Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 369 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 369 Die sprachliche Unterweisung in den höheren Schulen erfolgt nach .den Grundsätzen der sogenannten direkten Methode, wobei aber der Gebrauch des Jwrith an den Stellen sofort einsetzt, wo das fremde Idiom zur Interpretation eines Wortes oder eines Sachverhaltes nicht ausreicht. Die Biram-Schule in Haifa hat, ganz im Sinne ihrer vorhin angedeuteten programmatischen Einstellung zu Grundfragen der Erziehung, einen Gesamtunterricht' von einer gewissen Stufe ab eingeführt, in der jeweils allgemeine, Land und Leute betreffende und der Erkenntnis nationaler Zusammenhänge dienende Fragen und Probleme erörtert werden. Im Herzl-Gymnasium in Tel Aviv war der Verfasser bei einer jeweils in einer grossen Pause für alle Schüler verpflichtenden gymnastischen Uebung zugegen. Auch im Hinblick auf die Vollendung der Sprache im Sinne einer mehr künstlerisch, ästhetischen Formung hat die Schule eine sehr dankenswerte Aufgabe zu erfüllen. Bereits heute lässt sich sagen, dass die hier gesprochene Sprache neben dem Bühnen- Iwrith am reinsten den für diese doch irgendwie moderne Sprache charakteristischen Laut- und Begriffsgehalt wiedergibt. Der Sprache des Kindes ist schon heute eine gewisse Musikalität eigen, die ihr eine besondere Klangfarbe verleiht und sie von der Sprache des Alltags abhebt. Die Schulsprache wird das Gesamtbild des sprachlichen Lebens im Laufe der Zeit immer stärker und stärker beeinflussen. Im ganzen glaube ich, sagen zu dürfen, dass eine absolute, d. h. eine im besten Sinne des Wortes vergleichende Betrachtung des schulischen Lebens in Palästina noch nicht möglich ist. Manchen Schulen möchte man, bei allem Verständnis für ihre Eigenart und für die zu erfüllenden Sonderaufgaben, eine straffere Dis*- ziplin, ein Heraustreten aus einer allzu dumpfen Atmosphäre, eine abwechslungsreichere Durchführung der Stunden, eine nooh grössere Anpassung an die unmittelbaren Forderungen und, Notwendigkeiten des Landes anempfehlen. Denn auch das Leben der Schule — das glauben wir erwiesen zu haben — ist mit allem und in allem eingesponnen in den Bhythmus einer zielstrebigen, gradlinig verlaufenden Entwicklung, die eine immer stärker werdende Uniformierung des gesamten Denkens und Fuhlens erzwingt. Palästina braucht den Menschen, der in stiller, selbstverständlicher Verantwortung das Schwierigste leistet, was Menschen zu leisten überhaupt imstande sind. Ihn zur Entwicklung und zur Entfaltung zu bringen, ist die vornehmste und dringlichste Aufgabe der gesamten jüdischen Erziehung in Erez Jsrael. Ferdinand von Saar und seine jüdischen Gestalten .[!;.. von Dr. Siegmund Hirsch Des Dichters Wesen und Werk Vor 30 Jahren, am 24. Juli 1906, ist Ferdinand von Saat aus dein Leben gegangen, der österreichische Dichter, der im Bild seiner Heimai> und Zeitgestaltung auch die Juden teilnahmsvoll und treu festgehalten hat. Noch immer ist der Name des grossen Erzählers vielen unbekannt. So ist es auch mit dem Lebenden gewesen. Lange hat der ernst Schaffende und Ringende im Hintergrund gestanden. Armut und bitterste Not, Schuldhaft, Entbehrungen im Essen, Leid und Sorge jeder Art hat Ferdinand Von Saar ertragen, nachdem er als Sechsundzwanzigjähriger den Offiziersrock ausgezogen hatte, um seine dichterischen Pläne ausführen zu können. Er war kein betriebsamer Schriftsteller, der mit der Feder den Zeitgeschmack auszunutzen suchte. Die Kunst war ihm wirklich die hohe, die himmlische Göttin, und jede Zeile von ihm beweist, wie ernst und streng er bei dieser Anschauung geblieben ist. Zum rührigen Wettbewerb mit den Zeitgrössen war der Mann nicht geschaffen, dem alles Vordringliche, Lärmende, Sensationelle zuwider war, der alles, was er gestaltete, langsam reifen liess und der mit scharfer Selbstkritik nur dem wahrhaft Erlebten Ausdruck gab. Darum ist ihm erst spät der verdiente Ruhm zuteil geworden, und wenn auch dem Dramatiker der Erfolg immer versagt blieb, der Lyriker und Erzähler Ferdinand von Saar hat auch noch einen Lohn seines Schaffens ernten dürfen: die Huldigung ausgezeichneter Männer und Frauen, denen der Dichter mit seinen Werken ans Herz gegriffen hatte, den Dank der Heimat, die ihn für das letzte Jahrzehnt seines Lebens aller wirtschaftlichen Sorgen enthob. Die Vaterstadt ehrte den Schöpfer der „Wiener Elegien", der herrlichen Verse, in , denen Saar voll Liebe ausgesprochen hatte, was ihm sein Wien von der frühsten Kindheit bis ins beginnende Alter gewesen war. Der Staat zahlte seine Dankesschuld an den Meister der Heimaterzählung, der in seinen Novellen aus Österreich Volk und Land, alle Stände und Kreise in lebenswahren Bildnissen gezeichnet hatte: die Schlösser des Adels, die Hütten der ärmsten Arbeiter, die Salons der •Finanzwelt, den Kleinbürger von Wien und von den Vorstädten, die Offiziere, die Landgeistlichen. Aber auch der Anerkannte, von den Berufenen als ein Meister gewürdigte Saar ist nicht volkstümlich, ist kein Vielgelesener geworden — trotz der vortrefflichen und wohlfeilen Gesamtausgabe seiner Werke, die Jacob Minor zwei Jahre nach des Dichters Tod im Auftrag des Wiener Zweigvereins der Deutschen Schillerstiftung veranstaltete (Leipzig, Max Hesses Verlag), und zu der Anton Bettelheim eine feine, bei aller Freundesverbundenheit und Liebe, ernst abwägende Darstellung von Saars Leben und Schaffen beisteuerte. Als ich, etwa sechs Jahre nach dem Erscheinen der Volksausgabe, zum ersten Mal mit einer Klasse eine Novelle von Ferdinand von Saar las — es war die Geschichte: Die Steinklopfer, die von einem armen, verkümmerten Menschenpaar, von der Güte derer, die im Leben viel Not gelitten haben, und von ihrer im Elend aufblühenden Liebe erzählt — da hatte noch keines der erwachsenen Mädchen vorher von Saar gehört oder etwas von ihm gelesen. Und auch jetzt in einer Zeit, in der man schneller zum Verstehen wertvoller und ernster Bücher heranreift, haben immer noch wenige — auch Ältere — den Weg zu einem Dichter gefunden, der soviel zu geben vermag. Dieser Weg aber ist durch nichts erschwert, nicht durch epische Breite, die den gehetzten Menschen unserer Tage abschreckt, nicht durch gedankliche Überladung, nicht durch Künstelei oder schrullenhafte Sonderart. Ganz schlicht, wie die Wirklichkeit, nicht erfiinden sondern erlebt sprechen Saars Erzählungen als Lebensschicksale zu jedem. Sie lassen, wie Nadler gesagt hat, bei dem Leser den Eindruck kunstloser Natur entstehen. Und sie sind doch alles andere als vergängliche Unterhaltung. Sie haben einen Die Frankfurter Bank, Neue Mainzerstrafje 69 gegründet 1854 Tel. 20901 übernimmt die Ausführung aller bankmässigen Geschäfte Spareinlagen gegen Sparbuch Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen :