Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 2 (11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3094266-3094439-3094441--5446-3100260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ein Heiligtum trug. „Wann aber, so fragt der Midrasch, gab Gott die zwei Stunden zurück, lim die er den Sonnentag Jaakows hier verkürzte? Als er ins Elternhans heimkehrte, denn so heisst es ( 1. M. 32,32), „es schien ihm die Sonne". Ihm?, schien sie denn nur für ihn?, schien sie denn nicht für alle Welt? Rabbi Jizchak sagte, die Sonne, die seinetwegen einmal früher untergegangen war, ging nun um seinetwegen früher auf." „Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu ihm, du sollst ein Zeichen sein für deine Kinder; so wie ich dir, als du ans dem Elternhaus gingest, die Sonne vorzeitig untergehen Hess und dir bei der Rückkehr die Sonnenstunden wiedergab, so soll 'es . auch deinen Kindern ergehen. Bei ihrem Auszug in die Verbannung (Jirmejahu 15,9 ): „Nun welkt, die sieben gebar, die Seele schwillt ihr auf, ihre Sonne versinkt noch am Tag", und bei ihrer Heimkehr, was ist da gesagt? (Meleachi 3,20) „Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, strahlt auf die So)n-4 ne der Bewahrheitung, an ihren Flügeln Heilung"." Ein Vielfaches ist in dieser Deutung. Daran ist natürlich nicht gedacht, dass wirklich der Lauf der Sonne sich geändert hatte: gesagt soll werden, dass jeder unter der steten Beobachtung Gottes steht, dass keinem sein Sonnentag verkürzt wird, dass erlebtes Leid durch unerwartete Freude ausgeglichen wird. Und wieder wird Jaakow hier zum Sinnbild Israels, sein Auszug wird zum Sinnbild der Verbannung, seine Heimkehr Bürgschaft der sonnenbestrahlten, heilungerfüllten Heimkehr. Sie lasen die Bibel sehr aufmerksam und gründlich, die Alten, darum fiel ihnen eine veränderte Ausdrucksweise in unserer Erzählung auf; sie glaubten hier einen Widerspruch zu entdecken. Warum heisst es (V. 11) „er nahm von den Steinen", also viele Steine, und V. 18 „er nahm den Stein, den er zum Lager... gerichtet hatte", also war es nur ein Stein? Der Midrasch : „Zwölf Steine nahm er, Zeichen der zwölf Stämme, und sie vereinigten sieh unter dem Haupt des Frommen und wurden ein Stein." Das heisst, es ist dem alten Erklärer jede Deutung, und mag sie noch so gewaltsam sein, recht, wenn nur mit ihr das Ziel erreicht werden kann, die Einheit Israels als Aufgabe hinzustellen. Wenn die Steine sich einten und miteinander verschmolzen, dann erst recht doch die Menschen, die zu Jakob sich zählen! Von diesem Steine aber heisst es: „Gott senkte ihn in die tiefste Tiefe hinab und machte ihn zum Grundstein der Erde, von ihm aus dehnt sich die Erde aus, und auf ihm stand der Tempel". Hier wird also eine innere Beziehung angebahnt zwischen Jaakows Lager und dem Tempel auf Zion. Der Fromme, will damit gesagt werden, ist der Grundstein, auf dem der Tempel sich erhebt, ohne ihn, d. h. ohne sein Tun, sind alle Lehren der Religion nur theoretische Lehre und nicht lebendige Wirklichkeit; man denkt dabei an den Ausspruch jenes chassidischen Rabbi: „Der Mensch muss selbst zur Tora werden". Es heisst von der Leiter, die von der Erde zum Himmel reichte (V. 12), „da stand er ".Man kann das übersetzen „auf ihr", nämlich der Leiter, man kann es auch übersetzen „auf ihm". Auf wem? Auf Jaaköw; so erklärt es Rabbi Jochanan „der Heilige, gelobt sei er, steht aufrecht, wird bestätigt durch die Frommen". Es ist ein Wort von ungeheuerer Kühnheit; ausgesprochen und wörtlich erfasst, grenzt es an Gotteslästerung. Es gehört in die Linie jenes jüdischen Denkens, das die' Verwirklichung Gottes in die Hand des Menschen legt, dem Menschen die Verantwortung dafür aufbürdet, dass Gott in Wahrheit König über die ganze Welt sei. Das hat nichts zu tun mit der heidnischen Lehre, die Gott nach dem Bilde des Menschen formt, hier wird nur gesagt, dass die Durchsetzung der Forderung Gottes an die Menschen Sache der Menschen selbst ist. Dnd es steht in einer Linie mit dem bekannten Satz der jüdischen Ethik (Niddah 16b) „Alles ist in Gottes Hand nur nicht die Gottesfurcht." Gott kündet Jaakow (V. 13) „das Land, auf dem du jetzt schlafend liegst, dir gebe ich es und deinem Samen". Das wäre nicht viel, der schmale Streifen, auf dem ein Mensch sich ausstreckt. Der Midrasch: „Rabbi Jizchak sagte, Gott faltete das ganze Land Israel zusammen und Hess Jaakow darauf liegen". Wieder solch eine Bemerkung, die man nicht wörtlich nehmen kann. Rabbi Jizchak wollte sageD, dass von den Vätern her sich der Anspruch auf das ganze ungeteilte Land her gründet, dass sie es so durchzogen und durchdrangen, dass innerlich das ganze Land ihrem Sein und Denken gehorchte und zugehörte. Man lese aus dem im Eingang wiedergegebenen Stück der Bibel nach, wie Gott Jaakow eine Verheissung kündete, wie Jaakow dann ein Gelübde tut. Die Worte der Verheissungen und die des Gelübdes decken sich so, dass man die Verheissung geradezu als Antwort auf Jaakows Gelübde nehmen kann, wenn man sich nicht daran. stösst, dass das Gelübde erst na -h der Verheissung berichtet wird. Der Midrasch will sogar die Reihenfolge der Verse umkehren, weil es ihm unbegreiflich erscheint, dass Jaakow. im Tone eines unsicheren Wenn gesagt haben kann: „wird Gott bei mir sein, und hat er mich behütet auf diesem Wege", wenn er vorher die Verheissung empfing „ich bin bei dir, . ich will dich hüten', wo all hin du gehst". „Aber", sagt der Midrasch, „auf jedes Wort des Gelübdes erhält Jaakow eine Antwort, nur der in ihm enthaltenen Bitte um Nahrung — „und gab er mir Brot zum Essen" — entspricht tkein Wort der Verheissung, hier erhält er keine Antwort." Eine seltsame Bemerkung! Warum erhält er auf diesen so berechtigten Wunsch keine Antwort? Ist es deshalb, weil hier ein Selbstverständliches vorausgesetzt ist? Weil gewissermassen gesagt wird: die besonderen Wünsche, die einer hat, die Schicksale dieses besonderen Lebens, dafür bedarf es der Verheissung, aber Nahrung, Versorgung, das ist jedermanns Recht, das ist jedermann gewährt? „Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende mit Gefallen" (Ps. 145,16). Oder ist es darum, weil man sich einfach nicht sorgen soll und vertrauen soll? „Wer heute zu essen hat und spricht, was werde ich morgen essen, gehört zu den Kleingläubigen" (Sota d8.b). Der Midrasch gibt hier keine Antwort, iässt den Leser selbst denken und um den Grund sich mühen. Doch ist ein Rabbi, der mit dieser ganzen Bemerkung nicht einverstanden ist. „Rabbi Assi sagte, auch auf die Bitte um Nahrung erhielt Jaaköw eine Antwort, denn es heisst in der Verheissung (V. 15) „ich werde dich nicht verlassen", und dies Wort „verlassen" hat eine besondere Beziehung zu allem, was mit Nahrung und Versorgung zu tun hat, denn so heisst es (Ps. 37,25) „ich war jung, alt bin ich auch worden, und sah nie einen Bewährten verlassen und seinen Samen nach Brot suchend". „Wir schöpfen aus dieser Bemerkung die Erkenntnis, man ist nicht verlassen, solange man Brot hat. Alles menschliche Leid, alles Elend verblasst, wenn diese eine Not den Menschen antritt, sie ist die schlimmste, schlimmer als Krankheit und Unsicherheit. Jaakow stellt seinem Gelübde die Erwartung voran (V. 20) „Gott möge ihm geben, Brot zu essen und Gewand sich zu kleiden". Wie einfach und bescheiden ist diese Bitte! Kein übersteigerter Anspruch ans Leben, kein Pochen auf Verdienst. Daran knüpft die folgende Erzählung an: „Akilas, /ein Römer, der zum Judentum übergetreten war, kam zu Rabbi Elieser und sagte zu ihm: es steht in der Tora (5. M. 10,18) „Gott liebt den Fremdling, er gibt ihm Brot und Gewand". Ist das alles, was man zum Preis des Fremden, des Proselyten-— denn „ger" ist sowohl das Wort für den Fremden, den Gastsassen, wie für den zum Judentum Uebergetretenen — sagen kann? Darauf erwiderte ihm Rabbi Elieser: das erscheint dir gering? Der Stammvater musste durch so viele schmerzhafte Prüfungen hindurchgehen, ehe ihm das zuteil wurde, und dir wird es als unverdiente Gabe gereicht, nur weil du ein „ger" bist!" Wie vieles verbirgt sich hinter dieser Bemerkung! Die liebevolle Freundlichkeit, die gegenüber jedem Fremden, jedem Gast, jedem schutzbedürftigen Schutzlosen Pflicht ist! Dazu die Mahnung zur Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit! Die Erzählung bleibt in ihrem Wortlaut der Bericht von der einen Nacht in dem Leben des. Stammesvaters, aber in der Deutung greift sie weiter hinaus, wird sie zum Zeichen für Israels Leid und Tröstung, für die Forderung, die an Israel gestellt ist, und für seine ewige Aufgabe. So weitet der Midrasch sie und macht aus einem Einmaligen, Vergangenen etwas, das dauert, Zukunft birgtund ein Ziel weist.