Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094426-3094436--5268-3100079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugapreis für Gemeinde mitglieder vierteljährlich 45 Rpfg. (einschl. Zustelhmgs- und Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Rpfg. — Jahres bezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.- zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: SammelnummerH. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. — Anzeigen- Verwaltung: M. Isaac & Co., Reineckstr. 17/19, Telefon: 24888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluss für die nächste Nummer: 20. Juli 1936 — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 14. Jahrgang Frankfurt a. M., Juli 1936 Nr. 10 Das Schriftwort Bileam von Max Man kann! ohne jegliche Uebertreibung sagen, dass die Erzählung von Bileam zu den zugleich bekanntesten und wichtigsten Kapiteln der Heiligen Schrift gehört. Die Figur des Hassenden, dem wider seinen Willen sich der Fluch in Segen.kehrt, ist, seit diese Erzählung in's Bewusstsein aller mit der Bibel Vertrauten eingegangen ist, unverlierbar. Der Gedanke, dass Gott alle Hasswünsche zunichte macht, weitergeführt in dem Psalmenworte (2,4) „der im Himmel weilt lacht, Gott spottet ihrer", ist von bleibendem Trostgehalt. Worte aus den Bileam-Sprüchen, wie etwa (4. M. 24,5) „wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel", sind in den unmittelbaren Besitz des frommen Bewusstseins eingegangen, haben die persönliche Frömmigkeit bewegt und sind zum Ausdruck des Urteils über Israel und die nichtisraelitische Welt geworden. Nur zu selbstverständlich, dass man auf die Erzählung im ganzen und jedes ihrer Worte mit besonderer Aufmerksamkeit geachtet und ihnen eine über die zeitliche Gegebenheit hinausragende Bedeutung zugemessen hat. Die Aufmerksamkeit nahm zunächst die Frage in Anspruch, wie es denn kam und zu verstehen sei, dass es Propheten Gottes unter der Heidenwelt gab, Menschen, die Gott erkor, sein Wort zu künden, und die innerlich doch wider dieses Wort standen. Wie ist das zu erklären? „Das ist's, was geschrieben steht (5. M. 32,4) „der Fels, untadlig ist sein Tun, denn alle seine Werke sind Recht"; denn der Heilige, gelobt sei er, hat den Heiden nicht die Rechtfertigung gelassen, zu1 sagen: Du hast uns selbst ferngehalten und uns nicht gegeben, was Du Israel gegeben hast. Was tat darum der Heilige, gelobt sei er? Wie er Könige, Weise und Künder für Israel bestellt hat, so auch für die Götzenahbeter, und die einen wie die anderen wurden geprüft. Er bestellte Schelomo zum König über Israel und das ganze Land und ebenso tat er mit Nebukadnezar, so heisst es (Jirmej. 27,6) „auch das Getier des Feldes, gab ich ihm, daß es ihm diene"; der eine baute das Heiligtum, und Lobgesänge und Gebete sprach er, der andere hat das Heiligtum zerstört und Gott geschmäht und gelästert (Jeschaj. 14,14) „hochauf steige ich, wolkenkuppenhoch, mit dem Höchsten mess ich mich". Er gab Dawid Reichtum, da weihte er das Haus dem Namen Gottes (Ps. 30), er gab Haman Reichtum, da wollte er ein ganzes Volk zur Schlachtbank führen. Alles was Gott Grosses Israel gab, gab er den Heiden auch. Er Hess Israel Mosche erstehen, dass er mit ihm rede, wann immer er wollte, er liess jenen Bileam erstehen, dass er mit ihnen rede, wann immer er wollte. Was ist der Unterschied zwischen den Kündern in Israel und den Kündern unter den Heiden? Die Künder in Israel warnen die Heidenvölker wegen ihrer Sünden, wie es heisst (Jirmej. 1,5) „zum Künder für die Völker habe ich dich bestimmt", und die Künder aus den Heidenvölkern reiesen einen Riss, um Menschen aus der Welt zu vertilgen; und ferner: die Künder aus Dienemann Israel waren voll Erbarmen für alle, so heisst es (Jeschaj. 15,5) „mein Herz klagt um Moab", und (Jechesk. 27,2) „erhebe über Tyrus Klagegeschrei", und dieser Bileam war grausam und wollte ein ganzes unschuldiges Volk ohne Grund vernichten." Was ist Sinn und Gedankengang dieses Midraschs? Zunächst will er den Universal ismus unserer Gottesvorstellung zum Ausdruck bringen. Er zeigt auf, dass nichts von dem, worauf Israels Grösse beruht, etwa nur Israel zu eigen war; sogar die Prophetie ist nichts1 nur zu Israel Gehöriges. Alle Völker stehen unter Gottes Auge und allen lässt er die gleiche Liebe zuteil werden, und Israel hat nichts voraus. Zugleich wird der Gedanke ausgesprochen, dass es der Mensch selbst ist, der die Gaben und Möglichkeiten, die Gott ihm gönnt, nach seinem eigenen Willen nutzt, zum Guten wie zum Bösen, in seine Hand ist seines Tuns Richtung gelegt. Und mit einer unerreichten Eindeutigkeit wird das Wesen des rechten Künders bestimmt, dass er voller Liebe und Erbarmen sein muss, dass auch da, wo er Strafe, Untergang künden muss, durchklingen muss, wie leid ihm das tut, welches Mitleid er mit den Unglücklichen hat, dass er nie seinem Hass nachgeben darf, auch da, wo er Feind sein darf, und dass jede Härte ihm fern bleiben muss. Die Schrift erzählt, dass Bileam zweimal in der Nacht die Erscheinung Gottes hatte, dass Gott ihm das erste Mal das Mitgehen mit den Abgesandten Balaks verwehrte, das zweite Mal dann schliesslich gestattete, aber nur unter der Bedingung, dass er segne und nicht fluche. Warum erschien ihm Gott in der Nacht? Warum liess er ihn gehen und verbot es ihm das zweite Mal nicht auch ganz und gar? „In der Nacht! Das ist's, was geschrieben steht (2. M. 12,42) „eine Nacht der Bewahrung ist es IHM". Alle Wunder, die Israel geschehen sind, dass Vergeltung an den Bösewichtern geübt werde, waren in der Nacht. So (1. M. 20,3) „Gott kam zu Abimeleeh in der Nacht" — und rettete Sarah, so (1. M. 31,24) , und Gott kam zu Laban dem Aramäer im Traum der Nacht" — und rettete Jakob, so beim Auszug aus Aegypten „und es geschah um Mitternacht"." — Was ist der Sinn? Alle Errettung ist schon angebaut in der Nacht des Leidens, wenn sie auch erst im Licht des Tages erkennbar wird. „Gott sprach das zweite Mal: geh mit den Männern; man kann daraus lernen, dass der Mensch auf den Weg geführt wird, den er von Anfang an gehen will." Welche Beobachtung! Wie tief psychologisch ist das gedacht und gesagt! Der Mensch suggeriert sieh selbst, wenn er — scheinbar — im Dilemma ist, soviel Gründe für das, was er im Unbewussten seiner Seele in Wirklichkeit will, bis er glaubt, er habe sich in langem Kampfe endlich entschieden, und in Wahrheit tut er, was er beim ersten Aufkommen einer Frage von innen heraus, seiner Natur nach gewollt hat. „Es heisst (4. M. 22,21) „Bileam stand früh auf und er sattel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.