Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 12 (9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 442 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 442 Das .Schriftwort Der Tag der Weltenschöpfung von Max Dienemann "Wenn in dem Mussaf gebet des Neujahrstages der Sehof ar ertönt, so geleitet die Gemeinde den Hall mit den Worten „hajom harat olam" „heut ist der Tag, da die Welt ersehäffen ward". Als Geburtstag der Welt, richtiger als der Tag der Erschaffung des MensQhen gilt Rosch haschana. So heisst es auch im „Gebet der Erinnerungen", das im dritten Jahrhundert der Meister der Lehre in Babylon Rab geformt hat" „dies ist der Tag des Anfangs deiner Werke, Erinnerung an den ersten Weltentag". Es ist klar, dass hier keine geschichtliche Tradition lebendig ist, die Bibel selbst weiss nichts davon, hier spricht der tiefe Gedanke weiser Lehrer. Aber ist unter ihnen Einhelligkeit über diese Frage, die Frage: an welchem Tage, in welchem Monat ward die Welt erschaffen? Es gibt im Talmud eine Diskussion darüber, zwei Meinungen stehen sich gegenüber, aber wir werden von Anfang an wissen: hier ist nicht eine echte Kontroverse — wie kann man streiten über etwas, was niemand wissen kann — sondern ins Gewand einer solchen Bede und Gegenrede hüllen sich verschiedene Auffassungen über Sinn und Planung der Welt und der Menschen. Und wenn die Streitenden zur Stütze für ihre Ansicht Verse der Bibel als Beleg anführen, so ist das nicht eine wirklich gemeinte Auslegung des Bibelwortes, sondern, um im Stile solcher Deutung zu reden, asmachta „nur eine Anlehnung". „Rabbi Elieser sagte: im Tischri ist die Welt erschaffen worden, Rabbi Jehoschua sagte: im Nissan ist die Welt erschaffen worden." Was ist der Sinn der Absetzungen der Weltsehöpfung auf einen bestimmten Monat? Der Tischri ist im jüdischen Bewusstsein der Monat der Busse und Läuterung, der Versöhnung, und die Meinung, die Welt ist im Tischri erschaffen, heisst soviel als: der Sinn der Welt ist die Verwirklichung der Sittlichkeit durch den Menschen, die Wahrung und Wiederherstellung der Reinheit der Seele, die in der rechten Tat, in dem Bewusstsein der Gottesebenbildlichkeit geeinte Menschheit Dem Vertreter dieser Meinung stand im Vordergrund das Umfassende aller Menschen, das Menschliche in der Totalität aller Erscheinungsformen menschlichen Seins. Nissan ist im jüdischen Bewusstsein der Monat der Volkswerdung Israels, der Monat des ersten Gesehichtserlebnisses, der Geschichte. Und sagen, die Welt ist im Nissan geschaffen, heisst soviel wie: der Sinn der Welt, die Planung der Menschheit ist die Geschichte der Völker, ihr Erleben, das jedes Volk in seiner Form und in seiner Sonderart erfährt. Das Erleben der Welt und ihre Gestaltung, das Erfassen der Aufgabe und Sendung in ihrer Besonderheit, das ist der Sinn aller menschlichen Existenz, um dessentwillen ist die Welt geschaffen. Wir können nicht wissen, ob es Rabbi Elieser und Rabbi Jehoschua mit ihrer Auseinandersetzung ernst war, ob sie, worum sie stritten, als Gegensatz empfanden, oder ob sie nicht vielmehr jeder eine ihm besonders nahe Saite der Melodie Welt- Menschheit anschlügen. Wir jedenfalls bekennen uns zu dem Nebeneinander und der Notwendigkeit beider Saiten, und beide der Auseinandersetzung zu Grunde liegenden Gedanken erscheinen gleich wichtig. Wie begründen beide ihre Ansicht? „Rabbi Elieser sagt: es heisst (1. M. 1,11) „Spriessen lasse die Erde Gespross, Kraut, das Samen samt, Fruchtbaum", so lautet das Wort der Schöpfung. Welches ist der Monat, in dem der Baum in voller Frucht dasteht? Tischri, also ward die Welt im Tischri erschaffen. Rabbi Jehoschua sagt: es heisst (1. M. 1,12) „die Erde trieb Gespross, Kraut, das nach seiner Art Samen samt, Baum, der nach seiner Art Frucht trägt". Welches ist der Monat, in dem die Erde sich mit Gräsern bedeckt und die Bäume Frucht ansetzen? Nissan; in ihm also ward die Welt erschaffen." Der eine denkt sich die Schöpfung so, dass alles in der Stunde der Erschaffung in der letzten Vollendung dastand, der Baum mit seiner Frucht, der andere so. dass alles in der Kraft der Entfaltung, in der in ihm ruhenden Kraft dastand, der Baum in seiner Fähigkeit zu blühen. Wiederum ist zu sagen, ob es den Beiden mit der gegensätzlichen Bemerkung bis zum letzten ernst war, ist nicht festzustellen; aber hier stossen jedenfalls zwei Denkweisen zusammen, die eine geht dahin, als das Wichtige die Erfüllung, die Vollendung anzusehen, sie will die Frucht, und die Frucht erscheint ihr als Sinn der' Schöpfung, die andere geht dahin, als das Wichtige die Kraft der Entfaltung, den Keim, die innere Fähigkeit des Wirkens anzusehen, ihr erscheint als Sinn der Schöpfung die wirkende Kraft in ihrer ewigen Erneuerung. In anderen Worten: die eine hält sich an das Offenbare, die andere an das geheimnisvoll Verborgene, oder in Worten modern wissenschaftlicher Ausdrucksweise, die eine beachtet das Statische, die andere das Dynamische. Ist es eine echte Kontroverse? Wir werden uns für beides entscheiden, beides ist wichtig und notwendig, aus beiden erst erblüht eine volle Harmonie. Beide Partner des Gesprächs sind sich einig in der Ansetzung anderer Geschehnisse, "und da die Gelegenheit der Unterhaltung über die Stunde der Weltschöpfung gegeben .ist, wird sie benutzt, um diese Unterhaltung fortzuführen. Beide sagen: „an Rosch haschana wurden Sara, Rachel und Chana bedacht, an Rosch haschana wurde Josef aus dem Gefängnis befreit, an Rosch haschana hörte die Fron unserer Väter in Aegypten auf". Bemerkenswert an diesen Worten ist zunächst die Naivität, mit der in Selbstverständlichkeit ein Rosch haschana angenommen wird in einer Zeit, in der es noch kein Israel und keine Offenbarung am Sinai gegeben hatte. Als so mit der Welt unablösbar verknüpft dachte man sich die Tora, dass man nicht glauben konnte, es habe eine Zeit gegeben, in der sie noch nicht wirksam war. Und als so zu Israel gehörig empfand man sie, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass die Urväter anders gelebt haben konnten als in der Denkweise der Tora und ihrer Festsetzungen. Was aber ist der innere Sinn jener zeitlichen Gleichsetzungen? „Am Neujahrstag wurden die Mütter bedacht und ihnen Kindersegen gewährt." Das heisst, die Jahre und ihr Lauf haben nur einen Sinn, wenn ihr Ablauf das Mass für die Aufeinanderfolge der Generationen ist. Die Welt hat ihren Sinn nur durch die Erneuerung der Menschheit in der Kette der Geschlechter, und alle Erneuerung, für die Rosch haschana das Symbol ist, muss sich kund tun in dem Neuwerden der Geschlechter. „Am Neujahrstage wurde Josef aus der Gefangenschaft befreit." Warum am Neujahrstage? Er verdankte seine ,Freiheit der klugen Sorge für kommende Jahre, dass er seine Umgebung lehrte, nicht nur für den Tag und in den Tag hinein zu leben, sondern dass er in der Fülle an die Jahre der Sorge dachte. Ein Rosch haschana ist auch für uns erst dann in der Tiefe gegründet, wenn wir in uns den Willen entzündet haben, für die Zukunft und ihre Möglichkeiten nach unserer Kraft zu sorgen, das Fest erhält von hier einen Sinn. Und was heißt das, „daß am Neujahrstage die Fron der Väter in Aegypten aufhörte"? Die Alten sagen, dass sechs Monate vor dem Auszuge schon die Last des Frondienstes von ihren Schultern genommen wurde. Sie wollen damit sagen, Israel ging nicht aus Aegypten mitten aus dem Druck, wie ein Sklave, der entläuft, dem die Fron keine Wahl gestattet, der keinen anderen Gedanken hat, als den, zu entfliehen, es hatte die Möglichkeit, zu wählen und sich zu entscheiden in Freiheit und Ruhe der Seele. Und es ist Neujahrsstimmung, sich in Freiheit zu einem Leben zu entscheiden, das hinführt zum Sinai und zum Judentum. Aber über zwei andere Dinge sind die beiden Rabbis wieder im Streit. „Rabbi Elieser sagte, im Tischri wurden Abraham und Jaakow geboren? Rabbi Jehoschua sagte,, im Nissan wurde Abraham und Jaakow geboren". Was ist der Sinn? Abraham ist der erste, der in Israels Geschichte wandern mußte, weil er mit dem Denken seiner Umgebung sich nicht befreunden konnte, weil er anders sein wollte, Jaakow wurde der Träger des Namens Israel, des.