „einen ganzen Ofen voll Brot — Brot für fünfzig Menschen. Mit blutenden Händen, die sich erst der neuen Arbeit mühevoll anpassen müssen. Aber sie weiss: „Ist das nicht die Quelle aller Quellen? Kann der Mensch ohne Brot leben?" Rachel Bluwstein, eine früh vollendete, liebliche Mädchengestalt, hat in träumend schönen Liedern die Landschaft der altneuen Heimat geschildert — und ihr eigenes kurzes Leben, das zwischen Arbeit, Tanz mit den Gespielinnen, und Krankheit rasch zu Ende ging. „Rachel" wie sie sich nannte, ist eine der rührendsten Verkörperungen jüdischen Frauentums in dieser Zeit. Im kargen und arbeitsreichen Leben dieser Frauen findet sich bei aller inneren Befriedigung durch das Werk für ihr Volk doch immer der gleiche Zwiespalt — schwer zu überbrücken und manchmal zu innerem Kampfe führend: es ist nicht so leicht für den Menschen aus unserer Zeit, auf das Leben des Einzelnen zu verzichten und Zelle im Gemeinwesen zu werden — selbst wenn man dieses Gemeinwesen tief innerlich bejaht.. Daher bleibt in den Aufzeichnungen dieser bescheidenen Heldinnen häaHg ein leiser Ton der Schwermut zurück, den alle Freude Iber das Gelingen des grossen Werkes nicht austilgen kann. Aach dieser Vci zieht gehört zu den. Geburtswehen einer neuen Zeit, die vielleicht auch einen neuen jüdischen Frauenty p ms er itaigen A\ird.. Noch einmal aber fasst sich heute für die Mitlebenden in der Geslt.lt einer einzigen Frau die soziale Jüdin des verflossenen 19. Jahrhunderts mit ihren menschheitlichon Zilien mir der neuen Arbeiterin für die Sache ihres Volkes in Eins zusammen. Diese Frau ist Henriette Szold, die amerikanische Rabbinerstochter, die aus allen Quellen jüdischer Vergangenheit und Gegenwart schöpfte. Sie hatte ein halbes Leben lan.Tj für die bedrängten Juden, die Einwanderer aus Rusaland besonders, in ihrem Geburtslande Amerika gearbeitet. Sie hatte als Uebersetzerin hebräischer Werke tätig am jüdischen Geistesleben teilgenommen. In der Mitte ihres Lebens fasst sie den Entgeh! uss. nach Palästina zu gehen, und ist seitdem dort mit dem Aufbau der sozialen Arbeit, ganz »besonders mit dem zukunftsreichen Werke der Jugend- Alijah untrennbar verknüpft. Ihr ward das hohe Glück, das sich geheimnisvoll mit dem Verdienst verkettet, Vergangenheit und Zukunft, Literatur und Leben des jüdischen Frauentums fruchtbar zu verknüpfen. Dr. Bertha Badfc-Strauss