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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-09-01 · 12 (9.1936) · p. Seite 468

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
12 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 468 (sequence 30)
Language
German
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Seite 468 ] Das jüdische Blumengeschäft A. HENDLISCH 1 Bockenheimer üandstrasse 17 (geg. Rothschild-Palais) Telefon 79554- Warum Kunstübung? Es war in einer stillen Abendstunde im Beth Chaluz in der Einhorngasse. Das Essen war vorüber, in der Küche wurde das letzte Geschirr weggeräumt, im Speise- und Aufenthaltszimmer sassen und standen die jungen Menschen noch herum, bevor sie zu den Abendverabredungen das Heim verliessen. Ein junges Mädchen, das tagsüber in einem städtischen Haushalt tätig ist, erzählte voll Stolz von der Form des Zusammenlebens im Betli Chaluz, von der persönlichen Verantwortung, die jeder Einzelne aufbringen muss, damit alles klappt. Beim Gang dureli die Schlafzimmer trat bei aller Einfachheit und äusseren Gleichheit die Persönlichkeit jedes Bewohners in Erscheinung — eine Ecke mit Büchern, ein Bild über dem Bett, eine Plastik auf dem Tisch verriet den Menschen. Jeder von ihnen lässt die Welt seiner Phantasie, die er mit sich trägt wie' das Kind sein Lieblingsspielzeug, oft unbewusst andeutungsweise im Alltag erscheinen. Kührend und aufschlussreich zugleich ist es, zu sehen, <vie die Kunst selbst im primitivsten Schlafraum noch ihren Platz findet, wie mit geringsten Mitteln die persönliche Richtung zum Ausdruck kommt. AUSWANDERER nach Erez u. a. Ländern kaufen ihr Schillerstrasse 20 PIANO ISAAC NEUMANN bei Wem es noch zweifelhaft ist, ob wir heute ein Recht darauf haben, Kunst zu pflegen und die Kulturgüter zu erhalten — und selbst dem enragiertesten Verteidiger der Kultur und dem unverbesserlichen Kunstenthusiasten tauchen ja gelegentlich Zweifel hierüber auf —, "dem würde ein kurzer Besuch im Beth Chaluz die Richtigkeit und Notwendigkeit beweisen. Aus dem Spieltrieb der Kinder wächst die Kunstübung der Erwachsenen und keine Verzinnung gibt uns das Recht, die Bedeutung künstlerischer Arbeit zu misst-chten oder gar zu verneinen. Max Reinhardt schreibt einmal über den Spieltrieb: „In der f rühesten Kindheit der Menschen ist die Schauspielkunst entstanden. In den Kindern spiegelt sich das Wesen des Schauspielers am reinsten wieder. Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie wollen die Welt noch einmal selbst entdecken, selbst erschaffen. Sie verwandeln sich blitzschnell in alles, was sie sehen, und sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Ihre Einbildungskraft ist zwingend". Die Einbildungskraft des Künstlers schafft über Zeit und Raum hinaus, die Welt seiner Phantasie und ihre Gestaltung erfüllen den Alltag. Ob wir wollen oder nicht: die Kunstübung gehört in unser Leben. Mag sie verfeinert oder primitiv sich darstellen, mag sie dem kultischen, höfischen, dem politischen oder welchem Bezirk der Lebensanschauung immer entspringen — je nach der Geistigkeit und der Struktur der Menschen, die sie entwickeln, wird ihr Ausdruck, ihr* Stil. Verschwinden kann sie nicht — an dieser Tatsache vermag keine Zeit mit noch so grosser Nüchternheit etwas zu ändern. Wer mit offenen Augen einmal bei einer künstlerischen Darbietung die Hingabe der Künstler, die Aufnalnnebereitschaft der Hörer und Zuschauer beobachtet hat, wer die Wechselwirkung der Strömungen, die vom Podium zum Saal und wieder zum Podium sich bewegen, empfunden hat, der kennt das Erlebnis des gemeinschaftlich gestalteten Kunstwerkes, das sich aus dem Wort, der Bewegung, dem Ton und Klang ergibt. Losgelöst von den Sorgen, den Gedanken über das eigene Leben und Schaffen bedeutet das Eingereihtsein in das Mitgestalten des Kunstwerks Befreiung vom Alltag, Steigerung der Phantasie und Entwicklung der schöpferischen Kräfte. Nicht nur der ausübende Künstler muss diese Anspannung, diese Entspannung zur Bewegtheit und Vielgestaltigkeit seines . Ausdruckes üben — auch der Mensch im bürgerlichen Leben kann ohne die Distanz zum Alltag, ohne das Erlebnis des Kunstwerkes nicht elastisch bleiben, heute nicht und niemals. Die Erbauung, die vom Kunstwerk ausgeht, das Abgelenktwerden durch eine Farbe, eine Form, eine Bildkomposition, durch den Klang einer Melodie, einen Vers oder wie immer der Kunstausdruek sein mag, liegt im Wesen jedes Menschen. Sie braucht, wie wenig Dingeim Leben, nicht erst erlernt zu werden. Es gibt eine Kunstübung, weil es Menschen gibt, die sie zu ihrer seelischen und geistigen, vielleicht sogar tatsächlichen. Ernährung nötig haben — die jungen Menschen im Beth Chaluz haben es bewiesen. Für sie, die sclrwer arbeiten und kämpfen, die das Ende eines Zeitalters erlebt haben und ein neues mitvorbereiten müssen,muß die Brücke geschlagen werden, die vergangene Kultur und Kunstübung mit den Ansätzen eines Ausdruckes der Zukunft verbindet. Es wird keine Zeit des l'art pour l'art sein, vielmehr ein Aufbau aus der Gemeinschaft, die im Kunstwerk den Ausgleich sucht zwischen der Primitivität ihres Lebens und der Beschwingtheit ihrer Phantasie. Nicht allein die Fachleute der Kunstgebiete, nicht nur die acteurs haben das Wort, nein — alle, die unter dem unscheinbaren Arbeitskleid das Feiertagskleid tragen, alle die trotz Lebenskampf Lebensmut und Lebensfreude in sich tragen. Für sie — Kunstübung! Hedwig Levi-Michel Seidenparadies, Frankfurt, anderHauptwache.imHauseCafeWien Karl Gundlach^ Pralinen u. 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