Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 366 te seine iSselin". „Er selbst? Hatte er denn nicht Sklaven und Sklavinnen, die das für ihn tun konnten? Aber weil er so von Hass erfüllt war, wartete er nicht ab, bis man ihn bediente; eiligst stand er selbst zu dieser Arbeit auf. Da sprach der Heilige, gelobt sei er: du Frevler, ihr Vater Abraham ist dir zuvorgekommen, als er zur Hingabe Jizchaks ging, da heisst's auch (1. M. 22,3) „er sattelte seinen Esel"." — Ein Doppeltes ist hier ausgedrückt. Einmal die allgemeine Beobachtung, dass der Hass einen Menschen die Rücksichten schliesslich vergessen läßt, die er sich selbst, seiner Würde und moralischen Geltung schuldig ist. Und das Andere, dass nur die Kraft des liebenden Gehorsams, nur das liebevolle Hinhorchen auf den Ruf Gottes dem Hass solch ein Gegengewicht bieten kann, dass es ihn schliesslich besiegt. Bileam musste Gott gehorchen und Israel segnen, wo er fluchen wollte. Musste er nur? Gehorchte er nur? Gewann er nicht die innere Einsicht, dass er zu segnen ein Recht, eine Pflicht hatte? Kam er nicht in Freiheit zum Segnen? Der Midrasch lässt ihn jene innere Einsicht gewinnen. „Als Bileam sah, wie Israel die leichten Gebote beobachtete, sprach er, wer könnte denen fluchen, die so seine Gebote beobachten." Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Worte leicht, und der Midrasch will sagen: nicht in dem Gehorsam gegenüber den grossen, wichtigsten, schweren Forderungen, die an den Menschen gestellt werden, offenbart sich eines Menschen innere Haltung, es ist leicht dort zu gehorchen, wo alles innerlich zum Gehorsam drängt, wo es sich um grosse Gegenstände, grosse Ziele handelt. Aber auch im Kleinen acht haben und nicht auf dem eigenen Willen beharren, darin erst offenbart sich innere Haltung. Und zum Beleg werden zwei Anekdoten erzählt, wie das so die Art des Midrasch ist, aus dem Alltäglichen heraus die Lehre zu finden, das Leben in seinem Alltag und seinem unbedeutenden Verrichtungen erstehen «u lassen, aber indem solche Anekdoten erzählt werden, werden nebenbei Hinweise gegeben, die teils zur Lehenskunst, teils zu einer inneren Haltung der Seele hinleiten. „Unsere Lehrer haben gelehrt: das Hände waschen vor der Mahlzeit ist eine in's Belieben gestellte Handlung, das Händewaschen nach der Mahlzeit Pflicht (weil man nämlich sonst mit dem an den Fingern haftenden Salz die Augen verletzen kann). Folgendes geschah einmal: in den Tagen der Religionsverfolgung war ein Krämer, der kochte erlaubtes Fleisch, aber auch Schweinefleisch, damit man nicht merke, dass er Jude sei. Und so hielt er esrwenn jemand in seinen Laden kam und sich nicht die Hände wusch, wusste er, das ist kein Jude, dem setzte er Schweinefleisch vor; wusch" einer sieh aber die Hände und betete, so wusste er, das ist ein Jude, und er gab ihm erlaubtes Fleisch zu essen. Einmal kam ein Jude, der wusch sich nicht die Hände, dachte der Krämer, er sei kein Jude und setzte ihm Schweinernes vor. Er ass und betete nicht. Als es zum Bezahlen kam — Schweinefleisch hat höheren Preis — sagte der Krämer, du hast so und so viel zu zahlen, denn von dem Fleisch, das du assest, kostet das Stück 10 Münzen. Der Mann erwiderte, gestern ass ich es für den Preis von acht und heute soll es zehn kosten? Sagte, der Krämer, was du hetite assest, war Schweinernes, das ist teurer. Als der Mann das hörte, war er im tiefsten erschrocken, die Haare stellten sich ihm zu Berge, und leise sagte er zu ihm': ich bin ein Jude, und du hast mir Schweinefleisch zu essen gegeben! Der Krämer erwiderte ihm: als ich sah, dass du assest, ohne die Hände zu waschen und ohne zu beten, dachte ich, du wärest kein Jude. Darauf geht das Wort der Alten zurück: „wegen des Nichtwaschens vor der Mahlzeit, bekam er. Schweinefleisch zu essen und wegen des Nichtwaschens nach der Mahlzeit kam es zu einem Totschlag"." Was bedeutet dieses Letzte? „Jemand hatte Hülsenfrüchte gegessen und nicht die Hände nachher gewaschen, er ging auf den Markt, und an seinen Händen klebten noch Reste von den Hülsenfrüchten. Sein Genosse sah ihn, ging zur Frau und sagte zu ihr, dein Mann lässt dir sagen, du sollst ihm den Ring schicken, und als Zeichen soll ich dir angeben, dass ihr heute Hülsenfrüchte zu Tisch hattet; sie gab ihm den Ring; nach einer Weile kam der Mann, fragte nach dem Ring; sie sagte, der und der kam, nannte mir dein Zeichen, da gab ich ihn' ihm. Da wurde der Mann so wütend, dass er sie zu Tode schlug. Daraufhin hat man das Wort geprägt, wer nicht die Hände nach der Mahlzeit wäscht, der ist, als schlüge er jemand tot. Darum warnte der Heilige, gelobt sei er, Israel auch wegen der leichteren Gebote (5. M. 32,47) „nicht ein leeres Wort ist es für euch, sondern es ist euer Leben". Selbst eine Handlung, die du als leer und gering ansiehst, Leben und Dauer der Tage ist mit ihr verknüpft." Die Anekdote ist eine Spielerei, man scheute sich einstmals nicht, mit solchen Scherzen die' Belehrung zu würzen und zu verlebendigen. Hinter der Phantastik aber steckt der Ernst des Gedankens, dass es in der Pflichterfüllung den Unterschied von wichtig — unwichtig, wert — geringfügig nicht geben darf. Vom jüdischen Schulwesen in Palästina von Dr. Max Salomon Bei der Betrachtung der Schulverhältnisse in Palästina müssen zwei Erscheinungen als bedeutungsvoll und in gewissem Sinne als entscheidend festgestellt werden. Einmal die Tatsache, daß es bis jetzt eine Schulpflicht im eigentlichen Sinne des Wortes nicht gibt. Für den jüdischen Bevölkerungsteil Palästinas ist dieses Fehlen einer zwangsmässigen Regelung des Schulbesuchs nicht so entscheidend, wie es zunächst scheinen möchte. Bei der besonders intensiven und liebevollen Pflege des Kindes und dem dauernden Ueberprüf en seines Werdens ist es für den Juden in Palästina eine elementare Pflicht, der heranwachsenden Jugend eine nach der Einstellung zu religiösen und weltanschaulichen Fragen/ im einzelnen zwar verschiedene, im ganzen jedoch nach einheitlichen Normen, geregelte Bildung angedeihen zu lassen. Zunächst könnte es scheinen — und damit kommen wir zum «weiten entscheidenden Punkt — als ob die eben angedeutete Verschiedenartigkeit des religiösen und weltanschaulichen Standorts so gross wäre, daß bei der hierdurch bedingten Manigfaltigkeit des schulischen Lebens eine über alle Gegensätze hinausreichende Bindung an ein allgemeines Bildungsziel überhaupt nicht mehr möglich wäre. So ist es glücklicherweise nicht Bei allen Schulkategorien, mögen sie im einzelnen noch so weit auseinandergehen, ist der Wille vorhanden, über alle Gegensätze hinaus Menschen heranzubilden, die zur Erfüllung aller, auch der höchsten Pflichten, die das Land ihnen aufzwingt, entschlossen und befähigt sind. Es ist selbst für den Fachmann, auch dann wenn er auf Grund besonderer Beziehungen zu Personen und Fachgruppen die Möglichkeit hatte, sich einen tiefen Einblick in das Leben der Schule, ihre Ideologien und Organisationsformen zu verschaffen, nicht ganz leicht, sich in wenigen Wochen ein klares und zuverlässiges Bild von den dortigen Schul Verhältnissen zu machen. Aber trotz der durch diese Einschränkung bedingten Unzulänglichkeit aller Darstellungen dieses Gebietes und, somit auch der vorliegenden, dürften die folgenden Ausführungen in einigen Fragen ideeller und organisatorischer Art klärende Hinweise und die Möglichkeit einer Orientierung enthalten. In Palästina sind folgende Schul-Arten offiziell anerkannt: 1. ) Kindergarten 2. ) Volksschule 3. ) Mittelschule 4) Lehrerbildungs-Anstalten 5.) Fachschulen Daneben bestehen eine Reihe von privaten Schulen, die in ihren engeren Aufgaben und Zielen1 einer bestimmten Richtung dienen, von ihr eingesetzt und-unterhalten werden. In diesem Zusammenhang müssen die landwirtschaftlichen Schulen in Nahalall, Mikwe Jissrael, die Schule des Kinderdorfes Ben Schemen, die Schulen