Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 12 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 448 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448 Ein jiddischer Erzähler von Dr Siegmund Bing David (Dowid) Bergeison, dessen literarischer Kuf bei uns demjenigen seines, gerade ein Vierteljahrhundert älteren ukrainischen Landsmann Schalom Alechem nicht gleichkommt, ist in der Uebertragung des längst hingeschiedenen Alexander Eliasberg nur mit zwei Erzählungsbänden nach Deutschland gelangt: der Novellenreihe „Arum wagsal" (Am Bahnhof oder Rings um den Bahnhof) und dem Roman „Noch allemen" (Nach allem), dem der Uebersetzer den empfindsameren, aber weniger unmittelbar sprechenden Titel „Das Ende vom Lied" verliehen hat. Seit dem Erscheinen der beiden Bücher, deren deutsche Ausgabe in die Jahre 1922 und 23 fällt, hat der Dichter die Fünfzig überschritten. Ich wüsste über sein Werk sonst nichts zu berichten, da nur dies über die Grenze gekommen ist und anderes aus dem selben Umkreis, der Ukraine und Litauens, wohl überhaupt dem deutschsprachigen Leser schwer zugänglich bleibt und auch darum keinen Mittler fand. Im Baude „Am Bahnhof" (Verlag Benjamin Harz, Berlin- Wien, 192 Seiten) füllt die Titelnovelle die Hälfte; zwei menr skizzenhafte Stücke „Eine gottverlassene. Stadt" und „Der Taube" sind ihr beigegehen. Hier scheint die Hand des Uebersetzers, so brüderlich sie geädert sei, manchmal ungefüg, zaghaft tastend; aber sie greift uns dennoch (und vielleicht sogar deshalb!) ans Herz. Wie ein jüdischer Urtext von rauher Stofflichkeit ist dies, fast überwirklich idie dürftige und zugleich drohende Erscheinung des östlich zeitlosen Bahnhofs, um den eine Anzahl beflissener, die eigene nichtssagende Existenz lärmend übertönender jüdischer Gelegenheitshündler sich in gespenstischem Eifer regt und bewegt Aus ihrem geschäftigen Müssiggang zieht der Dichter die innere Summe: tiefer lässt er sich eines Abseitigen, Missgeschickten Re=;t und Rechnung geben. Bei allem Realismus der Darstellung behält Menschlichkeit das letzte Wort. Die Einzelfiguren schwinden und verschwimmen schattenhaft ins All, ins Nichts: es herrscht die Atmosphäre, bei Bergelson aus landschaftlichem Element, armseligen Gassen und Häusern, nach Passanten Art gestellter und umgetriebener Menschheit zusammengefügt. — Vorgänge der Natur, vermeintlich tote Gegenstände erlangen eine merkwürdig beziehungsreiche Lebendigkeit, ja eine Art von Personifikation, werden zu Mitleidenden und Trägern der Handlung. Dies, Gleichklang mehr als blosse Begleitmusik oder Stimmungs - Untermalung, scheint mir besonders charakteristisch für Bergelsons Dichtung, die, ohne eigentliche motorische Kraft, unter naturalistischer Oberfläche in einem beseelten, nur ihr eigentümlichen Rhythmus schwingt, um im Entfernten, Ungreifbaren auszugehen. Zum mindesten gilt dies für sein episches Hauptwerk, das ich nach zwölf Jahren in altem mattsilbernen Glänze wiederfand. Aber — „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident" — zugleich rief dies „Ende vom Lied" (Jüdischer Verlag, Berlin 1922, 352 Seiten) einige westliche Antithesen wach: Verlaines unvergänglichen Sang vom Regen, „II pleure dans mon coeur, Comme il pleut sur la ville", und Dämmerungsgeschichte, — Gesichter des französischen Malers Eugene Carriere... Kaum ein anderer Roman scheint mir so abgründig im Bann ostjüdischen Daseins beschlossen. Und seine hindämmernde, ganz passiv eigenwillige Heldin „Mirel" zählt für mich zu den Frauenfiguren universellen Dichtungsbereichs, welche am sprechendsten, am verschwiegensten die Dornenkrone eines ziellosen Weibtums tragen. Eine uralte Melodie des Judentums verkörpert sich hier, doch einem, in der Generationen Flucht, völlig morbid gewordenen Organismus anvertraut. Denn während es einmal fraglose Frauenpflicht war, Kinder zu erziehen und zur erneuten Gottesbereitschaft zu erziehen, verzehrt sich dieses in einer kleinen litauischen Siedelung aufwachsende Mädchen in "Abneigung gegen den angestammten Lebensgang, trotz der ihr zugedachten Ehe und Mutterschaft, verkrampft, verliebt fast in die taube Unlust, die sie zwischen Divan und Bewegungsdrang ruhlos hin- und hertreibt. In Mirels. von einem bedeutenden Dichter entworfener Gestalt werden melancholische Unrast, Monotonie und Enttäuschung zum schicksalhaften Symbol; ausweglos sich selbst verfallen, kreist sie im Zwinger ihrer kargen Passion. Mit grauen Floren hüllen Nebel und Regen sie. ein, denn immer scheinen Frösteln und Feuchte um das enge Nest zu ziehen, das den so seltsam entarteten Vogel, überflügge und flügellahm, birgt. „Gottverlassen" dieser „Mirel" Stätte, ob sie auch von der kleinen zur grossen Stadt geistert und allerwege die Spuren ehrwürdigen Herkommens trifft. Verzweifelt eindringlich schlägt diese Geschichte vom Alltag her eine bleierne Himmelspforte an: keine Befreiung Himmels und der Erden wird ihr zuteil. Die Männer, die sich um der blassen und begehrenswerten Stern bemühen, sind aufs feinste silhouettiert in ihrer hastigen, schwerblütigen und sentimentalen Gewöhnlichkeit, voll beklemmender Echtheit in Kult und Familie, im Stall und auf dem Markt; über sie alle (einen einzigen ausgenommen) verhängt „Mirel" Schatten und zwielichten Schein. Bis sie schliesslich selbst ins Dunkel entgleitet und das Ende vom Lied in einem Lied ohne Ende verklingt „Noch allemen": Frage und Klage harren weiter der Antwort, die jeden Mitfühlenden angeht. Phantasie um einen Judenknaben Aus einer Bilderreihe von Alfred Auerbach Mutter Ruth nimmt den Jungen mit, wenn sie Verwandte besucht, dann geht der Weg über Berg und TaL Ein paar Dörfer weiter weg von dem Heimatort wohnt ein alter Herr, der keine Kinder hat; er ist der Erbonkel und sieht darauf, dass man sieh um ihn kümmert. Darum geht die Wanderung oft diesen Weg. Solche Fussreisen liebt der Kleine, denn Mutter weiss so viele Geschichten, die sie nie so freigebig mitteilt, wie bei -solchen Gelegenheiten. Wann hätte sie zuhause Zeit? Sie tappen durch Schluchten, die von dem Volk mit Gespenstern bedacht wurden, der Junge glaubt sie um sich zu spüren? Aber nun kommt ein Kreuzweg, ah dem eine ganz seltsame Erscheinung steht. e:n verkrüppelter Baum. Unter einem seiner Dr. jur. Hugo Hoffmann Oberlindau 51 Tel. 76655 Versicherungen aller Art elenden Aeste lugt etwas hervor, wie ein böses Auge, eine dunkle Stelle. Mutter erzählt: „Hier, so heisst es, stand einst der Teufel auf der Lauer, nicht weit von da sei der Hohlweg, der zur Hölle hinunterführt." An diesem Punkte eilen sich die Bauern und die Juden rasch vorüber zu kommen, die Bauern bekreuzigen sich, die Juden murmeln ein Gebet. Einst ging ein Händelsmann hier vorbei, es wurde dunkel, da kam eine Frau bildschön aus dem Dickicht und tanzte, und der Jude vergass sein Gebet zu sagen, so wirr machte ihn die Erscheinung. Ein Wink, da tat sich ein Saal auf, in dem es hoch herging. Nun war der Handelsmann ein armer Kerl, der nie eine Freude gehabt hatte, und er fand nichts dabei, stehen zu bleiben und mit hungrigen Augen zuzusehen, wie es da zuging. Die Teufelin nickte ihm zu und rief: „Komm her, Jude, du sollst es bei uns alle Zeit gut haben!" Und sie reichte die Hand herüber. Aber der Handelsmann war doch immer ein frommer und gläubiger Mensch gewesen. Ohne dass er dachte und ohne es zu