Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 12 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 449 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 449 wissen, sprach er sein Gebet/ gerade, da er der Versuchung die Hand entgegen strecken wollte. Da schleuderte Satan, denn er war es, der sich als Frau ge-" zeigt hatte, den Blitz in seiner Wut gegen den Mann; der aber war beschützt von Gott, und der Strahl fuhr in den Baum, der da steht und zerfetzte ihn. So kam es, dass dieser Ast herabhängt und die dunkle Stelle, wie ein Auge zwischen ihm und dem Stamm hervorlugt. Und sieh' da, der kleine Stumpf über dem Baumkrüppel zeigt warnend gen Himmel. So steht der Wegzeiger da und niemand vei-gisst mehr sein Gebet." Das gefiel dem Jungen, und die Beweglichkeit seiner Phantasie malte weiter an der Geschichte, bis er mit der Mutter zu dem alten Onkel kam. Da hatte er aber leibhaftig eine Phantasie vor sich. Denn der war ein Original, der sass in einem Lehnstuhl und hatte vor sich einen Schemel mit einem Kissen und in der Hand hatte er einen Stock, und er hatte einen sogenannten Spion vor dem Fenster, das war ein Spiegel, der die Leute zeigte, wie sie die Strasse herunterkommen. Und, wenn da einer kam, mit dem der alte Herr schon einmal Fehde gehabt hatte und den er nicht leiden konnte, dann schlug der Alte mit dem Stock auf das Kissen und entlud sich so seiner Wut. Zu dem Jungen war der Mann freundlich und gab ihm Lekkerbissen, die der Bub aber nicht berührte, weil er eine Spukathmosphäre hier spürte. Beim Nachhausewandern erzählte die Mutter von dem Sonderling, dem es bitter im Leben ergangen war, er war strebsam und tüchtig, aber immer leicht in Wallung, und er war Junggeselle geblieben, weil er immerzu enttäuscht war und hatte sich als Kaufmann durchgesetzt, weil er tüchtig war, aber das Leben hatte ihm jeden Lohn dafür weggenommen. So war der Mann eine böse Märchengestalt und ein bedauernswerter Mensch. Und der Junge, der kleine Simon hatte auf dem Heimweg wieder genug zu denken über Geschichten, die erfunden, und solchen, die wahrhaftig waren. Und später erzählte er „Wahrheit und Dichtung"; aber es kam so, dass er die Wahrheit dabei bevorzugte. Literarische Begleiter ins neue Jahr Fast alle sind liebe Vertraute, die auch dieses Jahr sich wieder einstellen, uns ins neue Jahr zu begleiten. Die Almanache und Kalender, die zum Jahre 5697 erschienen sind, haben ihre Vorgänger in den Büchlein und Kalendern, die wir nun ein ganzes Jahr um uns gehabt haben und die uns zu ordnenden Helfern im Ablauf unseres Lebens geworden sind. In unserer Gemeinde muss der Alm an ach an erster Stelle genannt werden, der im Einvernehmen mit dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde wiederum von Stephanie Forchheimer herausgegeben wurde und der Rührigkeit dieser Frau sein Zustandekommen verdankt. Seine kurze Tradition ist immerhin schon so fest, dass der Leser sich berechtigt fühlt, an den Textteil besondere Anforderungen zu stellen. Seit seinem Erscheinen bemüht sich der Almanach, auf Fragen Antwort zu geben, die aus der Zeit entstehen. War es im vorigen Jahr die Erörterung der Sorge, Avie die Jugend gebildet werden und was mit ihr geschehen solle, so ist diesmal die Frage nach den jüdischen Werten, die uns in dieser Zeit bleiben, in einzelnen Aufsätzen beantwortet worden. Eine Reihe von auswärtigen und Frankfurter Autoren spricht von den Dingen, die uns geblieben sind: vom Glauben, von der Gemeinde, der Arbeit, der Freundschaft, der Freude am Schönen, dem Buch und der sozialen Hilfe. (Wir bringen an anderer Stelle einen Aufsatz des Almanachs zum Abdruck.) Das Verzeichnis der Gemeindeverwaltung, der Institutionen und Vereine in der Gemeinde fügt zu der allgemeinen Bedeutung des Almanachs die spezifische Verwendbarkeit für Frankfurt. (Druck: Kornsand & Co., Frankfurt a. M.) Der Wunsch, dem Almanach einen Kalender beizufügen, blieb auch diesmal unerfüllt. Auf eine bewährte Tradition kann sich auch der Almanach des Schocken Verlags stützen. Er bringt aus dem Schaffen der Verlagsautoren Proben von solcher Konzentriertheit und Wertigkeit, dass er auf das Erscheinen der Veröffentlichungen in ihrem Zusammenhang gespannt macht. Die ganze Spannweite der Tätigkeit dieses wirklichen Kulturmittlers im Judentum Deutschlands spiegelt sich in dem schmalen Bändchen wieder. Bezieher des Gemeindeblattes! Gemäss behördlicher Bestimmung darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblattes nicht stattfinden. Wir richten daher an alle Mitglieder die dringende Bitte, das Bezugsgeld von RM. 0.45 pro Vierteljahr pünktlich beim Vorzeigen der Quittung zu entrichten, damit in der regelmässigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechimg eintritt. Die Erhebung des Bezugsgeldes wird auf behördliche Veranlassung Im Voraus durchgeführt, demgemäss für die Monate Oktober — Dezem» ber 1936 im Monat September 1936. Frankfurt a. M., 1. September 1936 VORSTAND DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE VERWALTUNG DES GEMEINDEBLATTES Rundschau Vom Altertum bis zur Gegenwart, Wissenschaft und Dichtung, Diaspora und Palästina kommen zu Wort und selbst das angeheftete Verzeichnis der Verlagspublikationen darf einen Unterrichtungswert für sich beanspruchen. Die feinsinnige bibliophile .Ausstattung der Bücher aus dem Schocken-Verlag hat man auch dem handlichen Almanach angedeihen lassen. „Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes-' heisst der Kalendar, der in Blockform und als Abreisskalender vom Jüdischen Frauenhund e. V. nun zum 11. Male herausgegeben wird. Einer Anregung Bertha Pappenheims folgend, hat Dr. Anneliese Landau das Thema „Musik im jüdischen Kreis" zum Gegenstand einer Zusammenfügung von Bildern und Texten gemacht, die das Kalendarium begleiten. Der erste Teil gilt der „Musik im biblischen Judentum", der zweite dem „Anteil der Juden am Musikleben". Niemand wird von einer solchen Zusammenstellung Lückenlosigkeit erwarten. Trotzdem ist die Auswahl der Bilder, sowohl nach der Seite ihrer sachlichen, als nach der ihrer künstlerischen Bedeutung nicht immer überzeugend. Der Grundsatz der Bildauswahl wird nicht deutlich und auch bei der Zusammenstellung der in der Musik wirkenden Juden scheinen uneinheitliche Leitpunkte angewandt worden zu sein Dem Verständnis der Beziehungen wäre es zustatten gekommen, wenn bei allen Bildern die Entstehungszeit hinzugefügt und eine Vorstellung von der Grösse der Originale vermittelt worden wäre. (Den Purimholzschnitt aus dem Amsterdamer Minhagbuch sollte man nicht in so starker Vergrößerung bringen. Das Original vertagt nicht diese Uebersteigerung.) Die Arbeit — es ist eine wissenschaftliche Arbeit, die diesen Kalender zustande gebracht, hat — verdient bereitwillige Zustimmung. Sie eröffnet einem Gebiet des künstlerischen Schaffens der Juden Verbreitung, dessen Tiefe und Ausdehnung zu ergründen, weiterhin Aufgabe der Fachforschung bleiben muss. Der Druck des Kalenders ist der Firma Gebrüder Braun in Frankfurt a. Main zu danken, die mit dieser gepflegten, sauberen und satztechnisch einwandfreien Arbeit einen erneuten Beweis ihres Könnens geliefert hat. „Die Künstlerhilfe der jüdischen Gemeinde Berlin verwendet den ihr aus dem Verkauf ihres Kalenders zu-