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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-10-01 · 1 (10.1936) · p. Seite 9

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
1 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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Seite 9 lorischen Werte, die in diesem Lebenswerk enthalten sind und die erst jetzt klar in Erscheinung treten. Ein Svück jüdischer Geschichte ist das Leben der Familie des Dichters: aus Spanien vertrieben, finden feine Ahnen in Loturingen Zuflucht. Sie wandern von dort nach Polen aus, aber ihre geistige Heimat wird schon früh das Deutschland der Aufklärungszeit. Von seinem Vater, der Bezirksarzt in Czortkow war, empfängt der Knabe die ersten geistigen Anregungen. Das Jüdische steht zunächst sehr im Hintergrund, und in der jüdischen Umwelt des kleinen galizischen Städtchens gilt dieFamilie als vom Glauben abtrünnig. Zu früh stirbt der. Vater, und. das erste Mal kommt der Knabe mit dem Judentum in Berührung, als er das Kaddisch für den Vater spricht. Trotz wirtschaftlicher Not, die schwer auf der kinderreichen Familie lastet, kann Franzos in Czernowitz das Gymnasium besuchen. Er studiert in Graz und in Wien zuerst Rechtswissenschaft, gibt aber dieses Studium später auf und unternimmt dann grössere Reisen in die östlichen Länder Europas. Das Ergebnis dieser Reisen ist in den „Skizzen aus Halbasien'' niedergelegt, nach deren Erfolg die , Juden von Barnow" endlich ihren Verleger finden. Später lässt sich der Dichter in Wien nieder, um dann seinen Wohnsitz nach Berlin zu verlegen, wo er ein erfolgreiches Leben als Schriftsteller und Herausgeber von Zeitschriften führt. Als Literarhistoriker ist er als Herausgeber der Schriften von Georg Büchner bekannt. Die Reiseschilderungen von Franzos haben uns Länder erschlossen, die jahrzehntelang unbekannt waren. Seine scharfe Beobachtungsgabe gibt uns Einblicke in die Welt der Balkanvölker, in ihr wirtschaftliches und kulturelles Leben, in ihre Gebräuche, ihre Lebensansehauungen, ihre Volkslieder und Märehen. Wir erleben die Kämpfe mit, die sich aus der Verschiedenheit der Völksgruppen, der Konfessionen und der sozialen Stufen ergeben. Vor allem sind es die Probleme der östlichen Teile der Donaumonarchie, die ihn immer wieder von Neuem fesseln. Diese Reiseschilderungen, in denen aber auch zahlreiche novellistische Beiträge enthalten sind, stellen auch heute noch eine unerschöpfliche Fundgrube für den Historiker, den Literaturforseher und den Ethnographen dar. Die Vorzüge einer unbestechlichen Wahrheitsliebe und eine scharfe Beobachtungsgabe zeichnen auch seine rein 1 i t e r a r i sehen Werke, vor allem die in der jüdischen Welt spielenden aus. Es ist merkwürdig, dass Franzos, der nach seiner Herkunft und seiner Einstellung dem Judentum zunächt ganz fremd war, in seinen Werken die jüdische Welt des Ostens dargestellt hat, wie sie kein Schriftsteller besser hätte gestellten können, der von Anfang an in der Welt des östlichen Ghettos verwurzelt war. Dies darf trotz mancher Vorbehalte, die nicht unterdrückt werden sollen, ausgesprochen werden. Dabei ist er eigentlich immer ein wenig Zuschauer geblieben, der von draussen das Ghetto CARSCH das altbekannte leistungsfähige Haus für Herren-, Knaben- und Sportkleidung Herren-Artikel Feine Maßschneiderei * Ubersee-Ausrüstungen. betrachtet, fast so, wie ein gebildeter und feinsinniger Reisendi-r sich mit dem Leben fremder und etwas zurückgebliebener Völker befasst. Das unterscheidet ihn und sein Werk von den Dichtem, die selbst aus dieser Welt hervorgegangen sind, wie Pinsky, Agnon, Weissenberg und Scholem Alechem. Sie sind mitten in der Welt, die sie uns darstellen, sie leben das Glück und das Elend ihrer Menschen mit, während bei Franzos eine gewisse Distanz unverkennbar ist. So ist es sicher, dass ein genauer Kenner der ostjüdischen Welt manche Irrtümer und Schiefheiten bei Franzos in der Darstellung des jüdischen Lebens entdecken wird. Das innere Strahlen bei äusserer Verkommenheit, der geistige Gehalt, der auch im dürftigsten Gewände lebt, ist ihm nicht immer /u vollem Bewusstsein gekommen. Bezeichnend ist seine Auffassung des Chassidismus, den er als eine Sekte Betrunkener verurteilt. Was wir heute durch Martin Buber über den Chassidismus wissen, war ihm ganz fremd. So ist auch der Glaube seiner Menschen nicht das, was Glauben für uns ist: kein befreiendes Ja. Der Glaube nähert sich in der Darstellung von Franzos oft dem finstersten Aberglauben, dem wildesten Fanatismus. Aber der Dichter verurteilt nicht nur, er erklärt auch. Denn die Welt, in der diese Menschen leben, lässt ahnen, wie sie so werden niusslen. Sie haben nichts, keine irdischen Güter bis auf die ganz wenigen Reichen, die unter ihnen sind. Als kleine Handwerker, Schankwirte, Winkeladvokaten, Kutscher führen sie ein elendes Leben; viele von ihnen leben nur von den kärglichen Gaben der .•inderen. Das Festhalten am Glauben hat etwas Verzweiflungsvolles an sich, es ist ein Anklammern an den allerletzten seelischen Halt. Jede Hoffnung auf andere und bessere Zeiten ist in ihnen erstorben. Und doch hat dieses Festhalten an der jüdischen Substanz ihres Wesens etwas Grandioses an sich. Hieraus ergibt sich auch das Problem, das in diesen Erzählungen enthalten ist. Es ist die Tragödie des Einzelmensche n, der es wagt, gegen Vorurteile, Verknöcherung, Aberglauben sein eigenes Leben zu leben. Man hat oft die Empfindung, dass die Menschen gegen Mauern rennen und sich den Kopf blutig schlagen. Dieses Grundmotiv klingt schon in den , Juden von Bamow" an und zieht sieh durch alle späteren Werke. Schon in dem Erstlingswerk gelingt es kaum einem, das Tor aufzureihen Wo kaufte Ick heute ptei6wett? J3ei DR. ALBERSHEIM KAISERSTRASSE 9 Parfümerien und Seifen - Alle bekannten Markenartikel Toiletteartikel Damentaschen Kleine Geschenke Wlt hünzen nut Qa.Litä.t5uftiten und betteten Sie bcLckmänniick

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