Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-10-01 · 1 (10.1936) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
15 (1936-1937)
Issue
1 (10.1936)
Date
1936-10-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094439-3094440--5405-3100218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Das Schriftwort Um die Weltschöpfung von Max Dienemann Der biblische Seböpfungsbericht ist wie kaum ein anderes Stück der Heiligen Schrift der Kunst und Kraft der Deutung überantwortet. Und zwar ist es nicht so sehr der einfache Wortsinn, die schlichte Erklärung, die hier das Hauptziel sind, sondern die Herausarbeitung eines verborgenen mystischen Sinnes dieser Bibeiworte, die Ergründung eines Geheimnisses, das hinter den Worten stecke tmd den ei gent liehen Sinn der Erzählungen bedeute. Die Alten wussten um die Gefahren solchen Grübelns über angebliche Geheimnisse; gar zu leicht kann da die Phantasie lirwege gehen und in böse Tat ausgleiten. Sie nannten solch ein Grübeln ein „Hineingehen in den Pardess" und sie warnten davor. Nicht immer mit Erfolg. Aber es gibt auch Zeugnisse solchen Grübelns, die jenseits solcher Gefahr stehen, einige von ihnen seien hier wiedergegeben. Die Frage wird erörtert, warum die Welt mit dem zweiten Buchstaben, dem 3 erschaffen wurde, denn mit diesem Buchstaben beginnt der Schöpfungsbericht. Und man muss wissen, die Buchstaben sind im Bewusstsein der Alten nicht Zeichen für Laute, dem Zweck der Vermittlung durch die Sprache dienend, sondern, weil sie die Elemente der Offenbarung sind, gleichsam mit eigenem Leben begabte, sinnerfüllte Wesen. Es wird erzählt, wie alle Buchstaben sich darum reissen, dass mit ihnen das Schöpfungswerk beginne, aber sie werden zurückgewiesen. Da trat das 3 heran und sprach: Herr der Welt, möge es Dein Wille sein, dass mit mir die Welt erschaffen würde, denn mit mir wird jeden Tag die Preisung begonnen, „boruch — gelobt sei Er in Weltzeit, Amen, Amen!" Da antwortete Gott mit dem gleichen Wort „boruch habo — gelobt sei, wer in SEINEM Namen kommt", und nahr;i es auf und schuf mit ihm die Welt. Sechsundzwanzig Geschlechter hindurch führte das £ einen Streit mit dem Heiligen, gelobt sei er. Es sprach vor ihm: Herr der Welt; ich bin der erste der Buchstaben und doch hast du die Welt nicht mit mir erschaffen. Da antwortete ihm der Heilige, gelobt sei er, die Welt und was sie füllt, sind nur geschaffen worden, weü sie es wegen der Tora verdienen, denn so heißt es (Spr. 3,19) „ER, auf Weisheit hat er die Erde gegründet", künftig werde ich sie auf dem Sinai geben, da werde ich mit dir beginnen, so beisst es (2. M. 20,2) ">5m „ICH bin dein Gott". Diese Bemerkungen sind keine Wortspielerei, in ihnen birgt sich ein bestimmter Sinn. Nämlich der: der Sinn der Welt ist nicht das Eosmische, das Natürliche, das Ineinandergefüge der physikalischen Kräfte, sondern die Sittlichkeit, Recht und G esetz, Liebe und Erbarmen und Verstehen, und ohne sie stürzt sie zurück ins Chaos und verdiente nicht, ihm entrissen zu sein. Und wenn nicht alles darauf abgestimmt ist, Gott zu preisen — Preisen ist aber nicht ein Reden, sondern ein Handeln aus dem Wissen des Berufen- und Bestimrntseins, ein Wille Gott zu verwirklichen, — wenn alles nur darauf abgestimmt ist, sich selbst zu leben und zu verherrlichen, hätte es nicht gelohnt, die Welt zu erschaffen. Eine Frage erhebt sich: der Bericht vom ersten Sehöpfungstage-gipfelt in dem Wort: „Lieht werde, und es ward Licht", und dass zwischen Licht und Finsternis geschieden ward; aber am vierten Schöpfungstage erst wurden Sonne und Mond and Himmelslichter erschaffen. Man möchte meinen, mit ihnen erst ist das Licht geboren, wir kennen kein anderes Licht als das, das auf die. Sonne zurückgeht, was ist's mit dem Licht des ersten Tages? Selbst wenn man annimmt, dass die alte Anschauung, anders als <iie Naturwissenschaft unserer Tage, Lieht als einen selbständigen für sich bestehenden Stoff ansah, wie stimmen die beiden Schöpfungstaten zu einander? „Rabbi Elasar sagte, mit dem Lieht, das der Hellige, gelobt sei er, am ersten Tage erschuf, konnte der Mensch von einem Ende der Welt bis zum "anderen sehen, und da Gott schaute, ■welche Frevler entstehen werden voll Verderbnis der Tat, tat er es weg, so heisst es auch, (Ijob 38,14) „entzogen ward den Frevlern ihr Licht'', und für wen hat er es aufgespart? Für die Frommen in künftiger Zeit, wie es heisst (Ps. 97,11) „Licht ist ausgesät für die Frommen". Was will diese Deutung sagen? Zunächst will sie in die Schöpfung wiederum eine sittliche Grundlegung hineintragen, es widerstrebt ihr, dass Fromme und Frevler in den gleichen Genuss des Lichtes gesetzt werden. Sie lässt darum diese Welt ein Vorübergehendes sein, und der Sinn der Schöpf eng ist ihr die messianische Zeit. Zugleich aber ist als unentbehrlich die Freiheit des Menschen zur Tat aufgepflanzt, auch wenn die Tat ins Böse gleitet, denn sonst hätte ja Gott der Voraussehende und alles Ueberblickende den Menschen so schaffen können, dass er nicht in Frevel falle. Daneben ist aber auch in ihr eine Erkenntnis von der Notwendigkeit der Grenzen, die dem Menschen gesetzt sind. Er hätte es, meint der Erklärer, nicht vertragen können, von einem.; Ende der Welt zum anderen, d. h. alles zu überschauen, darum musste dieses Licht vor ihm verborgen werden. Sollte nicht in dieser Deutung auch eine Ahnung davon sein, dass unsere Sonne nicht der einzige Lichtspender ist, dass es neben ihr ein anderes stärkeres Licht gibt, vor dem sie verblasst? Bei jeglichem Tage des Sechstagewerkes heisst es: Gott sah, dass es gut war; aber beim zweiten Tage fehlt diese Feststellung,, warum? „Rabbi Chanina sagte, weil an ihm eine Trennung, ein Unterscheiden geschaffen wurde, denn es heisst an ihm (1 M 1,6) „das Gewölb sei Scheide zwischen dem einen Wasser und dem andern", dem Wasser drunten und dem Wasser droben. — Diese Scheidung erst machte zwar die Erde zur Möglichkeit, aber doch war sie ein Scheiden und Trennen, und mit ihr kam die Trennung, der Streit in die Welt. — Und wenn nun um einer solchen Trennung willen, die notwendig war zur Festigung und Besiedlung der Welt, das „es war gut" fortbleiben musste, wie erst bei Trennung, die Verwirrung in die Welt bringt"! Die Deutung spricht für sich selbst, es ist nur nötig, sie wiederzugeben, nicht zu erklären. Noch einmal vom Licht! „Unser — das künstliche — Licht war geplant am Tage vor Schabbat, ward aber erst am Ausgang des Schabbat erschaffen, an ihm gab der Heilige, gelobt sei er, dem ersten Menschen Einsicht, die Abbild des Oberweltlichen ist, und er brachte zwei Steine übereinander und rieb sie, so kam Licht hervor." Mancherlei Gedanken spinnen sich an diese Bemerkung an. Zunächst: eine scharfe Unterscheidung wird hier gemacht zwischen dem Lieht der Schöpfung und dem, das der Mensch erzeugt. Zwar kann nichts von Menschenhand gemacht werden, was nicht auf der Schöpfung aus Gottes Ha.nd beruhte und von ihr bedingt ist, und doch soll alles, was der Mensch macht, selbst wenn er aus der Einsicht schafft, die Abbild himmlischer Einsicht ist, scharf geschieden sein von dem Sechstagewerk. Sein Schaffen ist immer Tun, Arbeiten, ist immer mit dem Fluch des Werkes behaftet, und Gottes Schaffen ist nie Tun, ist immer Wort und Anruf. In des Menschen Tun ist, auch wenn es grösste Wohltat ist und Voraussetzung der Kultur, immer etwas gemischt, was Abstand vom Sechstagewerk ist, Abfall und Unvollkommenheit; alles Mechanische trägt den Keim zur Zerstörung des Seelischen in sieh. Ferner: welcher Abstand zwischen dieser Deutung aus jüdischem Geist und der hellenischen Deutung! In der griechischen Sage ist Prometheus, "weil er das Feuer bringt, Rebell gegen die Götter, in der jüdischen Legende ist die Seelenkraft, die zu dam ersten Feuer führt, Geschenk Gottes. Aus dieser Legende von dem Himmelsgeschenk der Einsicht, die zum ersten Feuer führte, mag es stammen, dass das Hawdala-Gebet am Ausgang des Schabbat jn den Segensspruch eingeschlossen ist, der mit den Worten beginnt: Du begnadest den Menschen mit Erkenntnis und lehrst ihn Einsicht. Als Gott den Menschen erschuf, formte er ihn aus Erde, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.