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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · p. Seite 394

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 394 (sequence 32)
Language
German
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Seite 394 Peine künstlerische Unzulänglichkeit, brachte er den goldenen Keif auf seiner kleinen Lötlampe zum Schmelzen, bis die herrliche Arbeitnur noch ein Klümpchen Gold war, und warf es gegen den Himmel, wo es als neuer Stern in der Milchstrasse golden sichtbar wurde. Den Stein aber warf er ins Weltall. Dann fertigte er drei gleiche Ringe an, die der Mann im Osten .seinen drei Söhnen gab. Der Stein, dem ausser seiner grossen Schönheit auch noch eine eigentliche Macht innewohnte, begann nun wie ein glühendes Auge durch die Welt zu fliegen. Ueberall, wo ein starkes, erschütterndes Naturereignis sich bemerkbar machte, glühte er auf: wenn ein Gewitter mit Zickzackblitzen über die Erde hintoste, wenn ein Regenbogen in zauberischer Farbenpracht Himmel und Erde verband, wenn der Ausbruch eines feuerspeienden Berges die Oberfläche der Erde auf weite Strecken verwüstete. Ob Sturmfluten das Meer aufpeitschten, ob schneebedeckte Berggipfel in glühenden Farben aufflammten —, immer waren es einzelne Menschen, die einen Augenblick das Aufglänzen des Sternes beobachten durften. Dann schwiegen diese Menschen. Aber die Bewegung des Steines im Weltall schien sich nicht darin zu erschöpfen, daß sie sich in solchen hochgespannten, weithin sichtbaren Naturerscheinungen manifestierte. Manchmal, in stillen Nächten und kleinen Stuben, wenn sich irgendwo aus einem Zusammenklang zweier Menschen ein Geeintes, ein Kind zum Leben rang, dann konnte es geschehen, — aber es geschah nur selten in weiten Zeitspannen — daß der Stein über jenem kleinen Wesen aufleuchtete, ohne daß jemand es bemerkte, nur daß vielleicht die Mutter in verstärktem Lebenswillen das Kind verheissungsvoll als auserkoren betrachtete und segnete. Die Geschichte der Menschheit kennt nicht viele solcher ganz vom Strahle des Zaubersteines umflossene Menschen. Ihr äusseres Schicksal mag rauh und schmerzlich gewesen sein, aber die innere Glut der Erleuchtung des Zaubersteines durchflutete sie ihr ganzes Leben lang und gab ihnen die Fähigkeit, durch Licht, durch Wärme, durch Kraft in besonderer Form auch auf andere Menschen leuchtend, wärmend, stärkend, formend zu wirken. Ein kleines Häufchen Menschen, weiss von dem Kreisen dieses Steines im Weltall. Sie nennen seine Kraft die Schechina. Und warten darauf, daß er einmal ihren Moschiach treffen wird. Dann würde der Stein im Weltall zur Ruhe kommen. Eiskraut Abseits von begangenen WTegen, im Spalt eines alten Gemäuers — — es konnte auch der Riss eines Felsens sein--wucherte ein Büschel Eiskraut. Der magere Boden hatte zwischen den graugrünen kurzstieligen Blättchen nur ein Blütchen hervorgebracht, das erstaunt und schüchtern in die stille Gotteswelt hinausschaute. Da kamen an der abgelegenen Stelle zwei Männer vorbei, beide schon etwas müden Schrittes, schwer bepackt von des Lebens Last. Sie kannten sich nicht. Sie sprachen nicht miteinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Da streifte des einen Mannes Blick das Büschel Eiskraut, das aus dem Felsen sich durchgerungen hatte, und sah den dürftigen weissen Blütenstern. „Wie nett das Mauerblümchen auf dieser unwirtlichen Höhe", sagte er. Da hielt der andere auch einen Augenblick den Schritt an und sagte: „Auch ein Schöpfergedanke des Ewigen". — Und sie schritten weiter. Das Eisblütchen hatte die Worte der beiden Wanderer vernommen. Und weil es Abend war, schloss es die kleinen Blättehen zur nächtlichen Knospe. Tief innen ruhte ein Tröpfchen — Abendtau — oder..... Geschrieben am 14. März 1936 In einem "Vortrag „Die Frau im kirchliche« und religiösen Leben" auf dem Deutschen Frauenkongress in Berlin im Jahre 1912 sagte Bertha Pappenheini u. a.: Die jüdische Religion ist die reingeistige Eingottreligion. Sie kennt kein Dogma, keine Kirche, keine Sekten, keine Proselyten, keine Mission, keine weltlichen und politischen Ambitionen. Sie ist im besten Sinne eine Privatangelegenheit, d. h. sie hat und braucht keine äusseren Mittel und Machtmittel als Bindung ihrer Angehörigen. Die Struktur der Gemeinden ist, ihren einfachen inneren Aufgaben entsprechend, sehr einfach: ihre Mitglieder vereinen sich zum Gebet und zum Studium der heiligen Schrift; — sie sind fest verbunden durch Ritualgesetze, die die Funktionen des Alltags vergeistigen; — und die Erfüllung des Gebotes der Nächstenliebe, von der das ganze Leben durchtränkt ist, verwebt sie zu einer Körperschaft von idealster Solidarität und dadurch grosser Widerstandskraft...... * Bei der altjüdischen Hochachtung vor dem Familienleben und seiner gesunden Reinheit kann es nicht wundernehmen, daß neben der Verehrung der Ehefrau und der legitimen Mutter eine grosse Verachtung der unehelichen Mutter und ihres Kindes einherging. Diese Verachtung, die in dem engen Ralimen des Ghettolebens als eine schützende Hemmung vor schädlichen Ausschreitungen gewirkt haben mag, wird aber in moderner Zeit und unter modernen Verhältnissen zur Härte, denn die Freiheit und Freizügigkeit, die schwierigen Erwerbsverhältnisse, die einer rechtzeitigen Eheschliessung ökonomische Schwierigkeiten entgegenstellen, die Assirailierung der Juden an das Gute und das Schlechte der für sie neuen Umwelt — wozu in erster Linie der Alkoholismus zu rechnen ist — haben auch für das Geschlechtsleben der Juden grosse Veränderungen vorbereitet, die unsere lebhafte Beachtung verlangen...... * Noch wichtiger aber, weil ethisch von der höchsten Bedeutung, ist die Teilnahme der Frau an der Sabbathheiligung. Am Freitag Abend, dem weihevollen Auftakt der Sabbathharmonie, hat die Frau symbolisch die Lichter anzuzünden und darüber zu wachen, daß im jüdischen Hause 24 Stunden lang Mensch und Tier ruhe und aufatme und Sammlung und. Kraft finde für die nächsten sechs Werktage....... * Nur ein Gebiet gibt es, auf dem sich die jüdische Frau innerhalb ihrer Gemeinde gleichartig und gleichwertig mit dem Manne betätigen kann, und das ist in der Erfüllung jenes Gebotes, das nach dem Ausspruch eines Weisen den Inhalt der jüdischen Religion bildet: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst"! Dieser altjüdische wundertätige Imperativ, dessen Fundament die zehn Gebote sind, gilt für Mann und Frau. Aber nicht nur gepredigt, praktisch geübt muss er werden..... * Hätte die jüdische Frau, ihrer Kraft und Fähigkeit entsprechend, rechtzeitig in der jüdischen Gemeinschaft Verwendung, Stellung und Wertung gefunden, wir hätten heute nicht wehmütig auf manche zu verzichten^ der in ihrem berechtigten Wunsche nach Betätigung und nach Entfaltung ihrer Persönlichkeit das Band entglitten ist, das sie,' mit ihrer Stammesgemeinde verbindet, der Gemeinschaft, der sie nun verständnislos den Rücken wendet. Aber für die Majorität der jüdischen Frauen bringt die intensive Beschäftigung mit den Menschheitsaufgaben, die uns die Frauenbewegung als letztes und. alle Konfessionen einigendes Ziel bringt, so viel Charakterstärke und wahren Persönlichkeitsmut, daß auch die Frau innerhalb ihrer religiösen und Stammesgenossenschaft ilire hohen Aufgaben neu erkennen lernt und sie den Mut finden lässt, sich zu ihr zu bekennen. So sehe ich zwischen den aufrechten Bekennerinnen der Frauen der drei Konfessionen einen Wechselstrom höchsten menschlic"hen Wollens, und wir Jüdinnen wollen den unsrigen der drei Ringe, der noch die alte Kraft bewährt „vor Gott und Menschen angenehm zu machen" in dieser Zuversicht vertrauensvoll bewahren.

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