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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · p. Seite 372

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 372 (sequence 10)
Language
German
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Seite 372 vereinder Judenin Deutschland, für1 die Gesellschaft,, 0rt" und nicht zuletzt in seiner Bereitschaft für das Palästinawerk. Brodnitz' Streben nach Festigung der jüdischen. Grundhaltung führte ihn zu einer aktiven Förderung religiöser Aufgaben. . Als das Jahr 1933 die Juden in Deutschland vor neue, nicht geahnte Fragen stellte, war es Julius Brodnitz, der als einer der ersten für einen stärkeren Zusammenschluss eintrat, und der durch den- Einsatz seiner Persönlichkeit als Führer des C. V. den Weg für die Schaffung des Zentralausschusses und der Reichsvertretung der Juden ebnete. Die Arbeit, vor die er sich in den letzten Jahren gestellt hat, drückte diesen an Jahren alternden Menschen nicht nieder, sondern wirkte steigernd auf seine Leistungskraft. Er durchdrang das Schicksal, das den Juden in Deutschland widerfahren war, in jeder Phase und bis in seine letzten Folgerungen; ungebrochen bemühte er sich, dieses Schicksal zu meistern. Er Hess sich durch den Strom der Geschehnisse nicht umreissen und blieb aufgeschlossen für die neuen Anforderungen, die eine neue' Situation stellte. Es ist mehr als ein Äusserliches, daß seine handschriftlichen Äusserungen der letzten Wochen dieselbe Klarheit und Gleichmässigkeit in den Schriftzügen aufzeigen wie die Notizen vergangener Jahrzehnte. Nun hat ein unerbittliches Geschick diesem Leben ein rasches Ende gesetzt, nun ist dieser stets wache und wachsame Mensch zur letzten Ruhe gegangen. Die Führer der jüdischen Zentralorganisationen und sein Central-Verein werden ihre Arbeit ohne seinen klugen Rat fortsetzen müssen. Sie werden dies nicht besser tun können, als wenn sie sich von der Hingabe und dem Verantwortungsbewusstsein leiten lassen, die Julius Brodnitz auszeichneten. —1—n Bertha Pappenheim - von Stephanie Bertha Pappenheim ist am 28. Mai dieses Jahres nach schwerem Leiden sanft entschlafen. Ihr Leben und ihr Wirken für die jüdische Frauenwelt in Deutschland tritt in ihren grossen sozialen Schöpfungen zutage, die von Frankfurt aus ihren Ursprung nahmen. 1859 in Wien geboren, kam Bertha Pappenheim 1881 nach Frankfurt a. Main. Hier entstand ihr Lebenswerk, hier schuf sie eine neue Gestaltung jüdischer Sozialarbeit und weckte das Verständnis, an Stelle „traditioneller Wonltätigkeit" eine „durchdachte Wohlfahrtspflege" zu setzen. Ein Markstein ist die Gründung des Vereins „Weibliche Fürsorge", in dem die Note jüdischsozialer Frauenarbeit lag. die neu durch Bertha Pappenheim geschaffen wurde. Wenn wir hier in Frankfurt, aus dem Kreise der Frauen, die <las Glück hatten, zu den engen Mitarbeiterinnen und Schülerinnen Bertha Pappenheims zu gehören, versuchen möchten, das Erinnerungsbild dieser einzigartigen Frau erstehen zu lassen, so kann es nur in dem Gefühle tiefster Dankbarkeit geschehen. Ihre soziale Arbeit war auch eine Erziehungsarbeit. Drei Generationen von Frauen bat sie in Frankfurt zu sozialer Tätigkeit erzogen. Aber nicht nur die praktische Arbeit galt ihr als Ziel. Noch höher stand die Verantwortung, die soziale Verpflichtung, die Selbsterkenntnis im täglichen Tun. Der Vorsitz in den verschiedenen Frauenvereinen war ihr „Lehrstuhl", wie sie au sagen pflegte, an dieser Stelle war sie Vorbild, Wegbereiterin, Vorkämpferin für die Frauen, denen sie neue Lebens- "«erte ^rschloss. Und am liebsten wandte sie sich der Jugend zu. Die jungen -Menschen wurden von ihr manchmal hart angefasst,' mit unerbittlicher Strenge und Wahrhaftigkeit wurden sie in die Arbeit eingeführt, und manches Sitzungsprotokoll einer Novize wurde schonungslos vernichtet, wenn es in Form und Inhalt verbasserungbedürftig war. Doch wieviel (-rnste Liebe und Güte war hinter diesem herben Wesen! Bertha Pappenheim lebte das Beispiel, das sie gab, koiapromislos und in. gerader Linie, hart gegen sich selbst bis zur Schonungslosigkeit, verfolgte sie ihre Ziele." In der Unbedingtheit ihres Charakters lag wohl der grosse Einfluss, ja der Zauber, den sie auf die Menschen ausübte, die ihr näher treten durften, und denen sich dann auch die . hohe Kultur, das Künstlertum und der Humor ihrer Persönlichkeit offenbarten. Dieser feine blitzende Humor, der sie auch in den schwersten Lebenslagen nicht, verliess, war vielleicht ein Teil ihres Wienertums. Sie sagte selbst des öfteren, daß ein Leben ohne Humor unerträglich sein müsste. Aber auch ein Leben ohne Kampf! Und Kämpfe begleiteten ihre Arbeit, Kämpfe für Recht und gegen Unrecht, wie sie noch manchen.ihrer älteren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Frankfurt erinnerlich sein dürften. Bertha Pappenheim begann ihre Frankfurter Arbeit mit der . Tätigkeit im israelitischen Mädchenwaisenhaus (Israelitischer Frauenverein, Theobäldstrasse), die 12 Jahre währte. Weitere Etappen bildeten die Gründung des „Mädchenclubs", der „Ortsgruppe Frankfurt a/M. des Jüdischer. Frauenbundes" und über Forchheimer allem ihr Lebenswerk, das „Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg" In diesem Heim für gefährdete Mädchen, schwangere Mütter, Säuglinge, Kleinkinder und Sehulkinder war Bertha Pappenheim die Seele und der schöpferische' Geist, die Mutter und die Erzieherin, die in dem Ganzen das Grosse und auch das Kleinste sah, die ihre unerschöpfliche Liebe und Fürsorge vor allem den Kindern — denn, in jedem sah sie eine Hoffnung — zuwandte. In „Isenburg" sah Bertha Pappenheim auch die grosse Verpflichtung der jüdischen Frauen dafür zu sorgen, daß dieser Quell jüdischen Lebens und jüdischer Fürsorge erhalten bleibe, um immer wieder die Kräfte im Judentum zu stärken und zu erneuern durch den Schutz der Schwachen und Gefährdeten. Doch Bertha Pappenheim wandte' sich, auch an die jüdischen Frauen weit über Frankfurt hinaus, und gründete 1904 den „Jüdischen Frauenbund" in Deutschland, in dem sich alle jüdischen Frauen in gemeinsamer Arbeit für jüdische Fraueninteressen zusammenfinden sollten. Sie gab ihm das Gepräge neutraler Arbeit über alle Parteirichtungen hinweg und schuf auf diese Weise einen Verband, der sich mit Recht die Gesamtvertretung der jüdischen Frauen Deutschlands nennen konnte. Bekannt ist die Tätigkeit Bertha Pappenheims auf dem Gebiete zur Bekämpfung des Mädchenhandels und des Kinderschutzes,- Sie unternahm Studienreisen nach Galizien, Russland und Polen, die letzte im November vorigen Jahres, um Anregungen für die sozial-hauswirtschaftliche Ausbildung der jüdischen Mädchen in Polen zu geben. Sie hatte noch die Freude, in ihren letzten Lebenstagen zu hören, daß ihre Gedanken zur Weiterarbeit aufgenommen worden waren. Nur wenige Daten konnten hier aus dem Lebensinhalt dieser grossen vorbildlichen Frau genannt wdrden. Doch zu dem Bilde ihrer seltenen Persönlichkeit gehört auch all das Schöne, Warme, Geistig-Kulturelle, das von ihr ausströmte. Die deutsche Sprache war für sie ein Werkzeug künstlerischer Gestaltung. Sie übersetzte die „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln", die" Frauenbibel „Zeenoh ureenoh" und das „Maase-Buch" (Allerlei Geschichten). In der „Sisyphus-Arbeit" sind ihre Reisebriefe aus Russland und Palästina und der Briefwechsel über die Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels niedergelegt. Zu den Problemen des Tages und den Gedanken, die sie bewegten, fand sie fein geschliffene Aussprüche voll Humor, aber oft auch von beissender Ironie. Ihr künstlerisches Wesen suchte Freude und Befriedigung in Sammlungen köstlicher alter Dinge, und ihr Heim, in dem sie eine stille, aber bestrickende . Gastlichkeit entfaltete, zeigte in jedem Gegenstand ihren kultiviert-erlesenen Geschmack. Und wie ihr Geist ruhten auch ihre Hände nie: sie fädelten Ketten — kleine Kunstwerke voll Phantasie. Bertha Pappenheim ist jetzt von uns gegangen. Das Judentum, die jüdische Frauenarbeit in Deutschland haben Unersetzliches verloren, aber auch jeder Einzelne, der mit ihr arbeitete, der in den Bannkreis dieses Lebens trat.

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