Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 371 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 371 und Heimat aufgegangen waren, für Ferdinand von Saar nicht. Dass es trotz mancher harmonischen Verschmelzung, trotz glücklichem Einzelaufstieg eine Tragik des Judentums gab, dass erkannte Saar mit dem scharfen Auge des Dichters und des mitfühlenden Menschen. Jakob Minor, der Herausgeber von Saars Werken, berichtet in seinem Nachwort von einem handschriftlich erhaltenen Jugendgedicht: Das Judenhaus. Als ganz junger Offizier in einer jüdischen Herberge einquartiert, hatte der Dichter das Besondere der Menschen, die er dort traf, fein skizziert. Er glaubte in dem Gegensatz zwischen den Alten und den Jungen schon alles das im Keim zu sehen, was zu seiner Zeit als Judenfrage behandelt wurde. Lange bevor die ersten Verkünder des zionistischen Gedankens auftraten, schon im Jahre 1859 malte Saar, romantisch schwärmend, .aber auch liebevoll mitempfindend dieselbe Lösung aus. Sein Gedicht: Judäa beginnt: In fernes Land, meerüber, lass dich senden, verstreutes Stammvolk mit den scharfen Zügen, dort magst du kräftig dich zusammenfügen, um deines Schicksals dunklen Fluch zu wenden. Dann wirst du wieder mit entwöhnten Händen der Patriarchen alten Boden pflügen, wirst — das entsank bei irren Wanderflügen — ein Schwert dir gürten um erstarkte Lenden. Der adelige Dichter, dem die Armen am nächsten standen, sali neben der vornehmen jüdischen oder dem Judentum entstammenden Wiener Gesellschaft auch die geplagte, müde Hausiererin. In seinem Gedicht „Das Judenweib" schildert er sie, wie sie mit blassem Gesicht, tagelang, in der belebten Gasse ihre Waren ausbietet. Niemand von den Vorübereilenden kauft doch die arme Jüdin bleibt unverdrossen. Mit halbgeschlossenem Auge steht sie da und denkt an ihre sieben begabten Kinder, die nach Hohem streben, und für deren Zukunft sie sich darbend plagt. Es zeugt von Saars Verständnis für jüdisches Wesen, wenn er diese Mutter als eine bei allem Elend Frohe, glücklich Träumende zeichnet. Sie denkt an die Stammesgenossen, die durch Geist und Können emporgestiegen sind — auch ihren Kindern ist durch ihre Gaben die Bahn für eine schöne Zukunft frei. Wie aber ein Emporsteigen in andere, höhere Gesellschaftsschichten zu menschlichen Tragödien führen kann, indem es durch Ehrgeiz und Härte Wimden aufreisst, das hat Saar in seiner Meistornovelle Seligmann Hirsch dargestellt. Sie zeigt die grosse Kunst des Erzählers: ein durch sein aufdringliches, takl- ' loses, lautes Wesen höchst unangenehm wirkender Mensch gewinnt durch sein Schicksal unsere Anteilnahme. Der unleidliche Seligmann Hirsch wird zu einer tragischen Gestalt durch den Konflikt mit seinen verheirateten Kindern. Der Alte, der an der Familie hängt, kann nicht ertragen, daß ihn die Seinen, besonders I SOMMER-NEUHEITEN für Reise, Bad und Sport Parfümerie u. Toilette-Artikel DR. ALBERSHEIM Kaiserstrasse 9 Tochter und Schwiegertochter, nicht bei sich im Hause haben wollen, daß ihn der Sohn wegen der hohen Stellung, die er anstrebt, wegen der Verbindungen, die er pflegen muß, von Wien entfernt. Der Verlauf des Trauerspiels, der Selbstmord des Verstossenen wird nicht erzählt. Er ist auch nicht das Wesentliche. Unser Mitleid für den „grotesken jüdischen König Lear" ist schon vorher erwacht. Das Leben geht weiter, auch über Leichen. Wohl nagt an dem Sohn, der sein Ziel erreicht hat, geadelt ist und nun Baron Hirtburg heisst, im Innern noch Scham und Schmerz, aber die dritte Generation weiss nicht mehr, woher sie gekommen. Die Enkelin von Seligmann Hirsch, die jüngste Baronesse Hirtburg, geht voll Schönheit und Anmut im Lichte. — — So gegensätzlich die Gefühle auch sind, mit denen wir die Geschichte lesen, die unerbittliche Wahrheit der Charakterschilderungen löst diesen Widerstreit und lässt uns die ernste Kunst Saars erkennen. Ein Einzelschicksal ist auch diese Novelle, aber es ist in der Anschauung des Dichters und in der Wirkung auf uns doch mehr: wir sehen einen Ausschnitt aus dem immer wiederkehrenden nichtigen Treiben der Menschen, ihre Irrungen und Opfer, die Risse in den Glücksgebäuden ihrer Ehrfurcht. Für den kulturhistorisch Betrachtenden aber fällt — auch das Saars Absicht und Art entsprechend — gerade in der Erzählung Seligmann Hirsch manches Streiflicht auf die Zeit, in der sie spielt. So gilt auch für diese Gestaltung eines Schicksals aus jüdischer Umwelt das Wort, mit dem Ferdinand von Saar einmal einen Erzählenden das Interesse für ein einfaches Dasein in Anspruch nehmen lässt: „Ist doch das Leben jedes Einzelnen ein Stück Weltgeschichte". Reparaturen in eig. Werkstätte llle DDiDQd. Obren nehme leb bei Nenkaoi In Zablong |No. 2 Ä|».'.-TfclJ25325d'Bieberqasse; Julius Brodmtz Am 16. Juni verschied an den Folgen eines Autounfalls Julius Brodnitz. Die Judenheit in Deutschland ist damit um eine Persönlichkeit ärmer geworden, wie sie nur selten in ihrer Mitte zu finden ist. Jahrzehntelang stand Julius Brodnitz im Dienste der jüdischen Gemeinschaft, gestaltete er jüdisches Geschehen in Deutschland, mit weitem Blick für die grossen Fragen, mit steter Hingabebereitschaft auch für die kleinen Aufgaben des Tages. Er war ein Mensch, dessen Wurzeln in eine Zeit, in der , Sicherheit und Wohlstand unsere Gemeinschaft segneten, zurückreichen. Aber diese glücklichen äusseren Umstände führten ihn nicht zu Behäbigkeit und Selbstzufriedenheit, sondern wurden für ihn zur Grundlage, auf der sich seine harmonische Persönlichkeit aufbauen konnte. Zu seiner Verwurzelung im J ü d isehen, die schon in seiner Herkunft aus dem Posener Judentum gegründet war, trat die Verbundenheit mit den grossen menschheitlichen Werten, denen er aufgeschlossen war: wie oft hörte man ihn in seinen Reden die grossen Denker der Antike zitieren, wie oft formten Humanismus und Goethe'sche Lebensweisheit seine Gedanken und seine Sprache; Sinn für das Schöne war ein bezeichnendes Merkmal für das Gesamtbild seiner Persönlichkeit. Er, der so viel wirkte, nahm sich jeder Sache so an, als sei sie die einzige, die ihn beschäftigte. Sechzehn Jahre lang lenkte Justizrat Dr. Brodnitz die Geschicke des Central-Vereins der Juden in Deutschland als dessen erster Vorsitzender, nachdem er unter dem Vorsitz von Horwitz und Fuchs zwei Jahrzehnte bereits an führender Stelle gestanden hatte. Unter seiner Leitung wurde der C. V. zu der starken und straffen Organisation, die ihm das Vertrauen der weitesten jüdischen Kreise in Deutschland verschaffte. Julius Brodnitz' jüdischer Standort ist dadurch gekennzeichnet, daß für ihn das Judesein kein zufälliger Ausgangspunkt für seine Gemeinschaftsarbeit bildete, sondern daß er sich bewusst war, wie stark sein ganzes Sein und Denken gerade durch sein Judentum bestimmt waren. Obwohl für seine praktische Arbeit das Problem Judentum und Umwelt eine erhebliche Rolle spielte, war doch jüdisches Leben für ihn niemals' lediglich Reflex auf das Geschehen der Umwelt. Es war ihm etwas in sich Geschlossenes, Lebenswertes, etwas Absolutes. Sinn starkes jüdisches Gemeinschaftsgefühl kam auch in seinem Verständnis für gesamtjüdische Zusammenhänge zum Ausdruck, in seiner Arbeit für den Hilfs-