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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-08-01 · 11 (8.1936) · p. Seite 411

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
11 (8.1936)
Date
1936-08-01
Page
Seite 411 (sequence 9)
Language
German
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Seite 411 Zauberlehrling der Kunst sagte sich da an, dass die Eingesessenen und Abgestempelten der Zunft sich schier überbordet fanden... Im vorliegenden Briefband ist also Hermann Bahr nicht nur Kronzeuge frühester, des Chaos schon lediger Schöpfung, Erster Gedichte, Erster Prosa, die sogar bereits (1891!) eine dramatische Studie des Titels „Gestern" gezeitigt hatte, sondern auch ein Hauptadressat schriftlicher, auf völlig gleichem und selbständigem Fusse beruhender Mitteilung. Solche geistige Reife von bestimmter aufgeschlossener Haltung noch vor der „Matura" bleibt ein Phänomen, das sich indes in diesem jungen Menschen schadlos zugleich verkörperte und vollzog; ganz natürlich dünkt uns deshalb auch, dass sich daran für den so ungewöhnlichen Lebensschüler ein Mittelding aus Lehr- und Wanderjahren anreihte, schon 1893 mit epochalen Zeugnissen, -wie den Dramolets „Der Tod des Tizian" und „Der Tor und der Tod", im Gefolge... An diesen Gebilden voll brokatener Klangpracht mag heute die Stofflichkeit zerfasert, die Vorliebe für den Tod, dem jene „neuromantische" Kunstrichtung an sich zuneigte und im besonderen wohl noch Maeterlincks Vision Eingang schuf, jugendlich und überaltert anmuten, wie ja auch die Fabel- und Farbenwelt Böcklins (zu dessen Gedächtnis man Anfangs 1901 im Münchener Künstlerhaus „Tizians Tod" aufführte) für unseren Begriff ausgelebt hat, ohne den Anspruch, unter frischem Firnis aufzublühen, — mögen hier die Künste der Poesie, der Malerei und Musik sich allzu willig verschwistern, geträumtes Bild und erlesene Bildung sich unmerklich mischen, so ist trotzdem aus diesem nachgedunkelten Kunstgebilden die Blutsfarbe jugendlichen Ursprungs, eine süsse, in den Herbst versetzte frühlingshafte Schwermut noch nicht völlig entwichen. Auch von Gabriele d'Annunzios nachbarlich verwandter Dichtung strahlte damals magische Wirkung aus: welch früher Ruhm übersprühte den kaum 18jährigen Hofmannsthal, den die sonoren und edel gehämmerten Strophen der beiden Einakter bezeugten! Der aus dem Nachlass herausgegebene und sorglich zusammengestellte Band von Jugendbriefen bietet in zwangloser Folge fast ein Kalendarium persönlichen Werdegangs mit vielerlei Streiflichtern auf den näheren und ferneren Kulturstand bis zur Jahrhundertwende. Zwischen 1894 und 98 absolviert der verschwenderisch Begabte so verschiedenartige Dinge wie die erste juristische Staatsprüfung, das Einjährigfreiwilligenjahr als Kavallerist in der mährischen Garnison Göding und mehrere militärische Nachübungen in noch östlicheren Bezirken (die jüdische Bevölkerung dort bleibt ihm völlig fremd und entlegen), das Studium der romanischen Philologie zusamt dem Rigorosum und der Promovierung, während er in einem überaus nobel abgewogenen Schriftstück an den Unterrichtsminister von Härtel freiwillig darauf vrezichtet, der schon fertiggestellten Habilitationsschrift, einer „Studie über die Entwicklung des Dichters Victor Hugo", den Antrag zur Zulassung als Dozent an der Universität Wien folgen zu lassen. Denn was ihm an Freizeit verwunderlichermassen über all diesen Pflichten und Obliegenheiten (auch IllUsckhom .KA I S E R S T R ASS E 3 in Friedenszeiten heisst ja Mars gemeinhin die Musen schweigen!) noch verblieb, soll künftig der intregalen Poesie gehören, in deren Bereich ihm schon vor Ablauf der klassischen 23 Jahre beträchtliche, den dichterischen Alltag überragende Leistung, vielleicht sogar Anwartschaft auf eine Parzelle Unsterblichkeit gelangt. „Das kleine Welttheater", „Die Frau im Fenster", „Die Hochzeit der Sobeide", „Der Abenteuerer und die Sängerin" sind wie Probierstücke eines jeglichen Denk- und Lesebereich ungestüm umfassenden, aber auch schon selbstsicher aussondernden Temperaments, dessen künstlerisches Primat dem formvollen lyrischen Laut gelten, in einem sehr hohen Sinn aufs Wort gesl eilt sein wird. Denn ich zweifle, ob Hofmannsthal, dem unvergeßliche Verse den Platz neben Rilke und Stefan George anweisen, den Elementargeistern urtümlicher Dichtung zuzuzählen ist; keiner indes sass diesen Menschheitsqueilen, nenne man sie Homer oder Sophokles, Cervantes oder Calderon, Goethe oder Jean Paul, näher. So reinen geistigen Durstes, so ergriffenen Sinnes für Trunk und makelloses Spiegelbild fand sich vielleicht niemand mehr, mag man ihn nun den schöpferischen Naturen oder den Nachschöpfern einreihen. Eine panphilologische Anlage kam hinzu und feinstes Stilgefühl, sodass kaum ein anderer vor- und nachher ebenso kundig von den ewigen Quellen zu künden wusste: in zeitgemässer Umformung unverjährter Dramenstoffe, als Uebersetzer. mit der Beredsamkeit essayistischer Ausdeutung (die im nachgelassenen Sammelband „Die Berührung der Sphären" ihren Scheitelpunkt erreicht), kurz, in fast jeder Spielart vom Geiste befruchteter Mittlerschaft. Die Kreuzung, aus der Hofmannsthals Wesen und Werk hervorgingen, setzt sich zu fast gleichen Teilen aus niederösterreichisch-bäurischem, italienischem und urbanem jüdischen Einschlag zusammen. So vielfältiges Erbe könnte auch Zwiespalt bewirken: liier sammelt es sich zu glückhafter Eintracht. Der Vater ent stammte dem jungen städtischen Bürgeradel, der im letzten Jahrhundert häufig Industriellen und Bankherren verliehen wurde; über dessen Vater verlautet nichts in den Briefen. Doch die Grcssmutter wälschen Geblüts, die „nonna" Pedronilla von Hofmannsthal, geborene de Rho, in Ischl wohnhaft, empfängt kurz vor ihrem Tod aus ihrem Heimatort Pusiano (zwischen Bergamo und Como) eine Karte des Enkels in untadeligem Italienisch, mit „Ugo II." unterzeichnet... Die Grosseltern von Mutterseite, Fohleutner, „Grossmama Pepi" (Josephine) und „Grosspapa Laurenz" scheinen zuweilen die Laune des gerade in Garnison weilenden Enkelsohns anzukränkeln, wie er einmal dem Vater anvertraut: „. .nur habe ich ein merkwürdiges Erbteil von der Mama, eine Spur von der erschreckten und unfreien Art des Grosspapa Laurenz: nämlich manchmal gewinnen äussere widrige Umstände eine unbegrenzte Macht über mich, gegen die ich hilflos bin wie gegen einen Alpdruck. Gewöhnlich balanciere ich so eine Anfechtung mit freien und besseren Gedanken." Und zumeist klingen die mitgeteilten Briefe an die Eltern, fast hundert an Zahl, unter denen aber die speziell dem Vater zugedachten JUWELEN GOLD SILBER TRAURINGE BESTECKE edltSilberund 100qr Versilberung Armband-Uhren | Uhren-Reparaturen zuverlässig u. preiswert! Anu. Verkauf aus Privatbesitz, stets Gelegenheiten, in Juwelen OSEN KAISERSTRASSE 5 NÄCHST ROSSMARKT FRANKFURT AM MAIN. §

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