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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-10-01 · 1 (10.1936) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
1 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Seite 5 Einsatz, seiner ganz besonderen — nur eben nicht mehr sich ab - sondernden — Art der Frage und mit seiner eigentümlichen aus seinem Erfahrungsbesitz stammenden Antwort. Der jüdische Mensch, an den das Lehrhaus gleichsam „appelliert", muß immer zunächst mit seinem „Hier bin ich" antworten; dass „Du da bist", erfährt er im Lernen durch die mitlernenden Menschen; daß „Wir sind" wird ihm dort und dann aus einem stummen Sein zur ausgesprochenen und offenbaren Gewissheit. So bleibt im Lehrhaus der Einzelne bewahrt, aber auch gehütet: Person in der Gemeinschaft, gültig an seiner Stelle, unersetzbar in seiner Verantwortung. Daß die jüdische Gemeinschaft sich ihrer selbst bewusst wird, eben indem sie „zusammen lernt" — ganz in dem Sinn, in dem wir Juden das zu allen Zeiten und in allen Augenblicken unseres Lebens, wenn es wirklich das unsere sein sollte, getan haben — das ist der ewig heutige, bleibende Sinn des Lehrhauses. Das hat diese Institution zu dem besonderen, grossen und geheiligten Kennzeichen des jüdischen Lebens gemacht; im jüdischen Lernen hörten Vereinzelung und Vereinsamung auf, die drohenden Gefahren der Zeit. Die, deren Auftrag es heute ist, das Lehrhaus zu betreuen, wissen, daß diese Existenz der jüdischen Gemeinschaft von ihnen mitverantwortet wird; wenn sie die jüdischen Menschen rufen, so ist ihnen gewiß, daß sie eine Stätte der Heimkehr verwalten. Sie harren der Kommenden — um des Kommenden willen---- Das neue Programm des jüdischen Lehrhauses von Professor Dr. Moritz Werner Wenn das Jüdische Lehrhaus das dieser Nummer beiliegende Programm, seines neuen Herbsttertiais mit einem empfehlenden Wort einführt, so geschieht das gewiss nicht vornehmlich wegen des zahlenmässigen Zuwachses an unterrichtlichen: Veranstaltungen, den ja jedermann von selbst gewahr wird. Es gilt vielmehr, den Blick auf die organische Weiterentwicklung zu lenken, die in den versprochenen Darbietungen zum Ausdruck kommt. Um sie zu einer wirklichen, quantitativen wie qualitativen Bereicherung des jüdischen, Lebens in unserer Stadt zu gestalten', muss nun der wichtigste Faktor noch hinzukommen: die Hörerschaft. An diese wenden sich daher die folgenden Bemerkungen. Ah ihrer Spitze muß die Mahnung an die Pflicht des Hörerpubliküms gegenüber der Gemeindeverwaltung stehen, ihr durch regste Teilnahme Dankbarkeit dafür zu beweisen, dass sie eine Institution wie das Lehrhaus finanziell ermöglicht hat. Nur so kann sie dazu ermutigt werden, hier auch weiterhin, und zwar mindestens wieder in dem ursprünglichen, ausgiebigeren Maße, ihre Hilfe zü leihen. Gewiss hat sich in den letzten drei Jahren mehr als je zuvor die Erkenntnis verbreiten müssen, dass gerade auch dem Gesamtwesen und nicht zuletzt der Leitung jüdischer Gemeinden am besten gedient wird, wenn die reichlichsten Bildungsmöglichkeiten für ihre- Mitglieder, und zwar-für alle Altersstufen, selbst um den Preis erheblicher Opfer geschaffen und erhalten werden. Wo das aber geschieht — was leider keineswegs überall der Fall ist. — sieht man nun die einzelnen, denen doch ein solches Angebot am Unmittelbarsten und unter kaum nennenswerten Kosten zugute käme, ihm oft mit Gleichgültigkeit, wenn nicht mit Ablehnung gegenüberstehen. Sie hätten den Kopf voll wirtschaftlicher Sorgen, von denen sie alle jene an sich vielleicht recht schönen Beschäftigungen doch nicht entlasten könnten — so oder ähnlich lauten dann die Entschuldigungen aller der Säumigen, sofern sie überhaupt sich und anderen über ihr Abseitsbleiben Rechenschaft zu geben belieben. Speziell unserem Frankfurter Lehrhaus gegenüber hat man wohl auch das Argument zu hören bekommen, dass seine stark jüdisch gerichteten Ziele dem Bedürfnis nicht entsprächen. Dieser Kritik etwa Rechnung zu tragen, wäre nichts weniger als selbstmörderisch. Ihr aber immer-mehr die Spitze abzubrechen, ist das neue Programm nicht hur geeignet, sondern geradezu bestimmt, indem es eine bei seinen Vorgängern schon vorhanden gewesene Linie deutlich und mit Absicht verstärkt. Der Grund dafür hat aber mit jenen Einwänden gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Sowohl jene Angst vor dem angeblich allzu Jüdischen nämlich, als auch das unablässige Betonen von Nöten, gegen die wir doch machtlos sind, hat eine grosse Gefahr eher mit heraufbeschworen als bannen helfen, der die Leitung des Lehrhauses mit diesem neuen Programm, entschlossener als mit irgend einem früheren, aktiv entgegenzutreten gewillt ist. Unsere ungewollte Isolierung von der unmittelbaren nichtjüdischeh; Umwelt ist es, die in erster Linie den kulturellen Besitzstand der Judenheit Deutschlands schwer bedroht. Wir sprechen dabei nicht von einem „Ghetto"; denn zu den Zeiten, da es ein solches in diesem Lande gab, war die Geistesbildung bei den Juden kaum zu ihrem Nachteil von der der Aussenwelt verschieden. Aber heute muss — schon nach diesen wenigen Jahren — ganz ernsthaft einer leider nicht einmal völlig unfreiwilligen Preisgabe alles dessen vorgebeugt werden, was wir bis vor kurzem noch als die uns mit der nichtjüdischen Bevölkerung des Heimatlandes verbindende Kultur verehrt haben. Vor lauter Propaganda für die Umschichtung verlernen unsere jungen Leute, einen einfachen Brief in ihrer deutschen Muttersprache zu schreiben, und einem stümperhaften, weil nicht auf dem natürlichen Boden der Erziehung in der „heiligen Sprache" gewachsenen Iwrith zuliebe ' verlieren sie die Fähigkeit, selbst die Schönheiten etwa eines Wolfskehl'schen Gedichtes zu empfinden. An dieser Stelle setzt diejenige Neuerung ein, die unbedenklich als die bedeutsamste im diesmaligen Programm bezeichnet werden darf: ein „Grundlehrgang für schulentlassene Jugendliche", der „an 2—3 Abenden der Woche" der „Ausfüllung von Lücken der Schulbildung in den Grundfächern Deutsch, Rechnen, Geschichte, Erdkunde und Naturkunde" dienen soll. Es sind in der Ankündigung alle Einzelheiten, einschliesslich sogar der Nennung des Dozenten, noch offen gelassen. Die Jugend, für die der Lehrgang gedacht ist, und die hoffentlich zum Abend der „allgemeinen Vorbesprechung" ins Jugendheim strömen wird, kann also daran noeh mancherlei mitgestalten. Sie wird dabei auch Vorsorge treffen können — dies, um jede Missdeutung des oben Gesagten auszuschliessen — daß für den „Umschichtler" zugleich die 5 Abende über das „Recht des Handwerkers und Gewerbetreibenden", wie für den Chaluz die 4 über „das Jüdische Palästina im vorderen Orient", sowie die 2 der „Lektüre einer hebräischen Tageszeitung — mit stilistischen Übungen" gewidmeten und, sofern er die dringende Notwendigkeit zu würdigen weiss, auch die 10 Abende „Arabisch für Anfänger — mit Berücksichtigung des palästinensischen Dialektes" frei bleiben. Die zuletzt erwähnten Kurse sind übrigens — meist zum erstenmal im Programm des Lehrhauses erscheinende — Beweise dafür, dass man sehr wohl darauf bedacht ist, die aktuellen Forderungen unserer Lage zu erfüllen. Nur kann nicht alles den nüchternsten praktischen Erwägungen untergeordnet werden, wenn das Wesen des Lehrhauses wirklich das jüdische „Lernen" sein soll. Denn jüdisches Lernen ist, gleichviel, welchen Nebengewinn es im Alltagsleben bedeuten mag, immer Selbstzweck, nämlich die Erfüllung eines göttlichen Gebotes. Das wird in der alttraditionellen täglichen Gebetordnwng in der Form ausgedrückt, dass das „Lernen" der Thora als das vornehmste unter jenen Dingen zu gelten hat, „deren Früchte der Mensch im diesseitigen Leben geniesst, deren unvergänglicher Lohn ihm aber in der Ewigkeit zuteil wird". Ein modernes jüdisches Lehrhaus darf und muss diese Maxime sinngemäss auch auf seine weniger zentralen, sogenannten profanen Unterrichtsgegenstände ausdehnen. Und so gereicht es unserer Frankfurter Institution nur zur Ehre, dass sie z. B. als Fremdsprachen nicht, wie so viele andere jüdische Bildungsstätten, die in den letzten Jahren entstanden sind, neben dem Englischen das Spanische in

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