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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-09-01 · 12 (9.1936) · p. Seite 443

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
12 (9.1936)
Date
1936-09-01
Page
Seite 443 (sequence 5)
Language
German
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Seite 443 Kämpfers um Gott. Beide werden mit der Weltschöpfung in Verbindung gebracht, und der, der die Welt im Tischri erschaffen sein lässt, lässt auch sie im Tischri geboren sein als Zeichen dessen, dass er das Anderssein und das Kämpfen um Gott als eine auf die Welt und die Menschheit bezogene Angelegenheit betrachtet, als Zeichen dessen, dass er Israel in die Welt und Menschheit eingliedert und Israel so sein lässt, weil es so der Welt und der Menschheit dient. Der andere lässt die Welt im Nissan, dem Monat der Geschichte, geworden, sein, und der Wanderer und der Kämpfer werden ihm zur Erfüllung des inneren Sinns jüdischen-Seins in seiner Geschichte und seinem Volkstum, und die Welt erhält ihm ihren Sinn von der Besonderheit Israels und der Völker her, — darum läßt er die Väter mit der Welt im Nissan geboren sein. Wir empfinden hier wiederum keinen Gegensatz und für beide Motivierungen haben wir Verständnis und beide scheinen uns sich zu ergänzen. . „Rabbi Elieser sagte: im Nissan) wurde Israel einst erlöst und im Tischri wird es einst wieder erlöst werden, Rabbi Jehoschua sagte: im Nissan wird es einst wieder erlöst werden." Der eine bekennt sich zum Wandel in der Geschichte, dass auch bei gleichem Sinn das Geschehen sich wandelt, der andere bekennt sich zur ewigen Wiederholung. Der eine lässt die Erlösung der Zukunft die Erlösung der Welt sein, der andere hat den Blick auf Israel und seine Erlösung gerichtet. Uns schwindet auch hier der Gegensatz, wir können uns Israels Erlösung nur in der Erlösung der Welt von all ihren Nöten denken. Das Volksbewusstsein hat sich dafür entschieden, die Geburt der Welt mit Rosch haschana zu verknüpfen. Geht man dem Gedanken nach, so ist der wahre Beginn der Weltenschöpfung, — wenn man all das wörtlich nehmen und rechnerisch nachleben kann — auf den 25. Elul zu legen. So schildert es der Midrasch. „Rabbi Elieser sagte, am fünfundzwanzigsten Elul begann die Erschaffung, so ergibt sich, am sechsten Tage, dem ersten Tischri, ward der Mensch erschaffen." Wie war das? Darüber ergeht die Phantasie der Lehrer sich in mancherlei Bericht. Einer lautet: „zwölf Stunden hatte der Tag; in der ersten Stunde fasste Gott den Plan der Erschaffung, in der zweiten beriet er sich mit den Engeln des Dienstes, in der dritten sammelte er aus allen Richtungen der Welt den Staub, in der vierten knetete er ihn, in der fünften formte er ihn, in der sechsten vollendete er die körperliche Gestalt und stellte ihn aufrecht auf seine Füsse, in der siebenten fügte er die Seele in ihn, in der achten setzte er ihn in den Garten Eden, in der neunten gab er ihm das Gebot, in der zehnten übertrat der Mensch das Gebot, in der elften ward Gericht über ihn gehalten, in der zwölften wurde er aus Eden vertrieben und als Reuiger dann der Sünde losgesprochen vor dem Heiligen, gelobt sei er. Und er sprach zu ihm: ein Zeichen bist du für deine Kinder, wie du heut ins Gericht vor mich tratest und losgesprochen wurdest, so werden deine Kinder an diesem Tage vor mich ins Gericht' treten und losgesprochen werden." Die Stunden werden von den alten Lehrern, wenn sie über den Schöpfungstag ihre Gedanken spinnen, bald so bald anders eingeteilt und ausgefüllt; gleichgiltig; was aber ist der Sinn des Ganzen? Einmal, an dem Bilde dieses Tages soll gezeigt werden, wie rasch, gemessen an der Weltuhr, der Ablauf alles Menschlichen ist, wie rasch der Uebergang von der Sündenlosigkeit zur Sünde, wie kurze Zeit der Aufenthalt jedes Menschen in seinem Eden ist, wie rasch die Stunde seines Glückes dahinschwindet. Ueber diesen Pessimismus hinaus aber schwingt sich die Betrachtung zu der Erkenntnis auf, dass wie die Ursünde durch die Reue Adams in der Stunde darauf schon vor Gott getilgt war, so jedes Menschen Sünde durch seine tätige Reue sofort getilgt ist. Wie in den Ablauf des ersten Tages Planung, Erfüllung, Versuchung, Sünde, Lossprechung gefügt wird, so wird in den Ablauf des einen Rosch haschana-Tages das Leben eingespannt, und seine Krönung ist die Reue und Lossprechung. Das Ganze ist ein Hymnus auf die Macht der Teschuwa, die so zum Sinn und Ziel der Schöpfung erhoben wird. Leben in der Arbeit** von Dr. Eduard Strauss , Die neuere Heilkunde kennt den Begriff der „Arbeitstherapie" und versteht darunter die Möglichkeit, einen erkrankten Organismus durch systematisches Versetzen in Tätigkeit zu seiner normalen Funktion zurückzuführen; man veranlasst den Kranken, iindem man ihm etwas ganz Bestimmtes, nach Zeit und Raum Geregeltes und als Anstrengungsdosis Gegebenes tun lässt, von sich aus — das heisst: mit den von krankmachenden Hemmungen befreiten eigenen Kräften — sich dem Leben in der Gemeinschaft wieder einzugliedern und wieder das zu wirken, was er kann. Was er kann: das ist seine Arbeit, ist das, was ihm und nur ihm jetzt und hier aufgetragen ist und seinen eigenen Lebensinhalt ausmacht. Diese Heilmethode aber, die sich der Arbeit — genauer: irgendwelcher Tätigkeit — in bestimmter Absicht bedient, verhält sich zu jener eigenen, als wirklicher Auftrag gegebenen Arbeit, wie sich eine Medizin, ein Heilstoff, zum täglichen Brot unserer Nahrung verhält. Sie wirkt Heilung; in der eigenen Arbeit des Meöschen aber liegt sein Heil. Und das ist es, was wir einsehen müssen: dass unsere Arbeit uns nicht etwa nur betont „über etwas hinwegbringen" und von der Not dies Augenblicks befreien soll, sondern dass sie im allerhöchsten Sinne das Positive an uns ist: die Erfüllung unseres Auftrags im Leben, der Gehorsam gegen den Befehl des Schöpfers. Unsere Arbeit trägt den schlichtesten und zugleich tiefsten Sinn der menschlichen Ebenbildlichkeit, über den hinaus nach einem Sinm des Lebens zu fragen müssig ist. Denn kein Wort, kein Satz, keine Formel kündet uns den Sinn — nur die getane eigene Arbeit in ihrer Greifbarkeit. Dabei ist es gleichgültig — wenn auch gerade das von uns immer unrastig grübelnden Menschen nicht leicht eingesehen wird — ob einer einen Acker pflügt oder eine Strasse kehrt, ob einer Entdeckungen macht oder Bücher schreibt, Gemeinschaften leitet oder sein Geschäft betreibt. Wenn nur das alles als Auftrag eingesehen wird, dann wissen wir täglich, Aus dem „Almanach für das Jahr 5697", herausgegeben von Stephanie Forchheimer was unser Beruf ist, dessen „Wahl" im letzten doch viel weniger willkürlich oder vom „Zufall" bestimmt ist — Zufall gibt es überhaupt nicht — als wir oft oberflächlich genug wähnen. Berufswahl — mit diesem Wort stehen wir vor der schwersten Frage, die uns jüdischen Menschen heute gestellt ist; für uns handelt es sich dabei in dem Besonderen unserer Weltlage aber nicht mehr nur um die stets sich ereignende Wahl des jungen anhebenden Menschen, sondern um jenes neue Problem: die Neuwahl des Berufs — die Berufsumstellung des Einzelnen und die Berufsumschichtung der Gemeinschaft. Es kann hier nicht auf die Einzelheiten der Frage eingegangen werden; nur dies sei gesagt: in dem, was heute von uns aus klaren Einsichten in die Nöte und Notwendigkeiten des Augenblicks getan wird, liegt viel von der „Arbeitstherapie" — viel Mühen um Heilung eines als krank im soziologischen Sinne erkannten Zustandes, aber nicht oder noch nicht das, worauf es ankommt. Nämlich, dass wir eines Tages — eines wirklichen Tages in unserem Leben — über den Heilungszweck hinaus den Blick auf den Heils- Sinn aller Berufe und jeder Arbeit gewinnen müssen. Es mag scheinen, als sei es im Augenblick verfrüht, davon zu sprechen, was erst kommen soll, und es sei zunächst einmal der Forderung des Tages zu genügen. Keiner bestreitet das. Der Schüler eines Weisen wird gefragt: Was ist Deinem Meister im Leben das Wichtigste? und er gibt die Antwort: Das, was er gerade, tut. Gewiss. Aber vielleicht kann doch nicht früh genug darauf hingewiesen werden, wie menschlich-gefahrvoll es ist, wenn im notwendigen Umbruch unseres Daseins eben dieser Umbruch zum Selbstzweck wird und wenn das Heilmittel gegen die Krankheit bereits als die — einzige — Nahrung des künftig Gesundeten erscheint. Wir Juden neigen dazu, aus einem Extrem ins andere zu verfallen: vielleicht ist es die grösste, die innerlichste Gefahr dieser jüdischen Gegenwart, dass die ja längst

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