Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 395 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 10 Juli 1936 Alle Artikel sind persönliche MeinungsäuMeruagen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die SchrifUeitung der Beilage, Fahrgasse 146, ku richten. Von Frankfurt zur Lahn (FortsetjungJund^Schluss) von Lehrer S. L i I i e n t h*a 1 - Wiesbaden B. Wiesbaden—Biebrich—Winkel—Presberg, Wispertal—Bad-Schwalbach. Wer Wiesbaden schon kennt oder die Großstadt meiden will, wandert von Wiesbaden-Erbenheim südwestlich zum Waschbach, überquere ihn und halte sich auf seiner rechten (nördlichen) Seite, gehe an der Südwestecke des Friedhofs nach rechts bis zum Mühlweg, weiter die Bernhard-May-Straße und Höchster Straße, insgesamt 6 km (IVa Std.), zum Biebricher Schloßpark, einer der schönsten, leider nicht gepflegtesten Parkanlagen Westdeutschlands, dem Großh. luxemburgischen Herrscherhaus gehörig. Mitten im Park: Milchkur anstatt; Miniatur bürg als Heimatmuseum. Der Ortsteil W.-B i e b r i c h gehört schon 992 als „Bibrick" dem Grafen Drutwin, Stammvater der Nassauischen Herzöge, und war 1744—1840 deren Residenz; wurde um das nordwärts liegende alte Mosbach erweitert und schließlich Wiesbaden einverleibt, mit dem es durch die schnurgerade vierreihige Hindenburg allee — 2Vz km lang — verbunden ist. — Eine jüdische Familie wohnt schon Ende des 17. Jahrhunderts in Biebrich und Mosbach Schon 1730 eine Stiftung des Jessel von Mosbach, deren Zinsen zum Unterricht armer Kinder verwendet werden sollen. Bis 1829 hatten Biebrich und Mosbach je 1 Synagoge. Die gemeinschaftliche konnte erst errichtet werden, als sich der regierende Herzog von Nassau über die nassauische Judenordnung von 1732 hinweggesetzt hatte, wonach jüdische Betstätten nicht mehr errichtet werden durften! Die jetzige Synagoge steht seit 1860 in der Rathausstraße 37. Bei der Einweihung amtierte schon der junge „eingeborene" Lehrer der Gemeinde, SeligmannBaer, der jahrzehntelang ein Jahresgehalt von 800 Mark bezog, aber 1876 Ehrendoktor der Universität Leipzig, darauf Mitglied der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft, dann Ehrenbürger der einstigen Residenz Biebrich wurde und von den deutschen Kaisern eine Jahres-„Bonifikation" von 1000 Mark erhielt. Der bescheidene Religionslehrer war nämlich in seiner Zeit der größte Kenner der Massorah (und . . . „ein außerordentlich verdienstvoller Forscher im Fache der jüdisch rituellen Literatur" . . . Prof. Franz Delitsch). Baers Geburtshaus Wiesbadener Straße 90, trug bis 1933 die Inschrift: In diesem Hause Wurde der große Sprachgelehrte und Bibelforscher Dr. Seligmani, Baer, Ehrenbürger der Stadt Biebrich, am 18. September 1825 geboren. Sein Grab in der jüdischen Abteilung des allgemeinen Friedhofs (s. oben) in der 2. Reihe mit Inschrift von Prof. Dr. Berliner, Berlin, dem großen, 1915 verstorbenen Talmudisten und Orientalisten. — In der Synagoge: Tafel mit Gebet für den Herzog von Nassau, in goldenem Rahmen vom Vorsteher Wolf Moses 1829 (s. oben) gestiftet. Sonstige Sehenswürdigkeiten: Das ehemalige nassauische Residenzschloß, 1699—1744 erbaut, heute Unteroffizierschule. Von hier aus soll Cäsar seinen 2. Rheinübergang ausgeführt haben. Im Eckhause Rheingauerstraße und Rheinufer schrieb Richard Wagner die Meistersinger (Gedenktafel). Wiesbadener Straße 95, schräg gegenüber dem Geburtshause Baers, wurde der berühmte Philosoph und Historiker Wilhelm Dilthey geboren. Von der Rheinpromenade wundervolle Ausblicke auf den Taunus, die hessischen Höhenzüge, auf die prächtigen Rheinbrücken, den lebhaften Schiffsverkehr. Auf guter, aber verkehrsreicher Straße in Vj Stunde, mit der Straßenbahn in wenigen Minuten, nach W.-Schierstein, "^T^ ~ Südwestecke von Groß-Wiesbaden, altes Fischerdorf, dessen Geschichte sich im Schatten von Wiesbaden und Biebrich vollzog; uni 1200 Sitz der Ritter von Schierstein. Heute viel aufgesucht von Liebhabern frisch gekochter oder gebratener Rheinfische und von Besuchern des schönen Rheinstrandbades. — Verhältnismäßig hohe und strenge Synagoge, erbaut 1858. Rechts vom Thoraschrein eii; geschnitzter Holzständer mit reichem Blätter- und Früchte-Schmuck, gekrönt vom nassauischen Wappen. Er trägt zwei Tafeln mit dein Gebet für den Landesherrn. Das Ganze ist Geschenk „Seiner Erlaucht Herrn Grafen Wenzeslaus Carl zu Leiningen-Billigheim". Tempora mutantur: 1096 .führt ein Vorfahr dieses Herrn, Graf Emicho zu Leiningen, die Scharen der Kreuzfahrer gegen die Juden zu Mainz, Worms und Speyer. — Schön geschnitzte Menorah links von Oraun. Aelter als die Synagoge ist die hundertjährige Chewra Biebrich — Schierstein — Frauenstein. — Nun in zweistündigem Marsch den Rhein entlang durch Niederwalluf, wo niemals Juden wohnten, nach Eltville. Ort wohl aus der Römerzeit, erhält 1331 Stadtrecht, gilt damals als Hauptstadt des Rheingaus, wird Standort Günthers von Schwarzburg, der hier, von Karl IV. belagert, der Kaiserwürde entsagt (1349). In demselben Jahr Judenverfolgung („schwarzer Tod")! — Synagoge, um 1830 erbaut, Schwalbacher Straße, nicht weit davon Friedhof, neben dem allgemeinen. — Am Kiedricher Bach auf wärts durchs Kiedricher Tal in 1 Std. nach Kiedrich. Hier schrieb Gerson Stern, der hier lange Jahre als Kaufmann lebte una nebst seiner Gattin Außerordentliches für die Verinnerlichung und jüdische Erfülltheit der Juden des Rheingaues leistete und leistet, seine viel gelesenen Romane „Weg ohne Ende" und „Auf drei Dingen steht die Welt". Der Flecken Kiedrich hat dank der Bemühungen des englischen Baronets Sutton sein altertümliches Gepräge erhalten können. Die Pfarrkirche, 1481 abgeschlossener Bau, sehr sehenswert, desgl. der Bassenheimer Hof, der „Lange Hof" und zahlreiche Holzhäuser. Ueber Kiedrich die Ruine Scharfenstein, ilt km oberhalb Kiedrich der Kiedricher Sprudel, die „Virchowquelle". — Einer der schönsten Wege des Rheingaus: Vom Schwalbacher Tor in Kiedrich nach Kloster Eberbach 1 Std.; wurde 1131 als erstes Zistersienserkloster auf deutschem Boden von Abt Bernhard von Clairveaux gegründet; das ist jener Kirchenmann, der zur Zeit des zweiten Kreuzzuges gegen die Judenhetze seines Schülers Radulf, diesem nachreisend, predigte und dadurch, wenn nicht alles, so doch manches Unglück verhinderte (u. a. auch in Frankfurt im Hainerhof in der Nähe des Domes). Das Kloster ein Juwel romanischer und frühgotischer Baukunst. Seine Mönche legten den 27 ha großen Weinberg mit seinen weltberühmten Lagen „Rosengarten", „Goldener Becher", „Zehntstück" an. Im Laufe der Jahrhunderte zu Reichtum und Einfluß gelangend, be-