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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-10-01 · 1 (10.1936) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
1 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 für die Aufgaben der Zukunft, die, erwartet, kommen musste. Der Bau war errichtet. Die Juden strömten nicht in Massen hinein, es kamen weit weniger als zu jedem Museumskonzert und trotzdem war der Erfolg gekommen. So blieb es bis zu dem Dahinscheiden von Franz Rosenzweig trotz seines Krankseins. Das Lehrhaus überdauerte als Wunsch und Wille die Zeit nach seinem Tode. Im Jahre 1922 hielt Martin Buber seine erste Lehrhausvorlesung: Religion als Gegenwart. Als das jüdische Lehrhaus Frankfurt sich am 19. November 1933 im grossen Saal der Frankfurt-Loge unter der ausschliesslichen Leitung von Martin Buber wieder füllte, hatte die Zeit die Aufgaben gewandelt. Die Not war an alle herangetreten, und die Sehnsucht stieg frei zum Himmel. Notwendige Arbeit drängte, und jedes Wort war an Gott gerichtet. Dementsprechend war der Arbeitsplan ganz anders geworden, so wenig sieh Sinn und Richtung geändert hatten. Was vorher ausserhalb gehört, gesprochen, gesehen und gelernt werden konnte, das musste man nun auch in die Arbeit des Lehrhauses hineinzubringen versuchen. Damit verloren das Lehrhaus und die mittlerweile entstandenen änderen Lehrhäuser einen Teil ihrer Einzigartigkeit, denn jetzt mussten die Lehrhäuser eine bestimmte Stellung in der grossen unfreiwilligen Bewegtheit einnehmen, in die das Judentum m Deutschland durch die äusseren Umstände gezwungen und ganz gegen seinen Willen geraten war. Aus dieser Tatsache hätte man aus den Lehrhäusern heraus gegen keine Richtung im Judentum Grund zu einem Vorwurf entnommen. Gerade hier hätte man am allerwenigsten nach einem Schuldigen in der eigenen gesamten jüdischen Gemeinschaft gesucht, weil von keiner andern Stellei aus jüdisches Menschentum unzerrissener und verbundener gesehen werden konnte und weil die Wechselbeziehung zu jeder anderen Sonderart, gerade weil sie in aller Tiefe und Breite bestand, auch in all ihrer unproblematischen Natürlichkeit als Bejahung und Verneinung wirkte. Vom Lehrhaus aus sah man im Judentum viel weniger Parteien, die miteinander stritten undsich störten, als die Gliederung, die zum Leben -eines Organismus gehört. Das war weder charakterlose Gleichgültigkeit, die nur in der raumlosen mathematischen Mitte bestehen zu können glaubt, und noch weniger der Anspruch eines Primats über die bestehenden Parteien und Richtungen und am allerwenigsten war es Neutralität. Hier bestimmte durch die Person und das Leben des Gründers mit aller Stärke seines Wesens, die durch nichts wegzuleugnende, durch nichts wegzustreitende wirkliche Einheit des Juden, so wie ihn vorher am deutlichsten Martin Buber gekennzeichnet hatte, und wie er schon vor der Gründüng des Lehrhauses und bis heute in den Bibelstunden von Eduard Strauss auf den Bänken saß und hörte, fragte und aussprach. Um 1920 war es selbstverständlich, daß man sich ausschliesslich mit jüdischen Dingen beschäftigte, denn die fehlten damals den Orthodoxen wie den Liberalen, den Zionisten wie den Assimilanten. Nicht als ob damals die Zeit ruhig und gesichert gewesen wäre: wer das' glaubte, lebte getäuscht oder in erzwungener Blindheit Aber trotzdem gab es eine ganz gesicherte Welt mit festem Grund und Boden und ohne alle Problematik. Seltsamerweise war1 auf demselben Boden Mozart oder Goethe so schön und eigen Arie an irgendeiner andern Stelle und deutsche Gestalten, wie der Freiherr vom Stein oder Wilhelm von Humboldt so bedeutungsvoll, wie nur irgendwo in Deutschland. Aber all das, all diese Bildung ohne Ende hätte heute für die Juden dann ein Ende, wenn sie dies nicht festhalten, pflegen, vertiefen und neu erwerben in der Erkenntnis des Wertes und weil es trotz einer tiefgehenden Umstimmung jüdisches Bedürfnis, wenn auch ohne die alte Harmlosigkeit,' geblieben ist. Juden ohne gebildetes und praktisches allgemeines Wissen wären heute in allen Ecken der Welt ganz zweifellos Kümmerformen von Juden, auch wenn sie ihr eigenes Schrifttum noch so sorgfältig pflegen und heilig halten würden. Das ist ohne jede Beziehung zum jüdischen Lehrhaus eine Tatsache. Weil aber das jüdische Lehrhaus und unverkümmerte Juden aneinander gebunden sind, ist dem Lehrhaus eine neue Aufgabe erwachsen, die scheinbar in einem unversöhnlichen Gegensatz zu seinem ursprünglichen Arbeitsplan steht, in Wirklichkeit aber so ganz von selbst zu seinen neuen Auf gaben_ gehört, wie seine anders gerichteten zu seinem ursprünglichen Plan. Das bedeutet nicht, daß das Lehrhaus eine jüdisch farblose Institution werden soll, die jetzt nichts anderes zu tun hat, als gemeinverständliche Vorträge und Volksvorlesuugen für Juden zu bringen, weil diese von) den Quellen des Wissens in Deutschland verdrängt sind. Es besteht gar keine Gefahr, daß das Lehrhaus eine unjüdische Veranstaltung für Juden werden wird. Jedoch erfordert dieselbe zielbewusste Leidenschaft, die 1920 nach jüdischem Wissen griff, heute auch das allgemein menschliche Wis- .sen, dessen die Juden bedürfen. Das ist kein Wechsel seiner Natur, aber ein tiefgehender Wandel in der Art der Arbeit. Wenn Rosen-, zweig einst herb und anstössig schrieb „Bildung und kein Ende", dann könnte es heute leicht so werden, daß wir mit derselben Schroffheit sagen müssten „Judentum und kein Ende", denn auch so wollen wir nicht leben. Die Nomadenfürsten nach Abraham sind keine Nomadenfürsten geblieben und aus den verachteten rinderzüchtenden Kindern Israels in Aegypten wurden Ziegelsklaven unter unerträglichem Druck. Deren Kinder wurden Wüstenstämme und lernten ein Land erobern, das ihnen verheissen war. Sie sind immer wieder etwas anderes geworden und Israeliten geblieben <and als Juden erhalten worden. Was wir jetzt werden, wissen wir nicht. Aber es möge einmal eine Wissenschaft geben, die nachweist, daß wir auch in dieser Zeit goldene und silberne Gefässe auf den Weg bekommen haben, die wir nicht selbst angefertigt hatten. Es gibt nichts anderes. Alles andere wäre vielleicht nicht gegen unsere Sendung, aber bestimmt gegen unser lebendiges .Wesen. Heute Avollen wir wissende Mensehen bleiben. Wir glauben, daß die Lehrhäuser uns dabei helfen können. Die Arbeit des Frankfurter Lehrhauses seit 1933 hat unter dem Druck dieser Notwendigkeit besonnen und freiwillig begonnen. Es wäre nicht, gut, wenn die Völker der Welt zu irgendeiner Zeit Vereine zur Behebung der Unwissenheit der Juden gründen müssten. Das Frankfurter Lehrhaus hat 1920 freiwillig getan, was viel später gezwungen getan werden musste. Es kann in diesen Jahren nicht anders handeln. . Das Lehrhaus als Gemeinschaft von Dr. Eduard Strauss Schon oft ist gesagt worden, dass das Jüdische Lehrhaus etwas anderes ist als eine Schule oder eine Hochschule oder gar eine Akademie. Mit Recht: denn das Lehrhaus wird nach unserer Meinung und vor allem nach unserer Absicht nicht von dem Siehgegenübertreten von Lehrern und Schülern („Erwachsenen" im besonderen Fall), sozusagen also von einem Niveau-Unterschied im Wissen konstituiert. Auch nicht der Wissensstoff, als für sich bestehender „Stoff" gedacht, ist'das Merkmal des Eigenlebens im" Lehrhaus; denn ist auch unsere Lehre und, mit ihr verwoben, "all unier Wissen ein „Baum des Lebens" — sie bewähren sich erst durch die, die von den Früchten des Baumes leben. Das Lehrhaus ist lebendiges Organ durch die Gemeinschaft seiner Menschen, durch sie zuerst und vor allem. Seine besondere Wirksamkeit erwächst aus der Einung derjenigen, die „lernend" in ihm leben. In der uralten und immer wieder zeiterneuerten Art jüdischen Lernens, die — ewig gefordert und stets verwirklicht — nichts anderes ist, als die echte Zwiesprache, wird alles Wissbare in ei-' ner Weise angeeignet die keine Trennung zwischen Lehrenden und Lernenden und keine stolzmonologisehe Erhebung des Vortragenden über die Hörer zulässt: auch der Sprechende muss zuhören — sogar sich selber; auch der Hörende muss sprechen — und wenn er selbst nur innen mit - spricht Vereinzelung also verträgt das Lehrhaus nicht; aber unbedingt erfasst es jeden Einzelnen mit seinem ganz persönlichen

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