Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 1 (10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 3 er aus den vier Himmelsrichtungen häufte, so stellt es sich dem Flug der Phantasie der Legende vor. „Warum aus den vier Enden der Erde? Damit, wenn er vom Osten nach dem Westen kommt, und seine Stunde kommt, abzuscheiden von der Welt, die Erde nicht sagen kann, nicht von mir ist der Stoff deines Leibes, kehre zurück dorthin, von wo du geformt warst; sondern wohin ein Mensch kommt, von dort stammt seines Leibes Stoff, dörthin darf er zur Ruhe einkehren." Und, so werden wir den Gedanken fortführen, daher kommt es, dass der Mensch in jeglichem Klima heimisch werden kann, dass alle auf jedem Fleck der Erde beheimatet sind. Von jeher war Gegenstand des Grübelns das Wort (1. M 1,26) „wir wollen einen Menschen bilden". Wir? Wer ist das neben Gott? Die Legende erzählt, dass seine Erschaffung Gegenstand des Streites unter den Engeln war. „Rabbi Simon sagte: die Engel des Dienstes spalteten sich in Gruppen und Parteien. Die Liebe sagte, erschaffe ihn, denn er wird Werke der Liebe tun: die Wahrheit sagte, erschaffe ihn nicht, denn er wird voller Lüge sein; die Gerechtigkeit sagte, erschaffe ihn, denn er wird Gerechtigkeit verwirklichen; der Frieden sagte, erschaffe ihn nicht, denn er wird voller Zank sein. Während sie stritten, was tat Gott? Er nahm die Wahrheit und warf sie auf die Erde, so heisst es (Daniel 8.12) „man warf die Wahrheit auf die Erde". Und als die Engel verwundert fragten, was tust du da? Dein eigen Insiegel wirfst du fort? Sprach Gott: von der Erde her muss die Wahrheit aufsteigen, so heisst es (Ps. 85.12) „Wahrheit soll von der Erde aufwachsen". :Was kommt in dieser Legende zum Ausdruck? Die Zwiespältigkeit allen menschlichen Seins, dass alle Möglichkeiten in ihm liegen, und zugleich, daß er der Verwirklicher sowohl des Guten wie des Bösen ist. Und zugleich wird es als Bestimmung der Well hingestellt, daß sie die Wahrheit zur Blüte bringen soll, und dass diese nur aus dem Irdischen, d. h. aus dem Widerstreit und dem Zweifel; dem Ringen und Sich-Mühen erwachsen kann. Nicht der gefallene Engel, Luzifer, der zum Satan wird, ist hier das Bild der Schöpfung, sondern der zur Erde gestürzte Engel, der die Welt zum Tempel der Wahrheit machen soll. Es heisst (1. M. 27) „Gott schuf den Menschen, nicht: die Menschen, das Menschengeschlecht, einen einzelnen Menschen. Warum so? „Darum ist der Mensch als Einzelner erschaffen worden, damit du daraus lernst, daß, wer eine einzige Seele zerstört, gleichsam die ganze Welt in ihrer Fülle zerstört, und wer eine einzige Seele erhält, gleichsam die ganze Welt in ihrer Fülle erhält. Und wegen des Friedens unter den Menschen, dass nicht einer zum anderen sage, mein Vater war grösser als deiner, und wegen der Frommen, dass sie nicht selbstgerecht werden und sagen, wir sind die Abkömmlinge der Frommen, die Frevler aber sind Abkömmlinge von Frevlern; und wegen der Völker, daß sie nicht miteinander m Streit geraten; -da der Mensch als einzelner erschaffen ward, ist Streit unter ihnen, wie wäre es erst geworden, wenn mehrere zugleich erschaffen worden wären!" Die Deutung ist so klar und einfach, dass sie nicht erst einer Erklärung bedarf, aber sie wird noch nach einer anderen Richtung weitergeführt, um mit ihr das Verantwortungsbewusstsein zu stärken. „Darum ward der Mensch als einzelner erschaffen, damit jeder sage: um meinetwillen ward die Welt erschaffen." Die einzelnen Etappen des Schöpfungswerkes schliessen stets ab mit dem Worte, Gott sah, dass es gut war, aber nach der Vollendung des Ganzen heisst es (1. M. 1,31) „Gott sah alles, was er geschaffen, und siehe, es war sehr gut". Dieses sehr ist Anlass zu verschiedenartigsten Deutungen, einige von ihnen seien hier angeführt, ohne besondere Erklärung, obgleich sie nicht immer leicht und oft vieldeutig sind, aber sie sind so, daß sie zu eigenem vertieften Nachdenken anregen. „Gut — das ist der Tod, sehr gut — das ist der Schlaf; wieso ist der Schlaf sehr gut? Weil wenn man ein weniges schläft, man dann um so mehr Kraft hat, sich um die Tora zu mühen. Gut — das ist der gute Trieb im Menschen; sehr gut— das ist der böse Trieb; wie kann der böse Trieb sehr gut sein? Aber wäre^ nicht der böse Trieb, die Leidenschaft, so würde kein Mensch ein Haus bauen, er würde keine Frau nehmen, keiner würde Kinder zeugen, keine Arbeit und kein Verkehr wäre. Gut .— das ist gutes Ergehen, sehr gut — das sind die Züchtigungen und Strafen, die über den Menschen kommen, durch sie kommen die Menschen zum ewigen Leben, so heisst es (Spr. 6,23) „der Weg zum Leben ist strafende Zurechtweisung". Gut — das ist die Herrschaft Gottes, sehr gut — das ist das irdische Regiment, denn es fordert Genugtuung für Kränkung, die man einem Menschen antut." Das Lehrhaus ruft Das jüdische Lehrhaus in unserer Zeit von Professor Dr. Richard Koch Als Franz R o s e n z w e i g 1920 das Freie jüdische Lehrhaus zu Frankfürt a. M. gründete und eröffnete, wollte er das Nächstliegende und für jeden Menschen Selbstverständliche, das ganz Unentbehrliche auch für die Juden, so weit sie "es nicht hatten, nämlich die Möglichkeit, so zu leben, wie man soll, sein eigenes Schicksal zu haben und nicht das eines anderen. Diese Aufgabe war deutlich vorhanden, aber nicht allgemein und in ihrem ganzen Umfang anerkannt. Im liberalen Judentum herrschte Unsicherheit und Unzuverlässigkeit, in der Orthodoxie eine ebenfalls nicht ganz gesicherte Absonderung von der lebendigen Gegenwart und im Zionismus nur Politik und darüber hinaus Diplomatie, die in Ge- .fahr war, das eine ihrer Machtmittel, die Not, von ihrem anderen, der Sehnsucht, zu trennen. Wie so oft, war das Einfache eine grosse Sache und brauchte einen grossen Menschen. Daß er da gewesen ist, bezweifelt heute wohl kein Jude, der die Sache, um die **es sich gehandelt hat, erkennt. Der Aufgabe entsprach die Arbeit im Lehrhaus dieser Jahre. Der erste Lehrplan zeigt die Art dieser Arbeit. Es gab von Oktober bis Dezember 1920 sowohl Vorlesungen als Arbeitsgemeinschaften. Die Vorlesungen handelten vom Grundriss und von Einzelgegenständen, die Arbeitsgemeinschaften führten zu den Quellen und gaben Anregungen. Die Vorlesungen des Grundrisses bezogen sich auf das klassische, auf das historische und auf das moderne Judentum. An die acht Vorlesungen und die Vortragenden sei erinnert, wegen der Menschen, wie wegen der Dinge: I. A. Rabbiner May: Die Tora. Rabbiner Salzberger: Die Propheten.. B. Rabbiner Nobel: Geist der Halacha. Rabbiner Seligmann: Geist der Haggada. C. Richard Lichtheim: Die jüdische Welt. (Die jüdische Rasse----Die Kolonisation Palästinas.) Franz Rosenzweig: Der jüdische Mensch. Die Erben der Geschichte: Der Zweifler; der Fromme. — Die Kinder der Zeit: Der Revolutionär; der Aristokrat. Der Treue; der Abtrünnige. Der Begabte; der Einfältige. — Die Sämänner der Zukunft: Der Heimkehrer; der Prophet. II. Professor Hülsen: Die Kunst im Zeitalter der Bibel. Eduard Strauss: Mystik im Heidentum, Christentum, Judentum. Der Bogen war weit gespannt. Die Anordnung war klar und übersichtlich. Es gab keine toten Räume, keine Prunkräume ohne Sinn und Zweck, keine Räume, die aus Scheu oder List heimlich waren. Aber es gab die Zeit, und deshalb gab es weites Gelände