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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-09-01 · 12 (9.1936) · p. Seite 444

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
12 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 444 (sequence 6)
Language
German
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Seite 444 als nötig erkannte und nicht erst von Augenblicksopportunitäten erzwungene Berufs- und Arbeitsumscbiehtung zu einer nicht zu rechtfertigenden Umwertung, ja sogar zu einer Entwertung mancher Berufe wird; und zwar deshalb, weil wir in der Hast und in der Verzweiflung nicht auf den Stellenwert jedes einzelnen Berufs innerhalb des Ganzen, innerhalb der Gemeinschaft hinblicken. Unserer Gemeinschaft aber darf kein Berufs fehlen, und keine Arbeit darf ungetan bleiben — das sollten wir eingesehen haben. Von unserer Gemeinschaft her — und nur von ihr her — wird jede Arbeit zu unserer Arbeit, jedier erteilte Auftrag zu meinem Beruf. Und in meinem Beruf innerhalb unserer Gemeinschaft, in diesem doppelten Zueigensein aller Arbeit, liegt das Heil beschlossen. Im Wissen um den' Auftrag, der von Gott her durch die Gemeinschaft und um ihrer willen an jeden Einzelnen ergeht, liegt die Unterscheidung zwischen einem mögliehen Götzendienst der Arbeit und dem heiligen Dienst des Berufs. In einem ewigkeitsgewaltigen Bogen spannt die Schrift den Sinn der Arbeit vom Urwort der Schöpfung und von dem Strafwort, das die Arbeit „im Schweisse deines Antlitzes" einsetzt, bis zu ihrer Erlösung im Sabbathgebot. Aus der Mühe, aus der Quälerei, die eine Strafe ist, wird zuerst das menschliche „Ein Tagsechst diene und mache all Deine Arbeit". Das Wort stellt den Menschen vor Gott, den Schöpfer des Sechstagewerkes der Welt. Und dann stellt der geheiligte siebente Tag den Menschen mit der Fülle seiner in Treue getanen Arbeit in das vollendete Werk der Schöpfung, zu Gott, der den Sabbath segnet und! damit zugleich alles Werk des Menschen — wenn es gar sehr gut gewesen ist, wie es sein soll. Das ist uns gesagt. Wir Juden wissen um die Tiefe des nur scheinbar banalen Wortes vom „Segen der Arbeit". Wir sollen es immer wieder lernen, dieses Wort: gerade' jetzt wieder, da die Zeit uns hetzt. Denn wenn wir nicht die Heiligung in unserer Arbeit finden, dann werden wir zu Grunde gehen,- und wenn wir _ noch soviel — arbeiten. Die jüdische Landbevölkerung in HeÜen-NaCfau von Lily Hirsch Unaufhaltsam schreitet die Bevölkerungsbewegung innerhalb der Juden in Deutschland fort: überall ist ein Umschichtungs- und Schrumpfungsprozess im Gang wie nie zuvor. Zunächst schienen die leichter beweglichen Massen der Großstädte in Bewegung zu geraten. Langsam erst griff die Auflösung auf das Land über, aber, einmal mit dem Gedanken vertrauter, versuchten selbst diese Menschen, die mit ihrem Boden, ihrer Heimat fest verwurzelt waren, der Not und der Vereinsamung auszuweichen. Keine Provinz weist eine so starke Landbevölkerung auf wie Hessen-Nassau. Umso stärker ist sie in ihrem Bestand betroffen. Keine der jüdischen Mittel- und R!eingemeinden unserer T:i vinz umfasst heute noch 200 jüdische Gemeindemitglieder, während 1932 noch 3 Gemeinden an 400 herankamen. Bad Homburg ist von 400 Mitgliedern im Jahr 1932 auf 195 heruntergegangen, Schlüchtern von 375 auf 194, Hersfeld von 360 auf 181. Diese Zahlen nach dem Stand vom 1. April dieses Jahres dürften heute schon wieder überholt sein. Wie schnell die Veränderungen vor sich gehen, wie schnell Gemeinden völlig verschwinden können, mögen zwei Beispiele zeigen: Die Gemeinde Ulmbach bei Schlüchtern mit ursprünglich 32 Seelen zeigte im April 1936 noch 4 Gemeindemitglieder an und hat sich in diesen Tagen völlig aufgelöst. Gelnhausen, mit einem Bestand von 207 Seelen im Jahre 1932, ist 1934 auf 127 zusammengeschrumpft und meldete am 1. April 1936 noch 66 Mitglieder. Die Gesamtzahl der Gemeinden mit über 100 Seelen ist von 33 auf 14 zurückgegangen, dagegen haben sich die Zwerggemeinden (1 — 49 Seelen) von 64 im Jahre 1932 auf 90 im Jahre 1936 vennehrt, ein Schrumpfungsprozess, dessen Ende man vorausbestimmen könnte. Am meisten wird die Gesamtabnahme der Juden im Bezirk interessieren. Fast ein Drittel (32,2%) des Bestandes von 1932 ist aus den hessen-nassauischen Landgemeinden verschwunden, sei es durch Tod, durch Ab- oder Auswanderung. Das letzte Jahr hat dabei allein einen Anteil von 15% des Bestandes von 1935. Eine Tabelle möge zeigen, wie anders sich der Altersaufbau heute darstellt, verglichen mit dem früherer Jahre: Von 100 Juden waren im Jahre unter 15 15—60 in Preussen: 1843 36 57,56 1925 17,5 69,9 in unserem Bezirk: 1935 17,2 62,1 1936 16,5 60,7 üher 60 Jahre 6,44 12,6 20,7 22,8 Noch klarer wird das Bild, wenn wir eine Aufgliederung nach Alter und Geschlecht vornehmen. Den Kern bilden heute die 50-60jährigen, also die Geburtsjahrgänge 1876-86, die im Weltkrieg starke Opfer bringen mussten und nun wieder in der Mehrzahl die Jungen undi die Alten erhalten. Unter den 6500 Gezählten waren 1486 über 60 Jahre alt und nur 1386 unter 20 Jahren. Bis zu 30 Jahren ist ein Männerüberschuss vorhanden, der sich gegenwärtig daraus erklärt, dass die Mädchen leicht in der Stadt Arbeit finden. Dagegen ist bei den über Dreissigjährigen ein ganz beträchtlicher Frauenüberschuss (auf 100 Männer 119,4 Frauen), der weit über dem Normalen liegt und z. T. auch auf die Kriegsopfer zurückzuführen ist. Im Zählbezirk wurden im Jahr 1935-36 52 Kinder geboren (auf 1000 Juden kamen 8 Geburten, während-sonst im Deutschen Reich auf 1000 Menschen 18,9 Geburten treffen), verhältnismässig mehr als in der Großstadt Frankfurt. Aber in keiner einzigen Gemeinde wurden mehr als 3 Kinder geboren. Größere Gemeinden, wie z. B. Hersfeld und Schlüchtern, melden keine einzige Geburt. Dagegen überrascht uns eine so kleine Gemeinde wie Haiger mit nur 22 Seelen mit 3 Geburten. (Dem müsste in Frankfurt eine Zahl von 2000 entsprechen, während es 1935 nur 103 waren.) Vergreisung ist schon jetzt das Kennzeichen der Landfamilien und wird es immer stärker werden. 7 Orte haben überhaupt keine jungen Menschen unter 20 Jahren. In 35 Orten leben nur 1—5 solcher Jugendlicher. In der Gemeinde Lichenroth mit ursprünglich 42 Mitgliedern lebten am Stichtag noch 12 Juden, die jüngsten sind zwischen 50-60, 2 Männer und 4 Frauen sind zwischen 60-70, 2 Männer und eine Frau sind über 70 Jahre alt, ein Beispiel,-wie in wenigen Jahren viele jüdische Gemeinden aussehen werden. Der Altersfürsorge erwachsen hier die grössten Aufgaben, zumal die Gemeinden mit der stärksten Abwanderung gleichzeitig solche mit der größten Ueberalterung, mit der größten Hilfsbedürftigkeit sind. Die Uebersicht über die jüdische Winterhilfe 1935 zeigt, welche Ansprüche schon jetzt an die zuständigen Wohlfahrtsstellen gestellt werden. In manchen Gemeinden war jeder Einzelne unterstützungsbedürftig, in anderen wurde weit über die Hälfte der noch Anwesenden unterstützt. Die Durchschnittszahl von 30%> Unterstützten steht weit über dem Reichsdurchschnitt. Mitunter denkt man beim Ueberfliegen unserer Zahlenreihen, die wir hier nur angedeutet haben, an alte Geschichten, wo es am Schluss heisst: „Heute sind nur noch einige alte Leute da zurückgeblieben". Es ist traurig zu wissen, dass viele Gemeinden unseres jahrhundertelang von Juden besiedelten Bezirks in kurzer Zeit verödet sein werden, Gemeinden, von deren einstiger Bedeutung Synagogen, Friedhöfe, Urkunden und Familiennamen zeugen.

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