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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-06-01 · 9 (6.1936) · p. Seite 358

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
9 (6.1936)
Date
1936-06-01
Page
Seite 358 (sequence 32)
Language
German
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Seite 358 jüdischen Familien. Diese gehören zur Gemeinde Wiesbnden-Bierstadt und benutzen deren Synagoge (3 km nördlich) und Friedhof; ebenso die Juden in Igstadt (3 Familien). Von Erbenheim entweder Wanderung A über das eigentliche Wiesbaden und Hohe Wurzel oder Wanderung B über Wiesbaden-Biebrich, Wiesbaden-Schierstein — Eltville — Winkel — Presberg — Wispertal nach Bad Schwalbach. A. Stadt Wiesbaden — Hohe Wurzel — Bad Schwalbach Von Erbenheim mit Straßenbahnlinie 5 zur Endstation Hauptpost, Rheinstraße, in Wiesbaden Hauptstadt des Regierungsbezirks W., nach Einverleibung von Sonnenberg, Bierstadt, Erbenheim, Biebrich, Schierstein, Frauenstein und Dotzheim, die alle eigene, z. T. alte, Judensiedelungen besaßen, heute 165 000 Einwohner,-darunter etwa 2000 Juden (um 1930 rund 3200). Zur Römerzeit „Aquae Mattiacao", „M;irti;iki.sohP Quellen" nach der Völkerschaft der Mattiaker, römischer Badeort und bürgerliche Niederlassung. Zur Zeit Karls des Großen als „Wisibada", Wiesenbad, Vorort des Königs-Sondergaues. Kommt 1150 an die Gaugrafen von Nassau. Im 14. Jahrhundert wird es wieder Badeort, und seine beiden Geschlechtern gemeinsam offenen Bäder erregen manches Aergernis. Mehrfach kriegsverheert, sieht es gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges Hasen und Rebhühner auf seinem Marktplatz nisten. Langsam zuerst, schneller seit 1816, als W. Hauptstadt von Nassau geworden war. ficht aufwärts, noch schneller in preußischer Zeit. — Vereinzelte Juden wohnen seit dem 14. Jahrhundert hier. Der erste 1385 namentlich erwähnte, heißt Kirsan (Gerson); 1427 wird der Jude Gebhardt als Hausbesitzer genannt. Die Zahl wächst. Die erste heute noch nachweisbare Judenwohnung ist die des Juden Joseph, der 1573 mit Frau, Sohn und Begleitung im Badhaus zum Helm (heute Hotel goldene Kette), Goldgasse 1, Wohnung nimmt, rituell lebt, eigene Betstube einrichtet. Auch jüdische Badegäste gibt es damals schon und einen jüdischen Glaser Gump, der in der Metzgergasse, der heutigen Wagemannstraße, wohnt, mit Glas und Nägeln handelt und sogar Kredit gewährt. Einige Jahrzehnte, man weiß nicht warum, ist Wiesbaden judenfrei, aber 1620 nimmt die Bevölkerung eine Anzahl Judenfamilien, die vor den Spaniern aus Eppstein fliehen mußten, freündlich auf. Das „Judenbad" wird der Stern. Nach ihm gibt's zwei Judenbäder: Die „Zwei Böcke", noch heute in der Häfnergasse, und den „halben Mond". Die Seelenzahl der Gemeinde wie die der jüdischen Kurgäste wächst, obwohl die Wiesbadener K'hillah neben der Idsteiner (Wiesbaden gehört zur Herrschaft Nassau-Idstein) noch an Bedeutung zurückbleibt. Der erste uns bekannt« Rabbiner von Idstein und Wiesbaden ist R. David Grünhut, der gleich seinen Kollegen von Hanau, Darmstadt und anderen Landgemeinden in Frankfurt wohnt. Er ist hier Leiter der Oppenheimerschen Jeschiwah, ist Kabbaiist und Freund von Johann Jacob Schudt, der sich in seinem berühmten Buch „Jüdische Merkwürdigkeiten" auf ihn als den „mir durch öftere Konversation familiäre" R. David Grünhut beruft. Zur Bibelübersetzung des unerbittlichen Judenfeindes Prof. Andreas Eisenmenger („Entdecktes Judentum" stammt von ihm) schreibt R. David eine Vorrede! Noch interessanter sein Nachfolger R. Hirsch Henoch Frenkel, Freund des Rabbi Chajim Bacharach, Rabbiners von Koblenz (Grab auf dem alten Wormser Friedhof). Frenkel, ebenfalls Kabbaiist, geht 1700 als Oberrabbiner nach Ansbach, kommt 1712, der Unredlichkeit und Zauberei beschuldigt, ins Gefängnis und wird nach 24 Jahren, 74iährig, entlassen. (Carmoli: „Der Gefangene", im „Israelit" 1868.) Großes Aufsehen erregt um 1720 der Fall von „Heinrich Tileman König, Bürgern und Wagnern", der sich trotz Gefängnis und sonstiger Repressalien öffentlich zum Judentum bekennt, ohne allerdings Jude zu werden. 1724 wird das Bad zum „Rebhuhn", der heutige „Pariser Hof" in der Spiegelgasse, eröffnet: Der „Rebhinkel", das bald auch eine Betstube enthält. Der Friedhof auf dem Kuhberg (heute „Schöne Aussicht") wird erweitert. Aehnlich wie in Frankfurt zwischen den Kann und Drach wütet in W. um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Jahrzehnt hindurch ein Gemeindekrieg, eine Folge allgemeiner Jagd nach Aufnahme jüdischer Kurgäste. Der Polizeidirektor entscheidet: da den jüdischen „Honoratioren'", den "„sogenannten Fürsten des Volkes", die Einkehr in bessere christliche Badhäuser freisteht, und das „Rebhuhn" den übrigen genüge, bestehe keine Wohnungsnot für jüdische Kurgäste; vorübergehend Durchreisende können logieren, wo sie wollten, auch bei jüdischen Privatleuten. Rabbiner von „Wiesbaden und Idstein" ist damals, 1760—1790, R. Abraham joseph aus „Tennen- 1 o h e" in Mittelfranken, der durch Heirat zugleich Badhausbesitzer wird und beide Berufe seinem Sohne Rabbi Heyum (Chajim) Abraham „Dentla" vererbt. Sein Enkel Abraham M o s e s „T e n d 1 a u" stirbt 1878 als Privatgelehrter und mit Recht „vielgelesener" Schriftsteller in Frankfurt; ein letzter männlicher Nachkomme der Manneslinie lebt noch in Wiesbaden. 1832 bis 1838 wirkt als erster modern gebildeter Rabbiner der Gemeinde Wiesbaden Abraham Geiger und legt hier die wissenschaftliche Grundlage für das liberale Judentum sowohl mit seiner Zeitschrift „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologen" wie mit der von ihm 1837 einberufenen ersten liberalen Rabbinerversammlung in der Welt. So rückt Wiesbaden für wenige Jahre in den Brennpunkt jüdischen Interesses. Geiger, Sprößling einer alten Frankfurter Familie, wird nach längerer Amtszeit in Breslau Rabbiner seiner Vaterstadt und wirkt zuletzt in Berlin. Er stellt eine neue, wichtige Beziehung zwischen den Gemeinden Frankfurt und Wiesbaden nach den schon erwähnten dar. In den folgenden Zeiten bis zum Weltkriege starker Aufschwung der Gemeinde wie der Stadt, der wohl zum Bau einer staatlichen Synagoge und Anlage eines neuen schönen Friedhofs, 1891, nicht aber zur Erwerbung oder zum Bau eines Gemeindehauses oder auch nur eines dazu geeigneten Grundstückes führt — ein heute sehr schmerzlich fühlbarer Mangel. Stillstand während des Krieges, danach zahlenmäßig kurzer Aufstieg. Seit 1933 starke Abnahme der Seelenzahl durch Abwanderung, vor allem der Jugend, und durch Tod, zu einem gewissen Teil freilich ausgeglichen durch steten Zuzag von Rentnern und pensionierten Beamten, die allmählich den Charakter der Gemeinde prägen werden. Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde und des Rabbinatsbezirks Wiesbaden, der 25 Gemeinden umfaßt, ist Dr. Paul Lazarus. Rabbiner der Altisraelitischen Kultusgemeinde (orthodoxe Separatgemeinde) ist Dr. Jonas Ansbacher. Auch der Begründer dieser Gemeinde, Altrabbiner Dr. Leo Kahn, lebt 95 Jahre alt, in glücklicher Rüstigkeit in Wiesbaden. Von den Bezirksgemeinden liegen W.-Bierstadt, W.-Biebrich und W.- Schierstein seit der Stadterweiterung auf Wiesbadener Gebiet und verwalten sich selbst; aber einen eigenen Lehrer hat nur noch W.- Schierstein. Jüdische Sehenswürdigkeiten Die Hauptsynagoge am Michelsberg Erbaut von Oberbaurat Hoff mann, 1869 geweiht; stattlicher maurischer Bau mit schönklingender Orgel. Zahlreiche geschmackvolle Thora-Mäntel, sehenswerter Silberschmuck; unter den Vorhängen ist auch ein Geschenk von Mainzer Frauen als Dank für freundliche Aufnahme durch die Wiesbadener Juden während der Mainzer Judenunruhen Ende des 18. Jahrhunderts sehenswert. Synagoge der Altisr. Kultusgemeinde, Friedrichstraße 33, würdig und luftig, mit schönen Nebenräumen. — Ostjüdische orthodoxe Betstätte „Talmud Thora", Blücherstraße 6. Ahawath Zion, Geisbergstraße 4, hat nur an Sabbath und Festtagen Gottesdienst. Es bestehen ein Altersheim, ein Tagesheim für Kinder, eine rituelle Mittelstandsküche, Gern e i n d e b i b I i o t h e k und die üblichen zahlreichen Vereine, von denen das Jüdische Lehrhaus, mitbegründet von Franz Rosenzweig- Frankfurt, als besonders wichtig genannt seien. Außerordentlich schön der erwähnte alte Friedhofauf dor schönen Aussicht (Schlüssel beim Kastelllan der Hauptsynagoge). Auf dem Neuen Friedhof an der Platterstraße eindrucksvoller Obelisk mit den Namen der Kriegs gefallenen der Gemeinde. — Die letzte Errungenschaft der Gemeinde ist die jüdische Volksschule, schräg gegenüber der Mündung der Gartenfeldstraße in die Mainzer Straße;

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