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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-08-01 · 11 (8.1936) · p. Seite 435

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
11 (8.1936)
Date
1936-08-01
Page
Seite 435 (sequence 33)
Language
German
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Seite 435 Stunden nach Alt-Heddernheim, dem Kern des Stadtteils und früheren Ortes. Heddernheim Der Name schon deutet auf hohes Alter: er erinnert an Hadrian, den römischen Kaiser zur Zeit Bar Kochbas. Dicht bei Heddernheim, noch auf ehemals nassauischem Gebiete — die Nidda ist die Grenze — fanden sich denn auch Reste einer römischen Stadt (novus vicus?) und einer Kömerstrasse. Dort gefundene Altertümer sind im Historischen Museum in Frankfurt, ein Mithrasaltar in Wiesbaden. Heddernheim gehörte gleich Höchst Jahrhunderte lang zu Kurmainz, von diesem der Domprobstei als Pfründe verliehen. Aufstieg erst nach 1803, seit der Einverleibung, in das Herzogtum Nassau. Vor seiner Vereinigung mit Frankfurt 1910 hat Heddernheim etwa 5200 Einwohner. — Juden müssen in Heddernheim schon wegen seiner Nähe zu Frankfurt schon früh gewohnt haben; man vermutet sie nach gewissen Funden schon zur Römerzeit. In der. ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bestellt durch ein Jahrhundert eine hebräische Druckerei von Chajira ben David Schwarz, aus welcher „unterschiedliche auserlesene Bücher" hervorgingen. Der Wohlstand der Gemeinde sinkt augenscheinlich infolge des 30jährigen Krieges und der späteren französischen Angriffskriege, denn um 1700 wohnen zu „Hedernum", einem geringen Dorf, eine grosse Menge Juden, „arme Tropfen", welche „vormals in besserem Zustand" als jetzo „daselbst mögen gewohnt haben". In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderls ist R. Mendel Lilg, ein bedeutender Gelehrter, der in Frankfurt wohnt und im dortigen Beth Hamidrasch lehrt, bis zu seinem Tode 1790, Rabbiner von Heddernheim. — Die Gemeinde geniesst trotz ihres geringen Wohlstands infolge der Redlichkeit und Untadeligkeit ihrer Mitglieder ausgezeichnete Achtung. So sagt ein Heddernheimer Amtsbericht von 1804: „Zum Lob der hiesigen sehr starken Judengemeinde muss ich dieser bezeugen, daß sich dieselben keine unerlaubten wucherlichen Handlungen weder dahier noch im Auslande erlaube". Klagen zwischen christlichen und jüdischen Untertanen ' kämen selten vor. Die Heddernheimer Juden liehen kein Geld aus, trieben keinen Viehhandel, sondern seien „in Frankfurt oder im Ausland(!) als Krämer von Ellenwaren" tätig. Damals ist Heddernheim mit 70 bis 80 Familien die grösste Judengemeinde des jungen Herzogtums Nassau. Noch 1840 bei 1471 Einwohnern 354 Juden! Dann schneller Rückgang. 1900 ca. 75, 1910 ca. 60, 1923 nur noch 52 Seelen; dann wieder schnelles Wachstum, da auf Heddernheimer Gebiet sich Frankfurt-Römerstadt ausbreitet. Obwohl das ganze Gebiet formell immer noch zum Synagogen-Bezirk Wiesbaden gehört, geschieht natürlich die religiöse und neuerdings natürlich auch kulturelle Betreuung durch die Israelitische Gemeinde Frankfurt. Der Führer und gute Geist der Heddernheimer Juden und Hüter ihrer Tradition ist noch wie seit langen Jahren der Heddernheimer Arzt Dr Max Kirschner. Synagoge Alt-Heddernheim Nr. 33 hinter dem Gemeindehaus, das in der Strassenfront steht. Die Synagoge steht seit etwa 1760 (anstelle einer viel älteren, wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert), an anderem Platze. Bei der Renovation des Synagegen-Innern vor kaum 1 Jahrzehnt zeigte sich an der Ostwand, zum Teil auf die Nord- und Südwand sich erstreckend, das idealisierte Bild Jerusalems, auf Kalk gemalt; leider nicht mit renoviert, sondern mit einer Schutzschicht übermalt. Liegt hier nicht vielleicht eine Aufgabe — trotz der Zeiten Not? In der Synagoge schöne alte Vorhänge, Th o rasch muck, Thoraro 1- 1 e n, alles aus der Zeit des Synagogenbaues oder noch älter. Besonders schön ein Samtvorhang mit einem gekrönten Doppeladler (nicht wie sonst Löwen), der die Gesetzestafeln hält, und der Inschrift waessa etchem al kanfe n'scharim waawi etchem elaj. „Ich trug euch auf Flügeln von Adlern-und' brachte euch zu mir" (2. B. M. K. 19,4). Zugleich auch Anspielung auf den Schutz des österreichischen deutschen Kaisertums, dessen Wappen der Doppeladler war. — Die Häuser um die Synagoge und den Park herum, der Standort der abgebrannten katholischen Kirche, bilden einst das Judenwohnviertel (Gesetzliches Ghetto gab's hier niemals.) Der Garten der Rohproduktenhandlung Nohstadt war einst der alte jüdische Friedhof. Er wurde 1804 geschlossen und 1814 trotz aller Einsprüche enteignet. Gebeine und Grabsteine werden auf den neuen Friedhof am Praunheimer Weg, Gebiet der Römerstadt, der nun auch bald 100 Jahre zählt, überführt und mit entsprechend beschrifteten Gedenksteinen versehen. — Privatmuseum des HerrnDr. Ludwig Goldberg, Dillgasse5, von dem nicht nur die jüdische Abteilung bemerkenswert ist. — Eine jüdisch-deutsche Uebersetzung der Dienstanweisung der Domprobstei für den Vorbeter und ein M e m o rb u c h, um 1770 angelegt, sind noch im Besitz der Gemeinde. Vom Bahnhof Eschersheim in V* Stunde Bahnfahrt nach Vilbel-Nord Vilbel. Uraltes Dorf in Oberhessen, an der Nidda, ca. 6000 Einwohner, schon 774 erwähnt, diente 1255 bis 1816 „zween Herren", denen von Nassau und denen von Falkenstein. 1664 erhielt es Stadtrechte, wurde aber, als es 1816 an Hessen-Darmstadt fiel, wieder Dorf. — Auf der Burg, deren Reste noch vorhanden sind, sassen die Herren von Vilbel, deren einer, Bechtram von Vilbel, 1390 den Frankfurter Juden Fehde ansagte, weil er ihnen Geld schuldete. Erst durch einen Vertrag der Stadt Frankfurt mit den Vertretern des gesamten umwohnenden Adel8 wird 1391 die Fehde geschlichtet. Ob in Vilbel selbst damals Juden gewohnt haben, ist unbekannt. Um 1700 sind sie ziemlich sicher dort, da aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts schon Kassenbücher der Gemeinde vorliegen. Heute finden sich in Vilbel kaum 20 jüdische Familien bei augenscheinlichem Rückgang. Synagoge Frankfurterstrasse 95, hinter den Häusern an der Strassenfront versteckt. Ziemlich stattlicher Fachwerkbau, daneben das Mikwoh-Häuschen. Friedhof nordöstlich der Stadt auf dem Weg nach Gronau. Vilbel besitzt vor allem im Zuge der Hermann Göring- und de:- Adolf Hitler-Strasse eine Anzahl von kohlensäurehaltigen Heilquellen, deren eine schon seit 1569 benutzt wird. — Weiter wandernd treten wir in die Wetterau ein. Sie heisst nach der Wetter, einem rechten Nebenflussl der Nidda, der vom Vogelsberg kommt und bei Assenheim mündet. Sie umfaßt die flachhügelige Landschaft zwischen Vogelsberg, Lahn, Taunus, Main und Kinzig. Der alte Gau Wettereiba hatte bis 1174 Gaugrafen und zerfiel seit dem 13. Jahrhundert in viele Herrschaften, die sich im Deutschen Reichstag seit 1500 im Wetterauischen Grafenkollegium zusammenfanden, und die wetterauischen Reichsstädte Frankfurt, Friedberg, Wetzlar und Gelnhausen, von denen allerdings die beiden ersten nur am Rande des Gebietes lagen und ursprünglich nicht dazu gehörten. Immerhin wirken sie schon früh in wichtigen Angelegenheiten zusammen; so 1265, als sie mit dem Erzbischof von Mainz und den Grafen im und am Rande der Wetterau den berühmten „Landfrieden" schliessen, durch den u. a. auch die Juden der Wetterau einigermassen geschützt werden. — Unsere Wanderung durch die Wetterau ist wohl nicht ganz so vergnüglich wie die durch den Taunus: Sie führt wenig durch Wälder und über beträchtliche Höhen. Aber wir wandern durch eine Landschaft, die von Fülle und Vielfalt fruchtbarster Felder strotzt, deren Geschichte so bedeutsam wie mannigfaltig ist, und deren Judenschaft sie einst so dicht bevölkerte wie kaum eine andere Landschaft zu gleicher Zeit. Zur Zeit der Kreuzzüge scheinen die Juden zuerst in bemerkenswerter Zahl in der Wetterau Schutz gesucht und gefunden zu haben. Im 13. Jahrhundert bilden sie Gemeinden. Diese werden, durch den falschen Propheten und Messias Abraham ben Samuel Abulafia begeistert, 1286 von einem Auswanderungsfieber erfasst, das vielfach unheilvoll endet (auch Rabbi Meir Rothenburg wird ja sein Opfer!). 1337 die „Judenschläger" Armleder. 1349 Verfolgung wegen des Schwarzen Todes. Dennoch kann schon 1351 Kaiser Karl IV. den Herren von Haynow (Hanau) mit den Juden in den „Städten Friedeberg, Haynow, Babinhusin, Wunekken, Steyna, Assinheim, Müntzenberg und 30 Nyde" beleihen. Bis in unsere Tage gehörte die Wetterau zu den am dichtesten

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