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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-06-01 · 9 (6.1936) · p. Seite 359

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
9 (6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 359 (sequence 33)
Language
German
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Seite 359 ein Doppelhäuschen, einstöckig, inmitten eines großen Platzes; mit Vorgarten. Sie ist soeben eröffnet worden. — Zwei gut geleitete, rituell geführte Hotels: Kronprinz, Taunusstraße 46, und Ritter, Taunusstraße 45. Außerdem zahlreiche jüdische Pensionen und Mittagstische. Sehenswürdigkeiten von allgemeinem Interesse. Der Hugo- Reisinger-Brunnen, die „Visitenkarte" der Stadt, am Bahnhofsplatz; die Wilhelmstraße, an ihrem Anfang das neue Museum mit beachtenswerter naturwissenschaftlicher und Kunstsammlung; als ihr Abschluß eine der schönsten Platzanlagen Deutschlands: im Osten die großartige Kurhausanlage von Friedr. Thiersch mit einem der prunkvollsten Konzertsäle Deutschlands (Dirigent: Generalmusikdirektor Schuricht); im Süden das Deutsche Theater, früher Nassauisches Landestheater (die Wandelhalle von Baronin Oppenheim aus Dessau gestiftet und von Baurat Genzmer nach dem Muster des Foyers der Pariser großen Oper erbaut). Im Westen das Hotel „Vier Jahreszeiten"*) mit architektonisch bemerkenswertem Speisesaal, „Hotel Rose" und „Nassauer Hof". Eine großzügige Umgestaltung der Kuranlagen vom „Paulinenschlößchen" über die neue Kochbrunnen-Anlage zum Kurhaus und Kurgarten hat diesen Mittelpunkt der Kurstadt glanzvoll erneut. Alte Koch brunnenquelle und Ausschank. In der Langgasse die älteste Apotheke Wiesbadens, 1672 gegründet: die Schützenhof-Apotheke (Max Holländer). Römertor und Heidenmauer an der Coulinstraße. Das alteRathaus und der alte Marktbrunnen am Marktplatz, die Landesbibliothek in der Rheinstraße (150000 Bände). Ausflüge. Wiesbaden ist Hauptstadt des Taunus, in nahem Halbkreis von ihm umgeben. Immer neue Ausflüge lassen die Vielgestaltigkeit des lieblichsten deutschen Gebirges erkennen, mit seinen Hochwäldern und Langtälern, seinen hundert Heilquellen (Wiesbaden allein zählt 27), seinen 100 Burgen, seinen „Judenköpfen" und „Judenpfaden", die auf besondere Kapitel jüdischer Lebensnot im deutschen Mittelalter hindeuten, seinen Römerkastellen, Limesgräbern und Kingwällen, die von der Weite und Macht römischer Herrschaft wie dem Opferwillen und der Freiheitsliebe der heimischen Stämme zeugen. Genannt seien einige Nahwanderungen: Neroberg (berühmter Aussichtspunkt); nahebei das O p e 1 b a d in 300 m Höhe, eine in Deutschland einzig dastehende Anlage. Platte, ca. 500 m, mit Jagdschloß (sehenswertes Treppenhaus und außerordentliche Geweihsammlung). Bierstadterhöhe mit schöner Aussicht über Wiesbaden und Mainz. Unterhalb der Bierstadterhöhe Wiesbaden-Bierstadt, ziemlich alte Judensiedlung, heute nur noch wenige Familien. In dem schon erwähnten Gedichtband des Heimatdichters C. C. Wendel ist eine noch im Volksmunde lebendige Sage vom Bierstadter Judenhause des Selig festgehalten, der nach langem Zögern mitten im Winter seinen guten Ofen einreißt, weil ihn das Bild des Gekreuzigten daran beunruhigt, und der unter dem Schutt des Ofens einen Goldschatz findet. Auch W.-Frauenstein, alte, aber winzige Judensiedlung, 1000jährige sagenumwobene „Blutlinde" an der üorfstraße, Goethestein auf der Höhe; lohnender Weg; ebenso nach W.-Sonnenberg (alte Judensiedlung) mit Burgruine und Burgmuseum. — Etwas weiter, also Tagestouren, Kellerskopf, Chausseehaus-Schläferskopf mit schönem Rundblick vom Aussichtsturm. — Hohe Kanzel. Eichen — Platte — Kellerskopf — Niedernhausen (zurück mit Autobus oder Bahn). Wir wenden uns auf unserer Wanderung dem Stadtteil Do tzh e i m zu. Bis vor einem Jahrzehnt selbständig, besaß es seit langem eine kleine Judengemeinde, der als Sohn eines ihrer Lehrer im Jahre 1801 der bedeutende Rabbiner Dr. Salomon Herxheinior, späterer Landesrabbiner von Anhalt-Bernburg, entsproß. (Seine wortgetreue *) Dieses Hotel war Kuraufenthalt der Kotschilds, und von hier aus stiftete Maier Amschel Rotschild 1825 je 1000 Gulden für den Neubau einer katholischen Kirche und einer Synagoge in Wiesbaden. Dagegen halte der „Münz-Kiilrenrem'ur" des großen Friedrich, Veitel Heine Ephraim, im „SchüUenhof" logiert. Pentaleuch-Übersetzung ist ausgezeichnet, aber lange vergriffen.) Auf dem Dotzheimer Ortsfriedhof künstlerisch hochstehendes Ehrenmal für die Gefallenen. Der wuchtige architektonische Teil von dem Wiesbadener Rudolf Joseph (Erbauer der eigenartigen und sehr stimmungsvollen Synagoge zu Dieburg). Von Dotzheim zum Chaussee-Haus IV4 Std.; eine weitere halbe Stunde zum Schläferskopf (Wegmarke: schwarzer Punkt), in weiteren % Std. zur Hohen Wurzel. Obere Aussichtsplatte des Turmes 650 m, eine der schönsten Aussichten am Rhein. Das Hochplateau hat wunderbaren Tannenwald; schwarzgrün turmhoch der alte, hellgrün und saftig der junge. Jetzt in kleinen % Std., den Rheinhöhenweg südwestlich abwärts nach Schlangenbad, 500 Einwohner; seit 300 Jahren als Badeort bekannt; 10 Heilquellen. Immer nur wenige Judenfamilien, 2—3, die zu Bad Schwalbach gehörten. Lange Zeit im 18. Jahrhundert Abenteurer-Treffpunkt, da sie durch einen die nassauisch-kurmainzische Grenze überschreitenden GaJleriegang etwaigen Fahndungen leicht entwischen konnten! Später, von .1800 an etwa, zahlreiche jüdische Kurgäste, jüdische Spielbank-Besitzer, jüdische Unterhaltungskapellen. Zu den ersteren gehörten als Stammgäste Giacomp Mayerbeer und Jenny Lind, die von Bismarck hochgeschätzte „schwedische Nachtigall". (Zu jener Zeit war Schlangenbader Wasser das modernste Hautpflegemittel in Paris, Moskau, Wien!) Unter den Kapellen war die beliebteste die des streng orthodox lebenden Hähnle Hachenburger, dessen ebenso thoratreuer Sohn und Nachfolger Herz später als „H o f m u s i k u s Herz" eine führende Rolle im Darmstädter Musikleben spielte und als erster jüdischer Kapellmeister moderner Art mit seinem 36 Mann starken Orchester Konzertreisen bis nach Köln und Amsterdam unternahm. Er schrieb die damals im Hessenlande üblichen Synagogenmelodien nieder. — Schöne Ausflüge nach Hausen v. d. Höhe, nach dem berühmten Weinort Rauenthal, nach Georgenborn. — Von Schlangenbad in zwei Stunden (roter Punkt), aber auch von der Hohen Wurzel direkt über R e s t a u - rant „Schanze" in 1 % Std., beide Wege durch stillen, prächtigen Hochwald, nach Bad Schwalbach; Es ist das dritte der Westtaunusbäder von Weltruf. 3000 Einwohner; schon 790 als Bauernhof erwähnt; seit dem 15. Jahrhundert Kurort mit etwa 1 Dutzend Quellen, worunter heute der Weinbrunnen und der Stahlbrunnen die wichtigsten sind. 1583 schickt Dr. Paul Luther, Sohn von Martin Luther, seinen Patienten Kurfürst August v. Sachsen hierher. Nach dem 30jährigen Krieg allmählich Luxusbad ersten Ranges, heute hinter Wiesbaden zurückgeblieben. — Judengemeinde schon vor dem 30jährigen Krieg. Als die Bürger vor den damals kriegsüblichen Räubereien in der Burg Hohenstein, % Std. südwestlich Schwalbach, Schutz finden, werden die Juden zurückgewiesen. Mit den Leibeigenen finden sie ein Waldversteck beim heutigen Judenborn. Am späteren Aufstieg des Bades haben die wohlhabenden Frankfurter und Mainzer Juden starken Anteil, trotzdem zwar eine Synagoge vorhanden, aber kein jüdischer Arzt zugelassen war. 1715 verbietet die Luxus- und Kleiderordnung der Frankfurter Gemeinde bei Strafe des Bannes und einer Buße von 100 Thalern den Kuraufenthalt in Schwalbach vom 1.—9. Aw, weil die Schwalbacher gute Küche die Frankfurter Feinschmecker zur Uebertretung der Vorschriften für „die 9 Tag" verführte. Modernste und teuerste Delikatesse waren damals allerdings selbst bei Fürsten „frische Heringe"! In demselben Jahre 1715 wird die noch heute unveränderte „neue Synagoge" in der Erbsengasse eingeweiht. Die jüdischen Kurgäste müssen einen besonderen Kursaal, den „Judensaal", benutzen, der aber auch von den Nichtjuden stark besucht wird, weil es dort amüsanter zugeht, und die Judenmusikanten besser aufspielen und singen. Hervorragend muß IsacherSüßlc i n d, Vater von „Jud Süß" Oppenheimer gewesen sein, „ein herrlicher Discantist, ein Tochtermann des berühmten S i n g e r s R. S c h m e 1 e C h a f a n s *), welcher diese einzige an Süßkind verheiratete Tochter gehabt und sich zu Frankfurt aufgehalten und daselbst gewohnt hat." (Jud Süß war also Enkel eines *) Soll natürlich Srhiuule Chasans heißen, d. h. Habbi Samuels, des Vorbeler«.

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