Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 11 (8.1936)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 434 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094426-3094437--5342-3100154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. ii____ August <93fe Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, su richten. Von Frankfurt durch die Wetterau und das Lahntal von S. Lilienthal, Wiesbaden Mit der Strassenbahn vom Hauptbahnhof zur Ecke der Strasse Alt-Rödelheim. Man ist im Herzen des Frankfurter Stadtteils Rödelheim. der jahrhundertelang Hauptort der Standesherrschaft Solmsllödelheim war. — Schon 1290 erhält die Burg R. von Rudolf v. Habsburg das Privileg, 6 Juden aufzunehmen, deren Steuern zum Ausbau und zur Erhaltung der Burg bestimmt sind. 1291 schon erwirbt sie Werner von Münzenberg. Von den Verfolgungen, wenn auch nicht von allen Bedrückungen jener Zeit bleiben sie ziemlich verschont. Aber desto mehr setzt ihnen der fanatische Bekehrungseifer des 17. Jahrhunderts zu. 1680 wird ilinen innerhalb der Gebäude des herrschaftlichen Viehhofes eine Schule, d. i. natürlich ein Betraum, zur Verfügung gestellt, aber schon 1700 wieder in einen ,.Kühstall" verwandelt, „da an den Wänden hebräische Schrift zu finden". Die Rödelheimer Juden leben völlig getrennt von der übrigen Bevölkerung, die ihnen auch keinerlei Handreichung am Sabbath gewähren darf. 1681 wird z. B. ein Schweinehirt „ohne Sang und Klang" begraben, weil er und die Seinen mit Juden verkehrt und ihnen durch solche Handreichungen geholfen haben. 1711 bekommt die Judengasse, die kein zwangsmä?- siges Ghetto darstellt, Zuwachs durch Frankfurter Juden, die infolge des grossen Brandes fliehen und z. T. in Rödelheim bleiben. 1730 darf denn auch die Judengasse eine Synagoge bekommen, die 1837/38 durch eine neue auf dem gleichen Platze ersetzt wird. In der Zwischenzeit starkes Wachstum der Gemeinde und ihres Ansehens; wie es scheint, auch freiwillige Unterstellung unter das Rabbinat Frankfurt. 1783 bittet „Hoehgräfl. Solmischer Amtsverweser" Weber den „Hochgelehrten, insonders hochzuverehrenden Herrn Ober Rabbiner Pinchas Löwi Horvitz.in Frankfurt" um Unterstützung eines mit Moses Mendelssohn befreundeten erkrankten evangelischen Geistlichen und verspricht: ,,... Und da ich in meinem mir gnädigst anvertrauten Amte zwei zahlreiche' Judengemeinden, nämlich zu Rödelheim und Niederursel, habe, so wird es mir jederzeit zum wahren Vergnügen gereichen, Hoehwürden Glaubensgenossen wieder Dienst erweisen zu können." Die Gemeinde wächst bis auf 426 Seelen unter 1457 insgesamt im Jahre 1812, zählt nach längerem Abstieg 1845 wieder 421 unter 2272. Gesellschaftlicher Mittelpunkt ist damals der Israelitische Männergesangverein Concordia, dessen öffentliche Konzerte auch nichtjüdischen Besuch aufwiesen und ehrenvoll besprochen wurden. Noch damals muß ein fremder Jude, um in Rödelheim Niederlassungsrecht zu erhalten, nachweisen, „daß er die Schule vorschriftsruüssig besucht und gute Fortschritte in Deutsch, Lesen, Sehreiben und Rechnen gemacht habe". Vor dem Krieg hat die Gemeinde 200, beute 78 Seelen. — Vorsteher Htinrich Hammel, Burgfriedenstrasse 5, um die Pflege der Gemeindeeinriehtungen vorbildlich bemüht. — Synagoge Inselgässchen, früher Judengasse 9; heller hoher Raum, 1838 eingeweiht; schöne Vorhänge, ein alter Thoramantel, altes Silber. Bemerkenswert schönes Tb o rasch ild. erneuert 1761 von den Vorstehern der Zedakah-Urne, Rabbiner Leib Bechhofen und Rabbi Lewi von Rödelheim. Sehr schönes Barock, wahrscheinlich aus Mitte oder Anfang des 17. Jahrhunderts; die sehr bemerkenswerten Kronen dazu, schlanke, frühbarocke Glockentürmchen, sicherlich noch älter. Gegenüber das Gemeindehaus, in dem sich 1812—1848 die jüdische Volksschule bis zu ihrer Verschmelzung mit der allgemeinen befand. — Der alte Friedhof, erst im 18. Jahrhundert nachweisbar, aber bestimmt viel früher, „am Seedamm neben dem Schindanger, wo vormals der Galgen gestanden" angelegt, erst 1848 der Gemeinde als Eigentum überlassen. Dort liegen die beiden bedeutendsten Männer der Gemeinde: der „Mendelssohn des Machsor", Wolf ben Scham&chon Heidenheim, und das viel zu wenig bekannte Finanzgenie Baruch Baschwitz. Heidenheim, 1732 in H. in Mittelfranken geboren, wohnte 1782/89 als Privatgelehrter in Frankfurt und begründete dann mit Baruch Baschwitz seine berühmt gewordene „orientalische und occidentalische Buchdruckerey", die später in den Besitz der Familie Lehrberger und vor einigen Jahren in den der bekannten Frankfurter Verlägs- und Buehhandelsfirma J. Kauffmann & Co. gelangt ist. Baruch Baschwitz, geb. 1768 in Frankfurt a. d. Oder, gelernter Buchdrukker, trat nach fünfzehnjähriger Arbeitsgemeinschaft mit Heidenheim diesem 1806 seinen Anteil ab und machte nacheinander für die meisten europäischen Staaten Pläne für die von i h m e rfundenen „L o 11 e r i e - A n 1 e i h e", Anleihen, deren Zinsfuß höchstens 5% betrug (statt der damals üblichen 8—10%), die aber durch Auslosung von Prämien dafür entschädigten; die, so erzählt der Chronist, „sowohl zur Bereicherung der öffentlichen Kassen und zur Ausdehnung des öffentlichen Kredits als auch zur Erhöhung des Privatwohlstandes so mächtig beitrugen". Fast alle grossen Finanzpläne jener Zeit für Kanäle und Eisenbahnen stammen von ihm. „Er erhält die gebührende Bezahlung nicht", und war mit der Ehre zufrieden. 1S33 empfängt sogar Zar Nikolaus I. den Juden, und bei seiner Beerdigung 1836 „nimmt die ganze Bevölkerung teil, fliessen um ihn die Tränen der Witwen, Waisen und Armen." — Zum alten Friedhof gelangt man durch die Westerbachstrasse, an dem 1859 angelegten, sehr gut gepflegten neuen Friedhof vorbei rechts einbiegend durch die Gaugrafenstrasse und in deren Fortsetzung auf dem schönen Pfad, der auf den gewaltig lagernden Feldberg hinzuführen seheint, bis zur Holzbrücke, kurz danach rechts um, auf die Hauptpforte zu. Schlüssel beim Gemeindevorsteher. — Das H e idenh eim-H aus, Rödelheimer Landstrasse 170-72, schönes und stattliches Haus der einstigen Druckerei und Wohnung Heiden- ,heims; Nr. 198, altes Patrizierhaus frühere Wohnung J. Lehrbergers, der seine Druckerei im Hofgebäude hatte. — In Rödelheim geboren ist 1808 eine Berühmtheit seiner Zeit, Leopold Hoffmann, der sein Studium durch wohlhabende Frank- - furter Juden finanzieren Hess, dann in Wien katholisch wurde und als Stegreifdichter das deutsche Großstadtpublikum verblüffte und hinriss. — Wir gehen vom Nordwestende der Strasse Alt-Rödelheim durch die Rat-Hoffmannstrasse, den Hausener Weg, über die Nidda ostwärts am Friedhof vorbei, nordwärts die Praunheimer Landstrasse, wieder über die Nidda, durch Alt-Praunheim, auf der Strasse „in der Römerstadt" zwischen dem Jüdischen Friedhof links und dem christlichen rechts hindurch in IV2