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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-09-01 · 12 (9.1936) · p. Seite 446

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
12 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 446 (sequence 8)
Language
German
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Seite 446 Erscheinungsform einsetzt. Denn gerade bei unseren jüdischen Kindern beginnt verhältnismäßig früh jenes lahmende kritische Ver- Üalten dazu eine seelische Unrast, die nicht zur ruhigen DurchbiU dung der Form, kaum-zum verweilenden Betrachten kommen läßt; Es fehlt so vielen unserer Kinder „der betrachtende Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht" — wie Schiller ihn von Goethe rühmt, es fehlt, „die Uebung, das Auge Lieht sein "zu lassen", Tröe-Goethees so schön von sich selber bekennt. Und noch Eines tritt erschwerend' hinzu: die ebenfalls früh sich zeigende praktische Bewertung alles Dinglichen und alles Tuns. All dem ist zu begegnen. Von den mittleren Klassen an muss die Einführung in die gesetzmässige Formung der Pflanzen- und' Tierwelt stetig und planmässig erfolgen, muss strenge zeichnerische Wiedergabe erstrebt werden, nicht nur der formalen' Bildungsziele wegen, sondern auch im Hinblick auf Verwertung: im praktischen Leben; handwerkliche und kunstgewerbliche Berufe, wie Werbegraphik, Dekoration, Modezeichnen, verlangen, zeichnerisches Können, präzise, formvollendete Arbeitsweise. Darum muss in unseren Schulen neben dem Phantasiezeichnen. Kunstschrift und Darstellung der menschlichen Figur gepflegt werden. Da bieten Stoffe aus dem jüdischen und biblischen Lebenskreise die Möglichkeit, beides miteinander, zu verbinden. Aus diesen vertrauten Quellen kann hier geschöpft werden, können Gestalten und Begebenheiten der biblischen Geschichte, der Sage und Legende dargestellt, können alle Dinge der Welt, die leblosen! und lebenden, einbezogen und gestaltet werden.'Baum und Haus, die weite Landschaft und der enge Kaum, Pflanzen, Tiere, Menschen, fortschreitend von der kindlich-naiven Art durch die Kleinen zur bewussten Darstellung des Körperlichen und zum Ausdruck seelischer Vorgänge durch die Erwachsenen. Der ganze unermessliehe Keichtum des menschlichen Seelenlebens liegt ja offen oder geheim in der biblischen Erzählung, von der still-friedlichen Beschaulichkeit bis zum Ausbruch entfesselter Leidenschaft. Mag bei dem freien Gestalten aus der Phantasie auch der Formgebung weiter Spielraum bleiben, so ist bei Graphik und Kunstschrift streng gebundene Formensprache zu fordern. Misrach- und Tierkreistafeln, Zierblätter mit Festsymbolen oder Monatsbilder, auch Entwürfe zu mancherlei Kultgerät, zu Thoraschmuck und Thoravorhängen, müssen in Bild und Schrift das Gesetzmäßige dekorativer Flächenkunst zeigen, und hier kann aus jahrhundertealter Tradition geschöpft werden, aus illuminierten Handschriften und frühen Drucken, der Pessaehhaggadäh wie der Megillah. Aus tra- . ditionellem Geist und moderner Gesinnung kann hier Neues entstehen. In diese Bezirke jüdischen Kunstschaffens ist unsere Jugend einzuführen, jüdische Museen und Sammlungen, sowie gute Publikationen können ihr zeigen,, dass unser Judentum weder kunstfremd und kunstarm noch künstlerisch unbefähigt gewesen, dass auch in der bildenden Kunst Juden Bedeutendes geleistet, das sich würdig neben die Großtateneuropäischer Kunst stellen darf. Unsere Kinder sollen Maßstäbe gewinnen, um die Werke unserer grossen Meister Israels, Pissarro, Liebermann und andere sehätzen und eingliedern zu lernen in die künstlerische Gesamtkultur. Solche Einsicht wird zum Ansporn, „das grosse Beispiel weckt Nacheiferung", mehrt und festigt das Zutrauen zur eigenen schöpferischen Kraft. Der T£unstunterrieht ist in erster Linie Zeichenunterricht. Nur wer die erforderliche Eignung und Vorbildung — künstlerisch und pädagogisch — besitzt, sollte ihn erteilen dürfen. Unzulänglichkeit und Dilletantismus sind hier von grösstem Schaden. Nun gibt es in Deutschland nur ganz wenige jüdische Zeichenlehrer mit dem amtlichen vorgeschriebenen Examen. Aber diesen wenigen sollte volle Gelegenheit gegeben werden, eventuell in besonderen Aus- und Fortbildungskursen, ihre ganze Kraft einzusetzen, um kostbarstes Bildungsgut zu erhalten und fortzupflanzen. Es wäre fahrlässig, wenn bei jüdisch enSchulen nicht auch die Bedingungen für eine künstlerische: Erziehung geschaffen würden, wäre höchst verantwortungslos, diese Arbeit durch Einschränkung von Mitteln, durch Beschränkung des Arbeitsraumes zu erschweren. Jeder Erfolg wäre dadurch illusorisch. II. Das vom= Kunstunterricht Gesagte gilt in vielem Betracht auch vom Werkunterricht. Er ist jedoch — im Gegensatz zum Zeichen» und Kunstunterricht — nicht Pflichtfach, sondern fakultativ, obwohl seit Jahrzehnten vornehmlich der vor fünfzig Jähren begründete „Deutsche Verein für Knabenhandarbeit" für Einführung und- Ausbreitung des Werkunterrichts gewirkt hat; dass er dennoch in den Schulen nicht Pflichtfach geworden, hat organisatorische Gründe: grosse Klassen sind in Handarbeit nicht mit Erfolg zu unterweisen, in kleinen Klassen lässt sich's eher durchführen, und in der Tat hat die junge Volksschule der jüdischen Keformgemeinde zu Berlin'den Werkunterricht in den meisten Klassen als: Pflichtfach eingegliedert.-Wo aber solche Voraussetzungen fehlen, bleibt nur die Möglichkeit eines freiwilligen Unterrichts in kleineren Kursen. Ueber den Wert dieses Faches, über seine Bedeutung für die Gesamterziehung gerade auch des jüdischen Kindes ist kein Zweifel. Es ist die notwendige Ergänzung der nur auf Wortwissen begründeten Bildung. Es handelt sich nicht nur um Ausbildung der Hand in planmässigerj „Geschick" erfordernder Arbeit, sondern um weit mehr! Durch Hinleitung zu den Dingen selbst, durch systematische Ausbildung der feineren Muskeln, durch Einsicht in das gesetzmässige Gefüge selbst des einfachsten Gegenstandes, durch die straffe Zuchtr die Disziplinierung zur praktischen" Arbeit wirddie Erziehung, des ganzen Menschen zu einem tätigen, schaffenden — vielleicht auch schöpferischen — Wesen gefördert. Darum sollte an keiner jüdischen Schule die Einführung eines zumindest fakultativen Werkunterrichts versäumt werden! Er wäre vornehmlich zwei Kategorien von Schülern zu empfehlen: den ausgesprochen dafür begabten und den ausschliesslich intellektuell veranlagten, jenen, um sie eventuell zu einem handwerklichen Beruf hinzuleiten, v diesen, um ihnen Ausgleich und Ausspannung zu bieten. Es zeigt sich, dass auch von Hause aus ungeschickte Schüler etr was fertig bringen, und dass ein selbstgefertigter Gegenstand sie mit einem nie gekannten Glücksgefühl beseelt. Wirkt doch hier Hirn und Hand zusammen, und wir wissen ja, dass so manche unserer grossen Gesetzeslehrer zugleich biedere Handwerker waren, wissen, dass der grosse Denker Spinoza durch substilste Handarbeit, durch Brillenschleifen, seinen Unterhalt verdiente, wissen, dass-es in früheren Zeiten — in manchen Ländern heute noch — jüdische Handwerker und Kunstgew erbler aller Art gab; aber durch einseitige Erziehung und äussere Umstände ward dieses Berufsleben verengt und die Fähigkeit verkümmert. Doch sollten nur solche Gebiete in der allgemein bildenden Schule gepflegt werden, für die sowohl die körperliche Kraft des Schülers wie die "zur Verfügung stehende Zeit ausreicht. Es gehört zum Werkunterricht, dass das „Werk" auch wirklich werde. Ist es zu schwer, nicht zu vollenden, so stellt Unlust, Entmutigung sich ein, und kostbare Zeit und Kraft sind nutzlos vertan. Darum kommen Holzarbeiten aus dem rohen Material nur für grössere und besonders kräftige Schüler in Betracht. Leichte Metallarbeiten wären schon eher Erfolg verheissend, auch weil hier das künstlerische Moment stärker betont und zugleich Beziehung zum jüdischen Kultgerät hergestellt werden könnte. Voraussetzung ist hier wie dort die Einrichtung einer besonderen — kostspieligen — Werkstatt. Am meisten hat sich nun schon seit Jahrzehnten der Pappunterricht, die Buchbinder- und, Kartonnagearbeit, als vorbereitende Werklehre, als erziehender und bildender Faktor überhaupt bewährt. Die grosse Mannigfaltigkeit dieses Gebiets gestattet eine Auswahl, die der Leistungsfähigkeit jeder Stufe, jeden Alters angepasst werden kann, sodass die Kleinsten wie die Grössten mit positiven Erfolgen und darum auch mit wahrer Schaffensfreude sich betätigen können. Kommt dazu, dass hier der Geschmack gebildet und zeichnerisches Können verwertet, dass ferner das hier Gelernte auch daheim mit nur wenig Werkzeug verwendet und weiter gepflegt werden kann, so dass etwas von der Werkgesinnung auch in unsere jüdischen Häuser strömt. Nur darf man nicht erwarten, dass in den wenigen Stunden unsere Schüler vollendete Buchbinder werden- Es soll ja kein fertiges Handwerk-erlernt, sondern; zur Werkgesinnung, zur Werkliebe durch das Mittel der Arbeit

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