Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-10-01 · 1 (10.1936) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
1 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 30 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3094266-3094439-3094440--5433-3100246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 30 Die Lahn, an deren linkem (östlichem) Ufer Glessen liegt, kann an Schönheit seihst mit der Mosel wetteifern und gilt besonders auf der Strecke von Glessen bis Nassau als das deutsche Paddler-Paradies. Kanu-Stationen: Giessen, Stockhausen, Fürfurt, Runkel, Diez, Balduinstein, Laurentrurg, Oberndorf, Nassau. — Dicht bei dem Nordostende Giessens das alte Dorf Wies eck mit 3800 Einwohnern, darunter nur noch wenigen Judenfamilien, durch IV2 Jahrhunderte Sitz:;der oberhessischen Judenkonvente (s. 0. bei Friedberg). Von der Austreibung der Giessener Juden 1662 bis zu deren Rückkehr 1708 war Wieseck eine starke Gemeinde. Heute zwar noch eigene Synagoge und eigener Friedhof, aber tatsächliche Zugehörigkeit zu Giessen. — TJebrigens war das Busecker Tal," an dessen Westeingang Wieseck liegt, eine Zeitlang im 18. Jahrhundort eine mit Juden besonders stark besiedelte Gegend. — "Von Giessen über Heuchelheim Atzbach, Dorlar, Garbenheim in 3V2 Stunden, Bahnfahrt 12—14 Minuten, nach Wetzlar. Kreisstadt mit 17000 Einwohnern, darunter kaum 100 Juden. Alter Ort aus der Karolingerzeit. Die älteste und nördlichste der wetterauischen Eeichsstädte, 1175—1801 reichsfrei. 1285 gibt sich hier Tile Kolup als der (1250 gestorben) wiedergekehrte Kaiser Friedrich II. aus, gewinnt die Bürgerschaft, wird aber an Rudolf von Habsburg ausgeliefert und verbrannt. 1693—IBÖß^st Wetzlar Sitz des Reichskammergerichts, an dem der Refereriaar J. W Goethe vom Mai bis September 1772 arbeitet. Seinen hiesigen Erlebnissen entspringt das erste deutsche Buch, von europäischer Berühmtheit, „Leiden des jungen Werther". — 1815" kommt Wetzlar an Preußen.— Schon vor 1200 wohnen Juden in-Wetzlar. 1277 haben sie Bürgerrecht, sitzen in der nicht: mehr vorhandenen Judengasse zwischen Lähngasse und Fischmarkt?. und haben eine Synagoge; stehen unter königlichem Schutz, sind aber der Stadt, dem Grafen von Nassau und den Herren .zu Runkel verpfändet. Mit deren Einverständnis' werden sie 134§ „gebrand'i, ihr Eigentum aufgeteilt. 1382 e r b i 11 e t und bekommt sie" wieder Juden von König Wenzel. -Im 16. Jahrhundert wird deren Ausweisung wieder erwogen, aber nicht beschlossen. Eine Beschränkung auf 12 Familien wird auch bald wieder fallengelassen, 1756 errichtet die Gemeinde eine stattliche, hoch heute benutzte Synagoge. Als die Stadt 1806 zum Grossherzogtum Frankfurt kommt, fallen die bürgerlichen Schranken fast völlig, in preußischer Zeit gänzlich. — Seit einigen Jahren gibt Lehrer1 Bravmann aus Weilburg hier den Religionsunterricht. Einziger Kultusbeamter ist, seit Jahrzehnten verdienstvoll wirkend, Joseph Gerstel, Quellengasse 22. — SehensWürdigkeiten: die Synagoge in .der Pfannenstielgasse, 1756 aus einem Privathause umgebaut, in der Inflation schon an die gegenüberliegende Brauerei verkauft gewesen, aber glücklicherweise wieder zurückerworben; hat hübschen Spätbarock-Oraun und darin alte Tho rar ollen. Eine davon soll von Rabbi David ben Joseph ben David in Sevilla geschrieben sein, der im 14. Jährhundert das "Sefer Abudraham verfasste. Eine alte s i l.b e r n e „ J a d" mit sehr schöner Löwenfigur ist mindestens 300 Jahre alt, etwas jünger der Bar ock-Chanuk kahle u cht er. Ein Töngefass,. das sich vor Jahren im Keller der Synagoge, der früheren Mikwalb fand, und dort als Leuchter gedient haben, mag, ist nach Gutachten Sachverständiger 1000 öder mehr Jahre alt. — Einzigartig der mindestens 300 Jahre a 11 e F r i e d h o f an".der,alten. ~"Stadtmauer, jetzt mitten In der Stadt: ein grüner WinkeV traumhafter Ruhe inmitten hastenden Lebens. Der Neue Fried h o f,. 1882 angelegt, an der Wuhlgräbensträsse zwischen _ Brüblbaehstrassev und Enger Weg, mit Aussicht auf den Kalsmunt, Taunus und Westerwald. — Wetzlar besitzt zahlreiche bemerkenswerte Baut* ten: Der Dom ist „ein in Stein geschriebenes Kapitel deutscher Baukunst" mit früh- und spätromanischen, früh- und spätgotischen Teilen. »(Plastik!) Gegenüber der Kirche am Domplatz das „Gasthaus zum Kronprinzen", .einst Goethes' VerkelirslokaL, Am Schillerplatz das „Jerusalem-Haus", in dem sich das Ürhild des jungen Werther erschoss. Goethes Wohnhaus Gew^andgasse 11lin jetzigen Museum, früheren Deutsehordenshaue, wohnte Lotte Buff, derentwegen Goethe aus Wetzlar floh: Das Städtische Kinderheim ist eine Stiftung der Familie Budge, die ihm nach der Inflation noch 100000 Mark Betriebskapital schenkte, auch die Budge-Stiftung. und das gleichnamige Heim in Frankfurt errichtete. — Zwei bekannte Industrien: Die Buderus- Eisenwerke, die schon 1870 die ersten Hochöfen errichteten, und die Lei t z-W e r k e, im Miskroskop-Bau führend: das 100000. erhielt der Nobelpreisträger Paul Ehrlich, das 200000. der damalige Anatom der Tübinger Universität Martin Heidenhain. — Wir wandern rechts am Kalsmunt vorbei dem schwarzen Dreieck nach, überschreiten den Solmsbach und die Bahnlinie und sind nach 2% Stunden in . ......Braunfels. Fast 2000 Einwohner, hoch etwa 6 jüdische Familien. Altertümliche Residenz der Reichsgrafen, seit 1742 Fürsten von Solms- Braunfels, seit 1816 dem preussischen Kreise Wetzlar einverleibt. Heute gut besuchtes Heilbad. In der Grafschaft wohnen" Juden schon anfangs des 16.->Jahrh.; sie ^dürfen schon 1563 einen Friedhof bei Hungen .(etwa 20 km östlich v. Br.) anlegen. In der Stadt Braunfels finden sich Juden sofort nach dem Fettmilch-Auf stand, wohl auf Grund einer Empfehlung des Kaisers Mathias. 1648 wird ausdrücklich erlaubt, dass arme Christen den Juden an deren Festtagen dienen dürfen. 1697 erster Gottesdienst." hji^Schlomme Wittib. Haus", Borngasse. Der verstorbene Ehemani^der'als Jude in dieser vornehmsten Gasse des Orts wohnte, ist" wohl jener „Jude § al p m 0 n" gewesen, dessen b un t b e m altes H o 1 z s t ä n d;b' i 1 d lange Zeit — ein in der, Welt einzig-dastehender Fall — in sd*e^r'Sakristei der Sehl psskir che stand und dort noch für das Jahr 1868 einwandfrei^bezeugt ist. Er soll Braunfels aussFeuersgefal^gerettet haben;, w.ahl'scheinlich 1679, als ein' TeU:.des^ScMb^^Bowie^'^&äuseru'^m Orte verbrannten, die Kirche nur wenig1 beschädigt,jder' Restf*des Ortes^-äber vor der Feuerbrunst bewährt, wurde. Zur Zeit der \Juden&päulation" 1705 bleibt „hoff judK^änier Wolff, Schlachter und Fmänzagent des Grafen, von. in der Städte, 1724;. im Lande ^.81 Familien. Gottesdienst in%; Wplffsehen Haus bis zum Ausbruchschwerer Str^tigkeiteh -'^lö,; die an-" scheinend länge/ als ein Jahrhundert das Gemeindeleben vergiften. Das gute Verhältnis zum gräflichen Haus scheint darunter nicht zu leiden. Eine' Synagoge wird im JJintertal errichtet, mit Unterstützung^ des Fürsten 1798 erneuert, auch augenscheinlich reich ausgestattet; denn 1804 werden aus ihr Messingleuchter im Wert von 121 Gulden' gestohlen- Damals nehmen ausser den 7 Braunfeiser Familien noch die von Oberndorf, Bonbaden, Schwalbach, Burgsolms und Oberbiel „an der Schul" teil. Schon 1803 sind im. Solmischen Amt Hohensolms, also gewiss auch in Bräunfels selbst „alle Juden mit Häusern und Feldgütern angesessen", Was zur mündlichen Tradition der Gemeinde stimmt. Späterist der Hoffaktör Löh Jessel ein grosszügiger Mann. Im seinem Haue findet eine Zeitlang wieder Gottesdienst statt, bis nach seinem Tode, wieder infolge eines Streites, die heutige Synagoge-am Burgweg entsteht. — Sehenswert: Die typische „Scheunensynagoge", 1852• erbaut, mit älteren Spenden Löh Jessels: Thorarolie von 1842, Haphtorothrolle von 1840, bewundernswert schön vom Lehrer Anschel häkoton Gans aus St. Goar geschrieben, der auch das ebenso schön -geschriebene Memorbuch von St. Goar a. Rhein angelegthat. Aelteres Sefer wohl vom Hoffaktör Wolff gestiftet. — Rituelle Pension Geschwister Juda, Fürst Ferdinändstr. 238.-Der alte Sammelfriedhof in Bürg-Sölms aus dem- Ende des 17. Jahrhunderts. — Der Mar k t mit dem Haus des Hof jüden Wölff (Bild, Inschrift und Erklärung in der Julinummer d. BL), Die'Burg mit Schloss und Wildpark: Das „Gräfliche Wirtshaus zum Wilden Mann 1661" in der Borngasse. — Der Biskirchener Karlssprudel wird als Heilwasser in Braunfels aus der Quelle verabreicht. — Von Braunfels zum Lahnbahhhof (50" Minuten) und über die Lahn nach Leun " (20 Minuten). Alte Judengemeihde,.schon im 17. Jahrhundert Synagoge.' Seit etwa. 50 Jähren keine Juden mehr; aber einige Häuser trugen bis " vor wenigen Jahren noch, hebräische Inschriften, wie;,böruch habbo". — Entlang der Lahn bis Stockhäusen; die Lahn überschreitend (blaues Kreuz) :. sind'wir nach IV2; Stunden in . ' ... v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.