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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · p. Seite 375

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 375 (sequence 13)
Language
German
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Seite 375 o Aussprache D Unsere Gemeinde Was wäre in unserer schicksalsschweren Zeit wohl notwendiger als die Zusammenfassung der Kräfte! Man müsste sagen, der noch vorhandenen, noch verbliebenen Kräfte, nachdem in den letzten drei Jahren so viele Glaubensgenossen aus Deutschland ausgewandert sind. Umschichtung, Geschäftsaufgabe, Erwerbslosigkeit, Auswanderung sind keine leeren Worte, sondern sorgenschwere Tatsachen der täglichen Erfahrung, Tatsachen, die die jüdische Gesamtheit stündlich bewegen. — Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht ist und soll die 'jüdische Gemeinde bleiben, die in steter lebendiger Fühlung mit ihren um das tägliche Brot ringenden Mitgliedern steht. Alle verantwortungsvollen jüdischen Männer, Frauen und Jugendlichen müssen sich um die Gemeinde — die Einheitsgemeinde — scharen und sich an ihr stützen. Die Einheitsgemeinde, die alle Eichtungen, seien sie 'kon&ervativ, liberal oder zionistisch, umfaßt; muß die ideale Forderung der jüdischen Gesamtheit sein und: bleiben, damit wertvolle Kräfte nicht verzettelt, sondern für alle nutzbar gemacht werden. An die Einheitsgemeinde treten die Forderungen der Gesamtheit, seien sie religiöser, wirtschaftlicher, kultureller oder sozialer Art, heran und hauen ihrer Lösung. Die4 Einheitsgemeinde ist, weil sie eben Alle, gleichviel welcher Weltanschauung umfasst, in der Lage, jene Aufgaben zu lösen und der grossen Gegenwartsnot zu steuern. Daher ergeht an alle verantwortungsbewussten Juden und Jüdinnen der Ruf: Schirmt und schützt die Einheitsgemeinde, verbreitet dasVerständnis für dieseldee in allen jüdischen Kreisen, insbesondere in denjenigen, die neuerdings nach Frankfurt a. M. ziehen. Veranlasst sie, in unsere seit vielen Jahrhunderten bestehende ehrwürdige Kehilla einzutreten und in ihr mitzuarbeiten am Werden einer besserem Zukunft. ns. Ein ^.Vorschlag zur Güle Aschkenasisch — Sefardisch? Zu der im Gange befindlichen Diskussion des Themas „Aschkenasisch oder Sefardisch?" wird uns folgender Beitrag zur Verfügung gestellt. Die Schriftleitung So lautet die Frage in unzähligen Diskussionen in Lehrerfachkreisen, in Verbänden, den Gemeinde-, Synagogenvorstands-, Schulvorstands-Gremien, in Zeitungen, Zeitschriften, in Privat- Zirkeln — kurz, es ist ein böses Dilemma, in das uns die Zeitentwicklühg gebracht hat. Hebräisch wird, wächst sieh langsam und sicher zur lebendigen Sprache aus, muß als solche so gesprochen, also auch unterrichtet werden, wie sie im Umgang gesprochen wird, also sefardisch. Auf der andern Seite steht der Gottesdienst mit seinen Notwendigkeiten, mit seinen aschkenasisch gesprochenen^ Gebeten, Gesängen, mit den Thora- und Haftara- Vorlesungen, 'steht also der unumgängliche Zwang, das Schulkind Siegmund Goldschmidt - Kaiserstr. 14 Das Spezialgeschäft für Auslands-Wäsche (Amerika) Sachgem. Beratung auf Grund lang), pers. Erfahrung. die Sprache des; üblichen Gottesdienstes im Gottes- und im Elternbause sprechen zu lehren. Wir wollen uns in diesen Zeilen von allem Wissenschaftlichen, auch möglichst vom Pädagogischen fernhalten. Wir wollen nicht untersuchen, welcher Aussprache das Primat zuzuerkennen ist, sei es aus historischen, sei es aus praktischen oder erziehlichen Gründen. Eines ist jedem Einsichtigen klar, u i n e Frage muü auch dem Laien sich aufwerfen: Ist es nötig, dem Schulkinde zwei Idiome der gleichen Sprache beizubringen? Ist es nicht zu vermeiden, das Kind, den Lehrer, die Schule, das Haus, die häusliche Feier, den Gemeindegottesdienst mit solcher Schwierigkeit, mit solchem Widerstreit der an diesem Problem Beteiligten zu belasten? Gibt es keine Brücke zwischen den Jungen und den Alten, den Modernen und den Konservativen? Das ist hier nicht religiösparteilich gemeint, denn wahrhaftig: hier gibt es konservativere Liberale als in manchen orthodoxen Kreisen. Hier wollen liberale Teilnehmer ihrer Gottesdienste ebensowenig, ja fast noch weniger Konzessionen machen als Traditionstreue. Zweck dieser Ausfüh- - rungen ist nicht etwa, die eine oder andere Seite wissenschaftlich zu stärken oder auch nur umzustimmen. Nein, die Absicht des Schreibers ist lediglich ein Konipromissvorschlag, den er schon in privaten Unterhaltungen und gegenüber massgebenden Persönlichkeiten gemacht hat, mit dem er aber nicht durch, dringen konnte. Die Flucht in die Oeffentlichkeit mag der Verständigung dienen, mag vor allem die beteiligten „Parteien" davon überzeugen, daß das Problem gar nicht so schwierig ist, wie es scheint, daß es vielmehr ganz leicht zu lösen wäre, wenn --ja „wenn Ihr nur wollt!" Worin liegt denn der Unterschied zwischen den beiden Aussprachen? Der Sefardi liest das} wie o, das T wie a. Der Aschkenasi liest das 1 wie au (wenigstens im grössten Teile Deutschlands; in Süddeutschland sogar vielfach wie der Sefardi o) das T wie o. Es unterbleiben bei dieser Gruppierung einige Feinheiten, die in der Praxis leicht erlernbar sind. Endlich herrscht noch eine Differenz in der Aussprache des n> das der Aschkenasi in ß und t - Laute teilt, während der Sefardi dafür nur die t-Aussprache hat. Hand aufs Herz: haben sich die meisten Laien da3 nicht viel komplizierter vorgestellt? Eine etwa zweistündige Uebung wird dem sonst geläufigen Leser helfen, alle vermeintlichen Schwierigkeiten zu überwinden und sefardisch lesen zu können. Und nun meine Frage an die streitenden „Parteien", vor allem an die standhaften Anhänger der aschkenasischen Aussprache: Lohnt es sich, um solche Lappalien noch zu streiten? Lohnt es sich, dem Schulkinde und dem Unterricht um solcher lächerlich unbedeutender Differenzen willen weit bedeutendere Schwierigkeiten aufzuerlegen? Wäre es nicht an der Zeit nachzugegeben? Ja, wenn noch die aschkenasische Aussprache eine höhere sakrale Bedeutung hätte als die sefardische? 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