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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-08-01 · 11 (8.1936) · p. Seite 409

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
11 (8.1936)
Date
1936-08-01
Page
Seite 409 (sequence 7)
Language
German
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Seite 40$ Zeichen, das Kamez, fürzwei verschiedene Mundstellungen, bezw. Laute benutzt. Für diese trotz der Korrektheit der Massoreten bestehende Unstimmigkeit zwischen Aussprache und Zeichengebüng muß es eine Erklärung geben, und diese Erklärung ergibt sich aus den ausserordentlich interessanten Untersuchungen, die Paul Kahle über die Massora angestellt und in drei verschiedenen "Werken niedergelegt hat.2*. Es gab nämlich mehr als eine Schule der Massoreten. Die Hauptschule, die im 12. Jahrhundert unter Einfluss des Maimonides den Sieg davontrug, befand sich in Palästina. Ihre Punktation — die für uns heute übliche — nennt man die tiberiensisehe Vokalisation. Daneben gab es aber die Massoreten des Ostens, eine massoretische Schule, die in Babylonien ihren Sitz hatte und völlig andere Zeichen einführte3*. Durch eine Fülle von Handschriften4* in dieser Vokalisation wurde nun das Material zutage gefördert, das uns die verschiedenen Aussprachen des Kamez erklärt und hierbei gleichzeitig die Frage nach der ursprünglichen Aussprache des Hebräischen ihrer Lösung einen Schritt entgegenbringt. Die Babylonier setzten das o - Zeichen für Kamez katan, d. h. das gleiche Zeichen, das sonst dem tib. Cholem (" ) dem sephardischen o, z. B. in =Ohr entspricht, schrieben also vergleichsweise >2T& statt sjJ{£ mein Ohr. Für Kamez gadol (sephardisch a) nahmen sie ein ganz anderes Zeichen, sodaß das tib. Kamez ( * ) in der babylonischen Punktation in zwei verschiedenen Weisen dargestellt wird, und zwar je nachdem es im Sephardischen a oder o ist5*. Für einen Text mit babylonischer Vokalisation besteht die Schwierigkeit, zwischen Kamez - katan und Kamez gadol zu unterscheiden, also nicht, die für uns besteht, wenn wir tib. vokalisierte Texte seph. lesen. Die babylonische Punktation ist der seph. Aussprache in diesem Punkte adäquat. Bekanntlich haben die babylonischen Gelehrten im 11. Jahrhundert nach dem Verfall der Lehrhäuser in Sura, Pumbaditha und Nehardea die spanischen Juden auf das stärkste beeinflusst (Graetz, Band V., Kap. 11), und es ist verständlich, daß die in Babel üblich gewesene Ausprache nach Spanien gekommen ist. Von Spanien aus setzte diese Aussprache sich siegreich durch, während die babylonische Punktation vergessen wurde. Die Unstimmigkeit mit dem Kamez katan erklärt sich also daher, dass die siegreiche tiberiensisehe Punktation der siegreichen sephardischen Aussprache ihrer Natur nach nicht entspricht. Daraus ergibt sieh die Frage, welche Aussprache die tiberiensisehe Punktation wiedergibt. Sie entstand in Palästina, nachdem dort das jüdische Leben wieder einen Aufschwung nehmen konnte. Der Kalif Omar eroberte Jerusalem 638, und von da ab begann das neue jüdische Geistesleben in Palästina, nachdem Mischna, Tosefta und jer. Talmud (spätestens 425, Erlöschen des pal. Patriarchats) der Abschluss der vorherigen Blüte gewesen waren. Da im 8. bis 10. Jahrhundert der Verfall der babylonischen Geistesstätten begann, ist es leicht zu erklären, dass nicht Babylonien, die Hochburg der Talmudforschung, sondern Palästina die siegreiche Richtung der Massora beherbergte; die Schule, die 2*) Der Masorethische Text des alten Testaments nach der Überlieferung der babylonischen Juden, Leipzig 1902; Masoreten des Ostens, Leipzig 1913; Lehre von den Schriftzeichnen in: Bauer- Leander, Historische Grammatik der hebräischen Sprache des Alten Testamentes, Halle/Saale 1922, § 6 bis 9. 3*) Diese Zeichen liegen oberhalb der. Konsonantenreihe. Dass es ausser diesen beiden noch eine dritte Schule gab, ist eine interessante, aber nicht hierher gehörige Tatsache. 4*) Es handelt sich um Bibel-, sowie Targumstellen und Piutim. Teilweise sind diese, meist in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entdeckten Handschriften fotografisch veröffentlicht, z. B. in Stade, Geschichte des Volkes Israel, Band 1, sowie in den beiden ersten genannten Schriften von Kahle. 5*) Die babylonische Punktation besitzt nur .7 'Zeichen und Schwa. Alle Chataps fehlen. LEINE N- und WÄSCHE-ETAGE DAC O B STE RN Das Spezialhaus für elegante Ausstattungen mr Sommer-Schluss-Verkauf -mm Steinweg 5, I. Stock Tel. 23296 die Punktation besser durcharbeitete als die verfallenden Akademien im Osten. Wenn nun die Tiberienser das Kamez für daa seph. a und o einführten 8*, so ist es bei ihrer Korrektheit ausserordentlich unwahrscheinlich, dass sie sephardisch gesprochen haben, sondern man darf annehmen, dass ihre Aussprache ähnlich dem Aschkenasischen war7*. IV. Weitere Argumente Die erstaunlichste Tatsache ist, dass ein syrisches Zeichen, das Zekafa, im Osten, in Babylonien, wie a, im Westen, in Nordsyrien, wie o ausgesprochen worden ist. Wenn wir nunmehr als wahrscheinlich annehmen können, daß die palästinensischen Juden zur Zeit der Massora das Kamez wie o gesprochen haben, so werden wir für diese und die weitergehende Annahme, dass sie überhaupt ähnlich dem Aschkenasischen gesprochen haben, noch eine Reihe von Argumenten bringen können. In dem bereits erwähnten Artikel von Jakobovits wird mitgeteilt dass der bekannte Gelehrte Seh. J. Rappoport (1790—1867) eine Stelle des babylonischen Talmuds dahin deutet, dass in Palästina die aschkenasische Aussprache bereits zur Zeit der Abfassung des Talmuds (also etwa 500 nach unserer Zeitrechnung) geherrscht habe. Ferner sei im jerusalemischen Talmud diese Aussprache angewandt worden. Dagegen bezeugt allerdings der Kirchenvater Hieronymus (starb 420 in Bethlehem) die sephardische Aussprache. Wenn beide Quellen richtig sind, so müsste im 5. Jahrhundert in Palästina eine Lautverschiebung von der sephardischen zur aschkenasischen Aussprache erfolgt sein. Das erklärt auch die von A. Z. Idelsohn mitgeteilte Tatsache, daß neben den in Deutschland, Polen, Litauen und Russland ansässigen Juden auch die Juden Persiens, Daghestans (Kaukasus) und des Jemen „aschkenasisch" sprechen, ü. h. diese damals und in der Folge von Palästina aus beeinflussten Judeu betonen — wie die Juden Deutschlands — die vorletzte Silbe, lesen das Cholem wie au, äu oder ej, das Kamez wie o, das Thaw ohne Dagesch ss oder wie das englische th in „three". Idelsohn stellt in seiner Arbeit8* fest, daß es im ganzen mindestens neun Aussprachen des Hebräischen gibt: die aschkenasische, persische, daghestanische und jemenitische auf der einen; die sephardische, portugiesische (Holland), marokkanische, babylonische und samaritanische auf der anderen Seite. Trotz mehrfacher Verschiedenheiten z. B. in der Aussprache der Kehllaute und des Daleth und Gimel ohne Dagesch, die sich mit den Verschiedenheiten der Landessprache erklären lassen, stimmen beide Gruppen unter sich sehr weitgehend überein. In bezug auf die Aussprache sind also vom 5. bis 12. Jahrhundert zwei Strahlen ausgegangen: Einer von Palästina nach dem Jemen, Kaukasus, Persien und Deutschland (der natürlich die abgesonderten Samaritaner nicht berührte), der andere von Babylonien aus nach Spanien, Portugal und Marokko und später von dort nach dem Orient und Holland und neuerdings nach Palästina. Wenn nun die jemenitischen, daghestanischen und persischen Juden fast ebenso sprechen wie die mittel- und osteuropäischen, so kann nicht 6*) Man darf wohl annehmen — wie sich bereits aus dem Namen Kamez ergibt —, dass die Babylonier kein klares absondern etwa wie da3 englische a in „to fall" gesprochen haben. 7*) Vgl. Kahle, Lehre von den Schriftzeichen,. S. 99—102. 8*) Diei gegenwärtige Aussprache des Hebräischen bei Juden und Samaritanern, Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Band 57, Jahrgang 1913.

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