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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-11-01 · 2 (11.1936) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
2 (11.1936)
Date
1936-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis für Gemeinde mitglieder vierteljährlich 45 Rpfg. (einsohl. Zuatellungs- und Erhehungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Rpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigenyerwaltung: M. Isaao & Co., Reineokstr. 17/19, Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigensohluas für die n&ohsto Nummer: . 26. Nov. 1936 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 15. Jahrgang__Frankfurt a. M», November 1936 Nr. 2 Das Schriftwort Jaakows Tröstung von Max Dienemann Eine der reizvollsten Erzählungen des ersten Buches ist die von der Flucht Jaakows aus dem Elternhaus und dem tröstenden Traum, der ihm unterwegs geschenkt war. Zugleich aber ist sie eine der Erzählungen, um deren Sinn sich der Midrasch heiss müht; und ihre einzelnen Worte und Sätze werden, ihm Anlass zu selbständigem Gedankenfluge, der die Worte aus dem Zusammenhange heraushebt, mit ihnen in die Ferne schweift und sie zur Schau über Vergangenheit und Zukunft hinträgt. Die Bibel erzählt schlicht (Kap. 28, 10-22) : „Jaakow zog aus von Beer Scheba und wanderte nach Charan. Da betrat er die Stätte. Er musste dort nächtigen, denn die Sonne war gegangen. So nahm er von den Steinen der Stätte und richtete daraus ein Lager für sein Haupt und legte sich schlafen an jener Stätte. Und ihm träumte: Er sah, eine Leiter gestellt auf die Erde, ihr Haupt an den Himmel rührend, und sah, Boten Gottes steigen auf ihr empor, hernieder. Sieh', da stand ER über ihm und sprach: ICH bin's, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Jizchaks. Das Land, auf dem du jetzt schlafend liegst, dir gebe ich es und deinem Samen. Dein Same wird sein wie der Staub der Erde. Ausbrechen wirst du westwärts, ostwärts, nordwärts, südwärts. Gesegnet werden mit dir alle Sippen des Erdreichs und mit deinem Samen. Ich denn bin bei dir. Ich will dich hüten, wo all du hingehst, und will dich heimbringen zu diesem Boden. Nein, ich verlasse dich nicht, bis ich vollbrachte, was ich dir geredet habe. Jaakow erwachte aus seinem Schlaf und sprach: Wahrlich, gegenwärtig ist ER an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Er erschauerte, und er sprach: Wie schauervoll ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als ein Haus Gottes, und hier ist die Pforte des Himmels. Frühmorgens stand Jaakow auf, er nahm den Stein, den er zum Lager gerichtet hatte, und errichtete ihn zum Standmal und schüttete Oel oben darauf... Und Jaakow gelobte ein Gelübde, sprechend: Wird Gott mit mir sein, und hat er mich behütet auf diesem Weg, den ich nun gehen rnnss, und gab er mir Brot zum Essen, Gewand zum Anziehen, und bin ich heil dann heimgekehrt zum Haus meines Vaters: so ist ER mir Gott, und dieser Stein, den ich zum Standmal aufrichtete, soll ein Haus Gottes werden, und alles was du mir geben wirst, verzehnten will ich's, verzehnten dir." Was aber macht nun der Midrasch aus. dieser Erzählung? Nur ein Ausschnitt aus der Fülle sei wiedergegeben. Ueber das Ganze setzt er als Ueberschrift die Psalmworte, die mit den Worten beginnen (121,1) „ich hebe meine Augen zu den Bergen: woher wird meine Hilfe kommen?" Und er erzählt: „Als Elieser, der Knecht Abrahams, auszog, Riwka zu holen, da hatte er zehn Kamele bei sich und Spangen und Ringe. Ich, sann Jaakow, habe nichts bei mir, denn nackt und bloss liess ihn der Vater gehen—trotzdem, sprach-er zu sich, soll ich die Hoffnung auf meinen Schöpfer preisgeben? (121,2) „meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde geschaffen"." An dem Beispiel Jaakows sollte hier ein Trost all denen gespendet werden, die gleich ihm die Heimat verlassen müssen, in eine ungewisse Zukunft gehen, der gewohnten Lebensmittel entblösst; die, auch wenn sie! gleich Jaakow auf Verwandte sich stützen, nicht wissen, ob diese Stütze standhalten wird. Jaakow wird hier zum Symbol des leidüberhäuften Israel. Es heisst im Text schlicht „Jaakow zog aus". Dazu der Midrasch: „ging an diesem Tage nur Jaakow durch das Tor von Beer Scheba hinaus auf die Strasse? Wieviel Esel- und Kamel- Treiber gingen nicht an jenem Tage durch's Tor? und hier wird gesprochen, als sei nur er der Einzige, der ausging. Aber — solange der Bewährte in der Stadt ist, ist er ihr Glanz, ihr Ruhm, ihre Pracht, geht er, geht mit ihm ihr Glanz, ihr Ruhm, ihre Pracht". Wir denken, lesen wir solche Worte, an den verblassenden Glanz so mancher unserer jahrhundertealten Gemeinden, und im Bilde Jaakows finden wir uns selbst wieder. Es heisst „da betrat er die Stätte". Das Wort, das hier mit „betrat" übersetzt ist, hat zugleich auch die Bedeutung „bitten, beten", und der Midrasch versteht „er betete an der Stätte", und er knüpft daran die Bemerkung, dass die drei grossen Hauptgebete von den drei Vätern eingesetzt sind, und sie schreiben Jaakow die Einsetzung des Abendgebetes zu. Sie spinnen den Gedanken einer dreimaligen Gebetszeit weiter aus und sagen: „dreimal am Tage ist Gebetszeit, entsprechend den drei Phasen der Veränderung des Tageslichtes. Am Abend soll man beten „es sei Dein Wille, DU, mein Gott, dass Du mich aus Dunkel zum Licht führest". Am Morgen „ich danke Dir, DU, mein Gott, dass DU mich aus Dunkel zum Licht geführt hast". Zur Nachmittagszeit „es sei Dein Wille, DU, mein Gott, dass Du mich würdigst, den Untergang der Sonne zu schauen, wie Du mich gewürdigt hast, ihren Aufgang zu schauen"." Der leitende Gedanke ist, das Bewusstsein zu festigen, dass alle Aeusserungen jüdischer Frömmigkeit und jüdischen Geistes in die Ferne der Urgeschichte hinaufreichen, und dass wir mit allem Sein in den Urahnen wurzeln, dass sie in uns fortleben. Zugleich aber verblüfft die Schlichtheit und Einfachheit dieser Gebete; in ihrer Kunst und Schmucklosigkeit birgt sich eine Fülle religiöser Innigkeit. Es heisst „denn die Sonne war gegangen". Warum dieser Satz? Wenn schon gesagt ist, er musste dort nächtigen, so weiss man doch, dass die Sonne untergegangen war, sonst nächtigt man doch nicht? Für den Midrasch ist das der Anlass, zu erzählen, dass es eigentlich noch nicht Zeit war, dass die Sonne unterginge, aber Gott liess sie zwei Stunden früher untergehen, damit er in Bet-El nächtige, dem Ort, der später

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