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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-09-01 · 12 (9.1936) · p. Seite 445

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
12 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 445 (sequence 7)
Language
German
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Seite 445 Noch leben in diesen Orten Menschen, die lebendige Tradition darstellen. Wehn heute öfter davon die Kede ist, alte Dokumente als Grundlage jüdischer Geschichte pfleglich zu behandeln, um wie viel mehr muss es Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft sein',1 die heute noch lebenden'Hüter alter ehrenvoller Vergangenheit nicht in Armut und Not verkommen zu lassen, für die wenigen Kinder, die ohne Spielgefährten aufwachsen, geeignete Äüsbildungsstätten zu schaffen, den Neugeborenen ihren Erdehweg zu erleichtern. ' i1 ■ Hier t ä t i g e H i 1 f e .zu leisten, sollte geradezu den Feiertagen Pflicht der jüdischen Menschen sein, die heute den Vorteil gemessen, in jüdischen Grossgemeinden leben zu dürfen Nicht jöder von'ihnen1 ist sich dessen bewusst, wases heisst, in der GröSsgemeinde zu leben oder draussen'im kleinen Dorf einsam Und freudlos durchzuhalten. Mögen viele in diesen und künftigen Tagen den Provinzial.yerband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen- Nassau unterstützen, damit er seinen grossen Aufgaben nachkommen kann: den Alten und Einsamen auf dem Lande zur Seite zu stehen, diese Menschen spüren zu lassen, dass hinter ihnen die jüdische Gemeinschaft steht, die sie nicht im Stich lässt. . Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 44602 des. Landesverbands für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau. An die Gemeindemitglieder! Auf die a) am 10. Juni und 10. September 1936 fällig gewesene Kultussteuerraten für Veranlagte b) am 15. Mai 1936 fällig gewesene Rate für Nur-Lohnsteuerpf lichtige wird hierdurch, nochmals hingewiesen. Wer die Raten noch nicht gezahlt hat, möge dies bei Meidung von Kosten und Weiterungen sofort tun. (Postscheckkonto No. 800 Frankfurt a. M., Steuerkasse der Israelitischen Gemeinde.) Wir verweisen im übrigen auf die diesbezgl. Bekanntmachung des Steueramtes in der vorliegenden Nummer. Frankfurt a. M., den 8. September 1936 VORSTAND DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE Der Kunst- und Werkunterricht an jüdischen Schulen von Dr. Arthur Galliner Daß diesem Gegenstande, dem Kunst- und Werkunterrichtvseit einiger Zeit in jüdischen Kreisen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist hegreiflich. Zwar hat man hei aller Bewertung der intellektuellen Bildung immer auch bei uns künstlerische Werte und handwerkliche Leistungen geschätzt, aber sie wurden doch als ein mehr oder minder entbehrlicher Luxus betrachtet, nicht als Lebensnotwendigkeit, als wesentliche Bestandteile im Gesamtplan organischer Erziehungsarbeit gefordert. Und darin hat sich — im Grunde genommen — wenig geändert, trotz der Erkenntnis, dass die „Umschichtung" eines Teiles unserer Gemeinschaft mehr körperliche Tüchtigkeit und handwerkliches Können verlangt, dass dafür schon in früher Jugend das Fundament gelegt werden muss. Mit ein paar äusserlich angefügten Unterrichtsstunden für Zeichnen und Handarbeit ist nichts getan, wenn nicht zugleich durch planmässige Schulung von Auge und Hand stärkster EinfIuss ausgeübt wird auf den ganzen Menschen. I. Die grosse Reform des Zeichenunterrichts um 1900 ward aus der Erkenntnis von der Bedeutung gestaltender Arbeit für die Gesamterziehung, ja für die Gesamtkultur "eines Volkes geboren. Durch Erfassung und Gestaltung alles Dinglichen galt es," die Welt der Dinge zu erobern, nicht nur mit sicherem technischen Können, sondern durch Eindringung in das Wesenhafte ihrer Form, die immer auch Ausdruck eines Geistigen ist. Wer diese Schulung erfahren, konnte in der Folgezeit, da ein missverstandener Expressionismus alle Form zerschlug, niemals das innere Verhältnis zur Natur verlieren. Diese Generation blieb allerdings auch dadurch lebendig, dass sie die starken Impulse, die vom Expressionismus ausgingen, auffing, verarbeitete und so auch die kunstpädagogische Arbeit befruchtete. Die Ausdruckskraft kindlich-naiven Gestaltens, der Reiz der unbeeinflussten Kinderzeichnung ward mehr erkannt und gewertet, ward einbezogen in den Gesamtplan des Kunstunterrichts an niederen und höheren Schulen. Mit der aus Phantasie und Wollen strömenden Gestaltungskraft ist aber gründliches Studium der organischen Natur zu vereinen, Erlebtes und Geschautes ist bildhaft sichtbar zu machen in strenger zeichnerischer Zucht. So wird der Kunstunterricht zum willensbildenden Erziehungsfaktor; es ist darum nicht gleichgültig, wie gezeichnet wird, ebenso wenig was gezeichnet wird, nicht gleichgültig, w o gezeichnet wird. Dass jede Schule einen Zeichensaal haben m u s s t e, war kein Luxus, sondern unbedingte Voraussetzung für sachgemässe, planmässige Arbeit. Diese allgemeinen Grundsätze und Voraussetzungen gelten auch für jüdische Schulen. Dass auch hier gut und gründlich gearbeitet werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit, ebenso dass wir von unseren jüdischen Kindern Leistungen gleicher Höhe verlangen müssen wie andere Schulen. Dass wir sie auch verlangen können, darüber besteht kein Zweifel. Jüdische Schüler in allgemeinen Schalen gehören oft zu den besten Zeichnern, und die Schülerausstellungen des Philanthropins 'tz. B. konnten sich mit denen anderer Schulen wohl messen. Auch die grosse Schau von Zeichenarbeiten beim Internationalen Kongress für Kunst- und Zeichenunterricht in Prag vor etwa einem Jahrzehnt hat gezeigt, daß bei jüdischen Schülern keine zeichnerische Minderbegabung vorliegt. Die andere Frage, ob hier von Natur eine Begabung besonderer Art vorhanden ist, die sich im Schauen, Erfassen und Gestalten von Dingen und Vorgängen ausspricht, versuchte Professor Vydra, Zeichenlehrer in Bratislava, auf jenem Kongress dahin zu beanworten, dass jüdische Kinder mehr das darstellten', was sie dächten, als das, was sie sähen, dass sie also mehr aus dem Intellekt als aus der Sinneswahrnehmung gestalteten, und er demonstrierte dies an kindlichen Zeichnungen jüdischer Schüler, an unbeeinflussten Darstellungen des Menschen, bei denen an der Handfläche stets fünf Striche, die fünf Finger, angesetzt waren, während Kinder anderer Rassen sich mit einer Angabe der Handflächen als Einheit begnügten. Wenn die Deutung richtig ist, so würde sich von da aus manche Erscheinung bei jüdischen Künstlern leichter erklären, wie die starke Neigung zur Expression, die . Vergeistigung" des Natureindrucks und die kristallne Klarheit in der Gestaltung. Aber man könnte auch schärfere Beobachtungsgabe, intensiveres Schauen darin erblicken. In Wahrheit ist die Veranlagung unserer Schüler durchaus verschieden, alle Nuancen vom Formalen zum Geistigen sind vertreten. Daß geistige Regsamkeit, daß lebhafte Phantasie den kindlich-naiven zeichnerischen Arbeiten ein besonderes Gepräge geben, ist nicht zu bestreiten; aber schon in den mittleren Klassen, da bei einsetzender Selbstkritik die Naivität schwindet, erlahmt und verarmt gar leicht die gestaltende Kraft, wenn hier nicht eine strengere Schulung zur Beobachtung und Wiedergabe der

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