Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 370 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 370 Dr. jur. Hugo Hoffmann Oberl'mdau 51 Tel. 76655 Versicherungen aller Art Grundton, der uns ergreift und lange in uns nachhallt: die Wehmut über die Gebrechlichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Daseins. „Sehr zu beneiden ist niemand, sehr , zu beklagen unzählige" — dieser Ausspruch Schopenhauers könnte als Motto über allen Erzählungen Saars stehen. Wie der von ihm in seiner ganzen Tiefe erfasste und als Führer zur Erkenntnis gepriesene Philosoph, so hat auch der Dichter das Leben angesehen, und die Menschen sind ihm „einsame Fremdlinge In einer Welt voll Irrtum und Schuld, in einer Welt, wo nichts Bestand hat als der Schmerz, und selbst das Höchste, Bedeutendste allmählich vergeht und verweht, als wäre es nie gewesen". Nur ganz wenige von den Novellen haben einen guten Ausgang. „Weil ein echtes, bleibendes Glück nicht möglich ist, kann es kein Gegenstand der Kunst sein", hat Schopenhauer gemeint, und Saar bekennt sich in einer seiner Geschichten zu der Ansicht des Philosophen, dass die sogenannten Glücklichen es nur scheinbar, höchstens aber nur vergleichsweise seien und wenn schon hin und wieder ein wahrhaft Glücklicher vorkäme, so sei dies ein> seltener Fall. Die Leidenschaften und die. Leiden, unter denen fast jedes Leben traumartig zerrinnt, geben den Stoff von Saars Novellen: Ehrgeiz, Jagd nach einem Scheinglück, verzehrende Glut der Sinne, die sieh über Recht und Pflicht, Treue und Gewissen hinwegsetzt der Sieg von harter Klugheit über den stillen Adel der Seele, das Zerbrechen an der neidischen, boshaften Umwelt, schmerzliches Entsagen, trotzige Abkehr von den Menschen, trostlose Leere bei gesellschaftlichem Prunk — und — immer wieder — Abschied von den Geliebtesten. Erlösend, meist aber sinnlos trennend und vernichtend, geht durch die Novellen der Tod, dem der Dichter im eigenen Schmerz ständigen Verlierens zugerufen hatte: „Grausam bist du, o Tod! Jene, die unser Glück sind und unser Trost, raffst du dahin unerbittlichen Hippenschwunges — und am liebsten sehliesfest du mild blickende Augen." Die kleinen Einzelschicksale, die scheinbar unbedeutenden Lebensläufe, die Saar als Erinnerungen des Begegnens erzählt, 'sind bei aller Verschiedenheit durch ein einheitliches Gefühl verbunden: sie sind Teile von dem ganzen Weh der Erde. Und für alle die schwachen und sündhaften Menschen schlägt das Herz des Dichters, sodass auch dem Leser die in Elend und Schuld Gesunkenen nicht gleichgültig bleiben. Denn alle Wesen der Welt als Leiden-de zu erkennen und dadurch zum Mitleid zu kommen — auch diese Forderung Schopenhauers entspricht ganz dem Wesen Ferdinand von Saars. Er fühlt sich mit allem, was lebt und atmet innig verwachsen und eins, er hat Verständnis für Unglückliche, und die Armen und Einfachen stehen ihm am nächsten. Diese teilnehmende Menschenliebe, die unausgesprochen Saars Erzählungen erwärmt, aber auch die sinnliche, blutvolle Kraft seiner Darstellung, die Schlichtheit seiner Sprache, der Reichtum der Bilder, besonders der grossartig gezeichneten Frauengest alten die stimmungsvolle Schilderung von Landschaft und Hintergrund, — das alles lässt dem, der die ..Novellen aus Österreich" einmal gelesen hat, immer wieder zu ihnen zurückkehren. Man weiss nicht, welche Erzählung man als die beste herausheben soll." Alan kann so viele rühmen. Da ist Saars erste Novelle Jnnocens, die wundervoll das .,Läuternde des grossen Schmerzes zeigt, der die Seele zwingt, ihr Tiefstes zu sammeln". AUSWANDERER LändemEMeiTihr PIANO Schillerstrasse 20 »ei |SAAC HEUMANN Fr. Th. Vischer Ita»: dem jungen Dichter, der ihm das Werkchen geschickt hatte, geschrieben, er habe mit reinem Genüsse den Jnnocens gelesen, „t'.fi Jdyll geistiger Art, darin alles auf stille, tiefe Charakterwandlung zielt". — Da ist die Novelle Marianne", von der Marie von Ebner-Eschenbach in einem Brief an Saar begeistert urteilte: „Die liest man so bald nicht aus, auch wenn man sie wie ich mehrere Male gelesen hätte. Es steht viel in .dem kleinen Büchlein, womit man überhaupt niemals fertig wird, worüber man immer von neuem nachdenken muss. Ganz wunderbar ist das Wort: ich habe gelernt, entsagend zu gemessen. Niemals ist ein Dichter einer Goetheschen Frauengestalt näher gekommen, als Sie mit ihrer Marianne". Packend ist Leutnant Burda, eine Tragödie der Selbsttäuschung und des Ehrgeizes. Eine Meistergestalt aus Saars Geschichten, einen unverlierbaren Charakter der Erzählungskunst des 19. Jahrhunderts nennt Bettelheim den Helden der Novelle Selig mann Hirsch. Von der Geschichte S c.h 1 o s s K o s t e n i z war eine feinsinnige Freundin des Dichters so entzückt, dass sie ihm schrieb: „Gäbe es doch mehr solcher Werke, die einen wirklich aller Misere und aller Banalität des Lebens zu entrücken vermögen". Und das gilt noch heute für Saars Schöpfungen, deren Reichtum hier nur angedeutet werden kann. Die Juden im Werk des Dichters Uns Juden sollten die Novellen auch die Gedichte Ferdinand von Saars nicht fremd bleiben. Der Dichter ist sein ganzes Leben lang mit Juden in Freundschaft verbunden gewesen. Jüdische ■Gelehrte, Dichter und Kritiker haben ihn früh anerkannt, sind ihm Förderer und Helfer geworden. Mit Wärme hat sich Leopold Kpmpert für ihn eingesetzt; Moritz Hartmann, Karl Emil Franzos, Salomon Mosenthal, Joseph Weilen, Emil Reich haben mitgewirkt, um ihm den Weg zu ebnen. Der Altphilologe Theodor Gomperz und der Literarhistoriker Anton Bettelheim haben ihm mit feinem Urteil und mit treuer Liebe als Freunde und Berater zur Seite gestanden. Arthur Schnitzler, Julius Jakob David, Hugo Salus und viele andere haben sich dankbar zu Ferdinand von Saar bekannt- Im Hause Gomperz, bei den Brüdern Max, Julius und Theodor, ebenso wie bei den Schwestern fand der Dichter das tiefste Verständnis für sein Schaffen und Hilfe in seelischer und in wirtschaftlicher Not. Als Saar, schon ein Mann von fast 40 Jahren, von Sorgen und Elend geistig wie gelähmt, am Zusammenbrechen war, da wurde Josephine Gomperz Frau von Werthheimstein, die ein Unbekannter auf die Lage des Dichters aufmerksam gemacht hatte, seine Retterin. Als Zeugnis für die wunderbare Art, mit der die gütige, künstlerisch hochbegabte Frau den Dichter seiner Bedrängnis enthob, führt Bettelheim den Brief an, in dem Saar, ergriffen von dieser ungeahnten Schicksalswende, an Josephine von Wertheimstein schrieb: „In Ihnen ist wie bei niemand auf Erden jede edle menschliche Regung so ganz, so voll entwickelt. Sie sind von einer Feinheit und Zartheit des Empfindens und Denkens, die mich oft genug mit innerlichem Jubel erfüllt hat — warum sollte ich die Hilfe, die Sie mir mit so viel Güte anbieten, nicht freudig annehmen und Sie im tiefsten Herzen dafür segnen?" Bis an ihr Lebensende hat die edle Frau, ebenso wie ihre Schwester Sophie Tedesco, in tätiger Teilnahme und helfender Güte den Dichter^ gefördert, ihm Ruhe und Freude für sein Arbeiten verschafft. Als Josephine, leidend und gealtert, aber voll jugendlicher Begeisterung in ihrem Heim in Döbling den sechzigsten Geburtstag Saars zu einer beglückenden Würdigung gestaltete, da sprach es "der Gefeierte vor den Festgästen aus, das Beste, was er im Leben erfahren und geleistet, habe er Frau Josephine und den Ihrigen zu danken. Er hat nicht länge nach diesem Tag am Grab Josephinens gestanden und ihr den Dank der Kunst nachgerufen, die sie, ein langes Leben hindurch, geliebt,-hochgehalten und begriffen habe wie nur wenige. So wurde das Dasein und Wirken Saars durch die Freundschaft und die Herzensgüte jüdischer Persönlichkeiten erleichtert und verschönert, und in mancher Huldigung, in wehmutsvollen Gedenkklängen hat er Bildnisse aus diesen Kreisen festgehalten. Aber Gestalten, denen ihr Judentum ein Schicksal bedeutete, waren diese Männer und Frauen, die ganz in der Kultur ihrer Zeit