Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 1 (10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 Herren-Moden A. BREITENSTEIN KonRtabl*r-Wache Fahrgaste 121.und ISO und in das Land der Freiheit zu gelangen, das als Ziel inniger Sehnsucht vor ihnen steht Esther Freudenthal im „S h y 1 o c k von Barnow" kehrt als Opfer westlicher Halbzivilisation, gebrochen an Leib und Seele, als Sterbende zum Vater zurück, der sie als Abtrünnige mitleidlos von seiner Schwelle jagt. Esterka Regina entsagt dem geliebten Mann, da sie fürchtet, ihm zu schaden. Und wenn es einer Frau wie Judith Trachtenberg gelingt, ihre und ihres Kindes Ehre wiederherzustellen, so' überlebt sie diesen Triumph nicht und gibt sieh selbst den- Tod. In Leib Weihnachtskuchen und sein Kind gehorcht die Tochter Miriam ihren Eltern, entsagt ihrer Liebe und wird die Frau eines um viele Jahre älteren Mannes, wird aber eir; Opfer des jähzornigen Geliebten. Wenn bei der Wahl des Berufes einer etwas unternehmen will, was bisher nicht üblich war oder auf Grund religiöser Bräuche oder alteingewurzelter Gewohnheiten verboten ist, gerät er in schwerste Konflikte. Moses Veilchenduft — dieser wie andere merkwürdige Namen entspringt dem Humor der österreichischen Verwaltung —, später nach dem österreichisch-italienischen Eegiment, in dem er dient, Moschko von Parma genannt, ein Riese von Gestalt, der zuerst Schmied wird, bleibt als Seilner, d. h. Söldner noch nach seiner Dienstzeit beim Heer. Als Krüppel kehrt er zurück und stirbt arm und verachtet in den Armen seines Sohnes, der nicht weiss, dass er seinem Vater den letzten Liebesdienst erweist. Der Poja).z Alexander Sender glaubt in sich die Begabung zum Schauspieler zu haben. Als Uhrmachergehilfe und Schreiber eines Winkeladvokaten fristet er sein Leben und lernt heimlich die. hochdeutsche Sprache. Bei einer Wanderbühne findet er seine Anstellung und wird von dort von der entsetzten Mutter zurückgeholt. Auch er bricht vor seinem Ziel zusammen. Aber auch in den Romanen, die nicht in der jüdischen Welt spielen, erleben wir den Kampf des einzelnen Menschen gegen eine ganze Welt mit. Vielleicht die großartigste Gestalt, die der Dichter geschaffen hat, ist Taras Barabola im „Kampf ums R e c h t". Es ist jener einfache, dumpfe ruthenische Bauer, der im Kampf um einen seiner Gemeinde durch bestochene Zeugen widerrechtlich entzogenen Acker, nachdem alle Rechtswege, auch eine persönliche Vorstellung bei dem Kaiser, dem Recht nicht zum Sieg verhalfen, zum gefürchteten Rächer des Volkes wird, aber an seiner Mission zu Grunde gebt, als er erkennen muss, dass auch er, der sich für einen Kämpfer des Rechts hielt, zum Rechtsbrecher geworden ist. Nicht ohne Grund nennt der Jurist Rudolph von Jhering, dessen gleichnamiger Schrift der Roman seine Entstehung verdankt, dieses Werk „ein Seelengemälde von einer Wahrheit und erschütternden Kraft, das Niemand, ohne aufs Höchste ergriffen zu sein, aus der Hand legen kann". Ebenso gibt der Roman „Der Präsident" in der Gestalt des Richters von Sendlingen die Darstellung einer Persönlichkeit, die im Kampf zwischen der Liebe zu ihrem Kind und der harten Pflicht zu Grunde geht. Dieser Roman, der auch eine dramatische Bearbeitung gefunden hat, zeigt, wie nahe die epische Welt des Dichters der Tragödie steht. Aber trotz aller Tragik ist die Lektüre der Werke von Franzos nicht. niederdrückend. Denn Franzos wäre kein wahrer Dichter, wenn ihm nicht die Gabe des Humors verliehen wäre. Da gibt es komische Gestalten, die in ihrer Einfalt das Unglück herbeiführen wie die allzugeschwätzige Magd Kasia in Leib Weihnachtskuchen. Da lernen wir die königlichen Schnorrer kennen — auch eine weniger königliche Abart begegnet uns öfters —: die Erzähler, die als eine Art von lebender Zeitung von Ort zu Ort ziehen und-Heiterkeit und Anregung in das öde, gedrückte und hoffnungslose Leben bringen, die aber für ihre Leistungen entsprechende Ehren verlangen und auch erhalten. Da gibt es unscheinbare und bescheidene Menschen, die in den Zeiten der Not ein ungeahntes Heldentum zeigen, wie Klein-Mendele, der durch seinen Gesamg die ganze Gemeinde rettet. Und wer einmal von Jtzig Türkischgelb gehört hat, kann ihn nie wieder vergessen: den sogenannten Marschallik, Spassmacher, Heiratsvermittler und trotz seiner Neigung für den Alkohol immer auf dem Damm, wenn e3 gilt, einen Menschen zu retten und aus hoffnungslosesten Situationen einen Ausweg zu finden. Es ist ein grosses und reiches Lebenswerk, das uns der Dichter geschenkt hat. Aber nicht nur die Feinheit der literarischen Gestaltung, die Klarheit und Schönheit der Sprache, die Farbigkeit und der Glanz, der auf den Naturschilderungen ruht, die zahlreich in seinen Werken enthalten sind, ist das Entscheidende.^ Was wir vor allem immer wieder empfinden, ist, daß hinter allen Gestalten, die er geschaffen hat, ein warmherziger, von reinsten Idealen erfüllter Mensch, begeistert für alles Grosse und Schöne, steht. Es ist seltsam: Franzos ging aus von den Gedanken der Emanzipationszeit, und er war berufen, uns ein Bild der jüdischen Welt des Ostens zu schenken, so lebenswahr und ergreifend, daß es für die Ewigkeit vor uns steht. In seinem Leben und Werk erfüllt sich jüdisches Schicksal: keiner, der zu der Gemeinschaft gehört, kann ihr entgehen, wenn er auch glaubt, es zu vermögen. Aber daß diese Zugehörigkeit kein bitteres Muss, sondern" ein frohes Bejahen sein kann, empfinden auch wir Heutigen, wenn wir uns in sein Werk versenken, das schon frühere Generationen des deutschen Judentums fesselte und begeisterte. AUSVERKAUF. wegen vollständiger Aufgäbe des Einzelhandels Mantelstoffe Wollstoffe Seidenstoffe Waschstoffe Samte Unsere bekannt guten Qualitäten in Wolle u. Seide zu stark e r m ä s s i g t e n Pre i s e n I Gegr. 1870 An der Hauptwache