Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 396 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 396 herrschte Eberbach zeitweise seinen ganzen Umkreis, „besaß" auch Juden, machte auch mit fremden Juden Geschäfte. Um 1250 besitzt es sogar einen Hof in der Judengasse zu Boppard a. Rh. 1299 läßt es sich von König Albrecht die Zinsen aller von Juden (zu Geschäftszwecken) entliehenen Kapitalien erlassen, worauf alle jüdischen Gläubiger ihm die Gelder kündigen. Das hat aber, soweit man weiß, zu keinen Härten gegen die von der Abtei abhängigen Juden geführt. — 1803 wurde die Abtei säkularisiert und diente viele Jahrzehnte als — Strafanstalt! Heute ist Kloster Eberbach, größtenteils wiederhergestellt, Preußische Weindomäne, und man kann dort für billiges Geld einen guten Trunk tun. Nun in zwei Stunden (schwarzer Strich) zum Aussichtsturm auf der H a 11 g a r t e r Z a n g e 580 m mit sehr schöner Aussicht und starker Luft. Von hier die Hölzerne Handstraße (gelber Strich) am Grauen Stein vorbei in 1% Std. nach Stephanshausen (330 m) und in weiteren 2 Std. über Forsthaus Weißenturm (roter Strich) nach dem uralten Dorf Preßberg (gelber Strich). Von Preßberg das Preßberger Tal 3A Std. abwärts (gelber Strich) bis zur Mündung in das berühmte romantische Tal der Wisper bei der Essigfabrik. Diese ganze Strecke von der Zange ab gehört zu den schönsten deutschen Mittelgebirgswanderungen und ist nicht überlaufen 1 Wer aber starker geschichtlicher Wißbegier genug tun will, kann von der Hallgarter Zange abwärts wandern: über Hallgarten (von hier stammt die Familie des großen deutsch-amerikanischen Menschenfreundes, des Juden Charles Hallgarten, der jahrelang auch in Frankfurt lebte), in zwei Stunden nach Hattenheim, einst Sitz derer von Greifenklau, die als Erzbischöfe von Trier oft und lange genug die Geschicke der Juden in Deutschland mitbestimmten; oder nach Oestrich-WinkeL In allen Orten auch kleine Judengemeinden. — In Oestrich Betraum, Hallgartener Straße. 6, — und ein uralter Friedhof, 40 Minuten von Oestrich, in der Nähe von Hallgarten und der alten Römerstraße vom Rhein zum Taunus, auf freiem Feld, ohne Umzäunung; daher viele Grabsteine zerfallen, verschleppt usw. — In Winkel das graue Haus, ältester steinerner Pröfanbau Deutschlands; Sommersitz des Dichters und Philosophen Rhabanus Maurus, Bischofs von Mainz in der Karolinger Zeit, der auch eins der im Mittelalter üblichen Zahlenlieder verfaßt hat: „Eins, wer weiß? Eins, ich weiß!", wie wir sie aus der Haggadah kennen. — Von Winkel auf den; Rheinhöhenweg (rotes Kreuz) 40 M. nordwestwärts nach Schloß Vollrads, höchst malerisch gelegen, mit Turm aus dem 13. Jahrhundert; in weiteren 20 Minuten nach dem alten Schloß Johannisberg aus dem 12. Jahrhundert, majestätisch über dem Rheingau thronend, mit einer der besten Weinlagen Deutschlands. Nun in einer Stunde immer noch auf dem Rheinhöhenweg zur Wallfahrtsstätte Kloster Mariental. Jetzt nordwärts (roter Strich) in 50 Minuten nach Stephanshausen und, wie oben, über Preßberg auf einem Wege kräftigster und glanzvollster Kontraste zum Wispertal. Es ist, zuerst nach Süden und Südwesten, zuletzt nach Westen laufend, das bedeutendste Quertal des Taunus, in das eine große Reihe Täler von beiden Seiten her mündet. Dunkel und tief liegt es da, vom schäumenden Bache durchrauscht, von drohenden alten Burgen überwacht; auf den Höhen rechts und links aber künden schweigsam im hohen Taunus Hünengräber von ältester Zeit. Wir wandern obendrein talaufwärts. Da windet sich der Weg in Kurven hinauf, da verengert sich das Tal und wendet sich vielmal, als sollte all das zusammen des sorglosen Wanderers Herz ein kommendes Abenteuer lustvoll-erschauernd voraus spüren lassen. Aber — es kommt keins. Die Wisper überschreiten wir gleich bei der Essigfabrik (s. o.) und wandern auf gutem Wege (schwarzer Strich) am Daubenauer Brunnen vorüber, erblicken mehrmals hochoben die Burgruine Rheinberg, die weniger gut erhaltene Ruine Kammerburg, kommen an der Lauksmühle, der Lauksburg-Ruine vorbei in 3 Std. nach Geroldstein und der Schwarzenburg; von hier in 70 Min. zur Riesenmühle, wo der Fischbach und der Dornbach die „große Wisper" bilden. Die Wisperstraße führt jetzt das Dornbachtal aufwärts. Wenn nach kaum 1% Std. die Straße sich plötzlich wendet, behält man die östliche Richtung (roter Punkt) und ist in 1 Std. in Bad S c h w a 1 b a c h (s. o.). Wer von hier wieder nach Frankfurt zurück will, wandere vom Bahnhof das Aartal aufwärts, begleitet von waldgekrönten sanften Höhen, 2 St. nach Bleidenstadt. Schon zur Zeit Karls d. Gr. Benediktinerkloster, von dem noch der alte Kirchturm blieb. Seit dem 16. Jahrhundert wohnte hier eine und dieselbe Judenfamilie Kahn, deren heutige Sprossen voriges Jahr Haus, Hof und Acker aufgaben, um mit der ersten geschlossenen Gruppe von 20 jüdischen Landwirten aus Deutschland eine Siedlung der JCA in Argentinien zu gründen. Deren gewählter Präsident ist Sally Kahn aus Bleidenstadt, dessen Namen als den eines Pioniers jüdischer Landwirte aus Deutschland vielleicht einmal die jüdische Geschichte aufbewahren wird. — Durch Hahn hindurch in 1 Std. zu dem zwischen Hahn und Wehen links vom Wege auf hoher Waldhalde gelegenen 300 Jahre alten Friedhof. Von dort wieder auf die Straße zurück und durch Wehen, (kleine Gemeinde), Neuhof und Eschenhahn (links — westlich — das berühmte Römerkastell Zugmantel, 465 m hoch), den Limes überschreitend, in 2V* Std. nach dem besonders sehenswerten Luftkurort Idstein. Altes Städtchen mit 3800 Einwohnern, darunter rd. 60 Juden. — Einige Jahre bis 1292 residierte hier Graf Adolf von Nassau, der als deutscher König den Maharam Rothenburg und dessen Leichnam im Turm zu Ensisheim im Elsaß zurückhielt, um damit Geld von den Juden zu erpressen. 1332—1721 ist Idstein Residenz der Grafen von Nassau-Idstein, Seitdem Bezirks- bzw. Kreisstadt. Das Schloß besteht heute aus der alten Nassauer Udenburg, den mit ihr, d. h. dem übrig gebliebenen alten „Hexenturm", den mit ihm verbundenen Renaissance-Bauten und dem „Neuen Schloß", 1614 bis 1713 entstanden. Der Hexenturm sah nicht nur Hexen, sondern, wie man sagt, auch zahlreiche Jbden verschmachten. — Juden scheinen in Idstein schon früh gewohnt zu haben; denn die alte Udenburg wird bereits 1427 auch einmal Judenburg genannt, vielleicht als gelegentlicher Zufluchtsort verfolgter Juden. Um 1700 jedenfalls Gemeinde mit Rabbinat Idstein-Wiesbaden, für das 1708 „Instruktion und Privilegium für den Juden-Rabbiner zu Idstein und Wiesbaden" erfolgt. Damals ist R. Dav. Grünhut (s. o. bei Wiesbaden) im Amt. 1787 sind ungefähr 40 Juden, nämlich 7 Familien, in Idstein; 1866 im Amt Idstein, wozu die Gemeinden Camberg, Eisenbach, Erbach, Niederselters, Oberselters, Walsdorf, Würges gehören, 236 Juden bei 10 887 Einwohnern. — Die alte S y n a g o g e in der hinteren Borngasse, früheren Judengasse, mehrfach, zuletzt 1935 renoviert, mit alter, längst verfallener Mikwah. AlterFriedhof aus der Frühzeit des Idsteiner Rabbinats südlich von Esch, 1 Std. von Idstein, war Sammel-Friedhof, wohl schon vor 1700. Um 1874 wurde der neue Friedhof am Südende der Stadt angelegt. 20 Minuten westlich die Heilerziehungsanstalt „Calmenhof", z. T. auch aus jüdischen Mitteln begründet, mit besonderer jüdischer Abteilung, die bis 1932 von 1 jüd. Lehrer, 1 jüd. Gehilfen und 1 jüd. Köchin mitbetreut wurde. Heute natürlich, bei 60 Pfleglingen (1932: 150 bei 750 insgesamt), nicht mehr. Dagegen Lautzstr. 3 (Jos. Hes) privates streng rituelles Heim für Psychopaten und Nervöse. — Das Antlitz des Ortes zeugt von alter Kultur (1350 öffentliche Schule, 1715 erste Zeitung!). In der ev. Kirche Bilder des bedeutenden Rubensschülers Imrath v. Antwerpen; unter den zahlreichen entzückenden Fachwerkbauten mit edlen Schnitzereien wohl am schönsten das Dietrichsche Haus von 1615. — Von Idstein täglich 10 Züge nach Frankfurt. Fahrzeit 1 Std. Wir aber verfolgen unsern Weg von Bad Schwaibach aus nordwestlich und wandern bis 5Q8 m aufwärts in % Std. nach Kemel, .. einer uralten Gerichtsstätte; Kreuzungspunkt der sieben Hauptstraßen der alten Niedergrafschaft Katzenelnbogen, uralte Kirche. Früher alte Judengemeinde, heilte nicht mehr. Wer Zeit hat, wandere (rotes Dreieck) \Vt, Std. nordöstlich nach Burg Hohenstein und von hier nach